Tag 18    Staunen, Natas & Totenschädel in der weißen Stadt.

Evora & Camping Avis am Stausee Barragem do Maranhão (Südosten Portugals).

 

 

Bis nach Ėvora sind es noch 60 Kilometer. Die Straßen sind leer und der Weg führt uns durch Korkeichenwälder.  Korkeichen soll es nichts ausmachen, geschält zu werden. Das Schälen erfordert ein besonderes Geschick und es gehört mit 120 Euro Stundenlohn zu den bestbezahltesten Handwerksberufen in Portugal.

 

Wir halten an und betrachten die Bäume aus der Nähe. Wofür diese Bäume hier ihre Rinde wohl hergeben musste? Vielleicht für Weinflaschen? Oder für Bodenbeläge?  

 

In Ėvora müssen wir ein bisschen nach einem Parkplatz suchen, können dann aber beim Viadukt parken und daran entlang in die Innenstadt gehen.

 

Und ich bin begeistert von der weißen Stadt. Sie gehört zum Weltkulturerbe und ist eines der Juwelen unserer Portugal-Reise. Portugal ist echt der Hammer, denke ich immer wieder, und es nimmt kein Ende. Unglaublich!

 

In der Innenstadt rennen wir gleich erstmal fast gegen die Säulen eines römischen Tempels. 

 

Ich habe noch nie ein so altes Gebäude in Wirklichkeit gesehen. Glaube ich. Jedenfalls nicht mitten neben einem Kiosk. Wir setzen uns erstmal an einen der kleinen runden Tische des Kiosks und lassen diesen geschichtsträchtigen Ort auf uns wirken.

 

 

Ich bestelle etwas zu trinken und Natas für uns und ich starre dann mit meinem Cappuccino in der Hand den Diana-Tempel an. Anschließend gehe ich nah an sein Fundament und lege meine Handinnenfläche mit ausgespritzten Fingern auf die staubige Wand. Das zweite Jahrhundert anzufassen, relativiert alle möglichen Sorgen.

 

Nach den Natas gehe ich in die wunderschöne Kirche Igrea de São João Evangelista, dessen Eingang neben dem Kiosk ist.

 

Weil die Wände komplett mit blau-weißen Azujelos bedeckt sind, rechne ich mit einem Hauch Badezimmergefühl.

 

 

Beim Eintreten bin ich jedoch von der Schönheit einer ganz besonderen Ausstrahlung beeindruckt. Die Wände sind tatsächlich bis unter die Decke blau-weiß gefliest mit Figuren und Ornamenten. Es werden Bilder dargestellt, in die ich mich vertiefe.

 

Der Altar besteht aus goldenen Schnitzereien. Die Atmosphäre und die Ausstrahlung dieses blau-weiß-goldenen Refugiums überwältigt mich.

 

Dann zünde ich eine Kerze an und will erstmal gar nicht mehr weg.

 

Portugal Roadtrip

 

Ich lasse mir viel Zeit, setze mich in die letzte Kirchenbank und lasse alles auf mich wirken und genieße es, dass ich gerade in dieser unerwartet wunderschönen Kirche mit für mich so besonderer Stimmung bin. Ein kühler, irgendwie kraftvoller Ort mit dicken Wänden, eine kleine Ruheoase inmitten der sonnenhellen, freundlichen, lebhaften und warmen Stadt da draußen.

 

Als ich wieder hinaus ins Sonnenlicht trete, lege ich Tatti auch einen Besuch der Kirche ans Herz. Aber sie möchte lieber weitergehen, ist lieber draußen in der Sonne unterwegs.

 

Mein nächstes Ziel ist das Dach der Kathedrale der Nossa Senhora da Assuancao.

 

 

Ich schaue mich im gotischen Innenraum mit den hohen Säulen nur sehr kurz um, will sofort auf das Dach.

 

Also steige ich die Wendeltreppe hoch. Während ich mich da so im Kreis immer höher drehe, denke ich, dass ich jetzt eigentlich auch mal solche Besuche zu zweit machen will.

 

Aber in Kirchen und Kathedralen sind Hunde natürlich nicht erlaubt. Ich kenne das ja schon, bin aber trotzdem gerade ein bisschen traurig darüber, wenn ich die ganzen Paare hier sehe.

