Tag 8    Tag der Superlative - Panorama, Kirche & Portweinstadt.

Kirche Santuário de Santa Luzia, Viana do Castelo, Porto & Praia da Vagueira (Nordwesten Portugals).

 

 

Frühmorgens fahren wir den Monte de Santa Luzia hoch. Wir besuchen die Santuário de Santa Luzia - eine imposanten weiße Kirche mit Weitblick über die Stadt Viana do Castelo und über das Flussdelta des Lima und über einen großen Teil der Meeresküste.

 

Wir können hinter der Kirche parken und ich hab schon wieder Hunger. Hier sind sogar Picknicktische, wie praktisch! Leider will Tatti noch nicht frühstücken, gewinnt und ich muss mich mit dem Frühstück noch gedulden.

 

 

Die Kirche wurde architektonisch vom Sacré-Cœr in Paris inspiriert - was man auch sieht - und wird deshalb das portugiesische Sacré-Cœr genannt. Wir gehen zum Vorplatz der Kirche und nacheinander auch hinein.

 

Anstatt mit dem Auto kann man auch zu Fuß über eine Treppe oder mit einer Standseilbahn hochkommen. Ältere Bewohner von Viana do Castelo erzählen, dass sie die Treppen barfuß hinaufgingen - als stilles Gelübde oder aus Dankbarkeit, aus echter Hingabe. 

 

Ich setze mich in der Kirche unter eine hellblaue Himmelskuppel mit niedlichen Engeln in Pastellfarben und lasse sie auf mich herunterschauen.

 

Durch die Lage der Kirche so weit oben (250 m über dem Meeresspiegel) mit dem phänomenalen Blick ist es ein ganz besonderes Gefühl hier zu sitzen, anders als in einer Kirche in der Stadt. Aber das ist ja auch die Idee dabei, dass man dem Himmel in solchen Kirchen näher ist.

 


Draußen setzen wir uns auf die Mauer vor der Kirche, sitzen dort weit über der Stadt und dem Meer und ich lasse die Beine baumeln und genieße den Weitblick auf die Flussmündung, die Ufer und Brücke und auf die Häuser und Schiffe. Nebelfladen verfangen sich in den umliegenden Bergen - Wow!

 

 

Dort unten im Ort gab es mal einen Marineoffizier mit einem schweren Augenleiden. Er hatte Angst blind zu werden und betete zur heiligen Luzia - der Schutzpatronin der Augen. Sein Zustand soll sich gebessert haben und aus Dankbarkeit soll er sich öffentlich und finanziell sehr für den Bau der Kirche eingesetzt haben. 

 

Der Bau zog sich über mehrere Generationen und war ein gemeinsames Ziel der Menschen hier.  Fischer gaben Teile ihres Einkommens, Auswanderer schickten Geld, Familien gaben kleine Beträge dazu -  gerade im armen Norden Portugals war das keine Selbstverständlichkeit. Die Menschen im Ort sind stolz darauf, dass die Kirche aus Dankbarkeit und nicht aus Macht oder Reichtum entstand. 

 


Danach fahren wir ein kleines Stück weiter hoch zum 4-Sterne-Hotel Posada Viano do Castelo, weil man von dessen Terrasse aus erstklassig die Kirche und das Panorama dahinter zusammen auf ein Foto bekommt. Ich bin schon ganz aufgeregt.

 

Leider ist die Auffahrt zum Hotel aber dermaßen nobel und unser Outfit derart unnobel, dass Tatti vor dem Gelände abbremst, weil ihr das peinlich ist und sie es nicht möchte. Ich bekomme sie nicht überredet. Ich sage, dass die uns dann schon wegschicken würden, wenn es nicht passt, und dass wir fragen könnten, ob wir ganz kurz gucken dürfen. Nichts zu machen.

 

Als Tatti das Wohnmobil den Berg wieder hinunter lenkt, ärgere ich mich über mich selber, dass ich nicht einfach alleine die Auffahrt hochmarschiert bin. Das Panorama wurde vom National Geographic Magazine als das drittschönste der Welt bezeichnet. Und ist 2500 Kilometer von unserem Zuhause entfernt. Und ich stand dort gerade vor der Auffahrt. Mist, verflixter, ich hätte reingehen sollen! 

 

 

Jetzt fahren wir hinunter in den Ort Viano do Castelo und können prima am Hafen parken. Als wir aussteigen, tönt Marschmusik über den Platz zu uns herüber.

 

Oh, ein Fest, denke ich. Oh, Shit, scheint Hannes zu denken und springt mit eingezogenem Schwanz durch die noch offene Schiebetür ins Auto zurück, versteckt sich im Fußraum unter dem Lenkrad und rührt sich nicht mehr. Vielleicht denkt er ja, dass die Trompeten Elefanten sind.

 

 

Vor unserer Nase liegt das Krankenhaus-Schiff Navio Gil Eames, das noch bis 1970 auf der ganzen Welt im Einsatz war.

 

Ich gehe die Gangway hoch und stelle fest, dass man es besichtigen kann. Hannes darf nicht mit rein und im Auto ist es zu heiß für ihn. Also bleibt Tatti mit ihm am Hafen und ich schaue ich es mir für ein geringes Eintrittsgeld alleine an.

 

Ein Rundgang führt mich über mehrere Decks, schmale Gänge und Treppen immer weiter hinunter in den Bauch des Schiffes. Ich bekomme neben Krankenzimmern mit Altar, altertümlichen Behandlungsräumen, Lagerräumen und der Küche noch viele weitere spannende Bereiche zu sehen.

 

Auch alte Fotos schaue ich mir an, lese Informationen und vergesse die Zeit. Ich nehme natürlich auch das Steuerruder in die Hand und gehöre für einen Moment zur Crew von damals.