 


Ich gehe oben auf den geneigten Dachseiten hinunter bis zur Brüstung. Wow, die ist ganz schön niedrig. Ich kann von hier oben  über die Dächer und das umliegende Land bis zu den Bergen schauen. Und wenn ich mich vorbeuge, kann ich abstürzen. Wie gefährlich das ist! Vor allem hat man richtig Schwung drauf, wenn man bergab geht. Mir tippt Jemand auf die Schulter. 

 

Ein Mann fragt mich auf Englisch, ob ich ein Foto von ihm und seiner Frau machen kann. Klar, kann ich. "Where do you come from?" frage ich. "Poland, and you?". "Germany". Ich glaube, sie haben Mitleid mit mir, weil ich alleine hier oben bin. Ich muss mich dann auch von dem Mann fotografieren lassen, obwohl ich nicht will.

 

Portugal Roadtrip

 

Unten erzähle ich Tatti unten, dass ich neue Freunde habe. Das kratzt sie aber nicht. Sie denkt eh, dass ich komisch bin, wenn ich sowas sage. Bin ich ja auch.

 

 

Wir laufen auf den Hauptplatz zu, weiße Fassaden strahlen dort im Sonnenlicht. Es ist der Praça do Giraldo. Den Platz umgeben Arkaden, unter denen sich Cafés, Restaurants und kleine Geschäfte befinden.

 

 

Der weiße Kalkputz ist typisch für die Alentejo-Region. Er schützt die Gebäude vor Hitze und Sonneneinstrahlung und innen bleibt es kühler. Früher hat man mit weißen Fassaden auch Wohlstand, Pflege und Ordnung signalisiert. Und es ist auch noch hübsch anzusehen.

 

Die Arkadengänge bieten Schutz vor Sonne und Regen und geben dem Platz einen ganz besonderen Charme.

 

Sie entstanden im 16. bis 17. Jahrhundert und gaben Raum für Marktstände, Handwerker und kleine Geschäfte und sie machten den Platz flexibel nutzbar - z.B. für Feste, Märkte oder öffentliche Bekanntmachungen.

 


Jetzt kommt der verstörendste Moment der Reise - in der Kirche Igreja de São Francisco. 

 

 

Ich stehe in einem Raum, dessen Wände und Pfeiler mit menschlichen Knochen und Schädeln bekleidet sind. Es ist die Capela dos Ossos. 

 

Als man auf dem Friedhof Platz brauchte, entschied man sich gegen einen neuen Friedhof und hat die Gebeine von rund 5.000 Menschen hier - aus damaliger Sicht würdevoll - neu arrangiert. 

 

Ich kann es kaum glauben - der Anblick ist faszinierend und verstörend zugleich. 

 

Da starren mich doch tatsächlich hunderte Schädel aus dunklen Augenhöhlen an!

 

Früher ging man ganz anders mit Tod und Würde um. Man hielt es für eine praktische Lösung und die betroffenen Menschen selber wollten im Tod vielleicht sogar lieber hier aufbewahrt werden als irgendwo anonym verscharrt zu sein. 

 

 

Auf den Ecken des Gebäudedaches sind muskulöse Atlasfiguren zu sehen, die die Weltkugel tragen. Ach, auch schön, dass das Jemand übernimmt.

 

Es gibt so viel zu gucken. Évora macht Spaß und bekommt auf jeden Fall jede Menge Sternchen von mir!

 


Nun gehen wir wieder zum Auto und werden einen Schlafplatz suchen. 

 

 

Unser nächster Schlafplatz ist auf dem Campingplatz Avis beim Club Náutico und liegt am See Barragem de Maranhão.  Wir sind durch den letzten Campingplatz am Stausee auf den See-Geschmack gekommen. Dieser Platz kann dem Markádia aber leider nicht das Wasser reichen.

 


Wenigstens können wir bequem duschen, unsere Pizzabacktechnik auf dem heißen Stein optimieren und ein wenig auf das Wasser schauen.

 

So langsam kriegen wir den Dreh mit der Pizza im Grill auf unserem zugesägten Pizzastein auch raus. Das Problem bleibt aber, die belegten rohen Pizzastücke heil auf den Stein zu bekommen. 

 

Wir schlafen wieder am Stausee  -  auf dem Camping Avis am Barragem de Maranhão in der Region Alentejo:

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