 

Das Schiff ist gerade ein riesiger Abenteuerspielsplatz für mich. Und ich bin die einzige Besucherin. So ein Schiff hätten meine Freundin Heike und ich damals mit neun oder zehn Jahren gut zum Spielen gebrauchen können. Schade, dass ich schon über zehn bin und dass Heike nicht hier ist.

 


Richtig gruselig finde ich dann noch den schäbigen Operationsraum, in dem mit lebensgroßen Figuren eine Operation nachgestellt wird. Schließlich bin ich ja auch gerade ganz alleine auf diesem riesigen Schiff.

 

Ich möchte nicht wissen, wieviel schlimme Sachen die Patienten hier damals erlebt haben. Irgendwie hatte ich nur mit ein paar Kochtöpfen, Matrosenbetten und einem Behandlungsraum gerechnet. Und jetzt das! Würde mich nicht wundern, wenn ich gleich auch noch Schreie höre. Ich gucke vorsichtshalber in den Ecken nach, ob da Lautsprecher installiert sind, sind aber zum Glück nicht.  

 

 

Dann hole ich Tatti und Hannes vom Hafenkai ab und wir lassen uns durch die Straßen der Stadt treiben. Beim Stadtbummel thront über der Stadt die ganze Zeit die hübsche Basilica Santa Lucia, als wache sie über alles.

 

Eine Kirche so nah am Himmel auf einen Berg zu bauen, ist und bleibt etwas Besonderes, finde ich. Ach ja, und rechts dahinter ist dann ja das Hotel mit dem Panoramablick zu sehen. Hm. Themawechsel!

 

Roadtrip Portugal

 

Wir schlendern durch die Stadt und lassen eine nette Stimmung in den Straßen auf uns wirken. Überall hängen bunte Wimpelgirlanden oder farbenfrohe Regenschirme.

 

In Viana do Castelo fallen mir sehr viele Wohnhäuser mit Azujelas auf, aber nicht mit Bildern oder Geschichten, sondern mit Mustern. Ich mag das! Die Fassaden mit den Azujelos war früher ein Statussymbol für wohlhabende Familien, sollte aber auch gegen Feuchtigkeit schützen und die Reinigung erleichtern. 

 

 

Von jeder Straße, jeder Ecke, überall kann man die Basilika auf dem Berg sehen. 

 

 

Mitten im Ort steht auf dem Hauptplatz ein pompöser Brunnen mit mehreren Becken. Früher diente er der Wasserversorgung. Er war ein Zeichen von Wohlstand und zeigt, wie sehr der Ort vom Seehandel profitierte. 

 

Auch ein burgähnliches Gebäude und eine verzierte Kirche sind am Platz. Alles wirkt wie aus verschiedenen Epochen zusammengewürfelt. Man merkt, dass hier gelebt und gebaut wird. Und dass sich hier schon immer Menschen mit ihren Ideen und Wünschen ausdrücken, dass sie in der Stadt präsent sind. Die Stadt ist mir auf jeden Fall sehr sympathisch. Und spannend finde ich diesen wilden Mix aus Florenz, Carcassonne, Paris und Porto auch! 

 

Jede Stadt hat ihre eigene Handschrift. Und Viano gehört definitiv zu den Städten mit sehr markanter Handschrift! 

 

 

Man sieht überall Wimpelgirlanden und in den Läden gibt es kleine filigrane Herzanhänger - sogenannte Viana-Herzen. Sie werden mit Liebe, Hingabe und Frömmigkeit verbunden und sind das Symbol der Stadt. Ich kaufe kein Herz, sondern gebe mein Geld für Natas aus, ich Fressraupe ich. 

 

 


Viana do Castelo ist eine wunderschöne Stadt mit toller Lage und hat auch einen schönen Strand, ist aber bei Urlaubern nicht so bekannt. Das ist sehr schade. Merkt euch die Stadt mal. 

 

Die meisten Menschen steuern Porto an, wenn sie nach Nordportugal kommen. 

 

 

Unsere Reise geht nach dem Stadtbesuch weiter gen Süden - an der Küste entlang nach Porto.

 

Ich habe herausgefunden, dass sich kurz hinter Viana do Castelo an der Autobahn auf einem Rastplatz eine der wenigen Easytoll-Stellen zur Registrierung für die Maut befinden soll. Also fahren wir nochmal auf die Autobahn und hoffen, dass es nun klappt.

 

Und tatsächlich! Wir fahren bis an einen Haltebalken und müssen eine Kreditkarte in einen Schlitz stecken. Fertig. Ich bin froh, dass wir unseren Status als illegale Autobahnnutzer nun endlich los sind und wir geben Gas. Meistens fahren wir natürlich kleinere Straßen, aber manchmal wollen wir auch vorankommen - zum Beispiel, wenn wir dem Regen davonfahren.

 

 

Wir kommen in Porto - der zweitgrößten Stadt Portugals - an und müssen erstmal über den Fluss Douro fahren, weil am anderen Ufer mehr Platz zum Parken für Wohnmobile sein soll.

 

Wir müssen aber trotzdem lange suchen und parken schließlich in einer Nebenstraße vor einem Geschäft.

 

Bevor wir losmarschieren, essen wir erstmal Natas. Als wir Geld in den Parkautomaten stecken wollen, ruft uns ein Portugiese zu, dass das am Sonntag nicht nötig sei. Nett gemeint, aber leider hat er sich geirrt, wird sich später herausstellen.

 

Wir gehen den Hügel hinunter und am Ufer des Flusses Douro nochmals ein Stück hoch auf den Vorplatz der Kirche Igrea de Serra do Pilar. 

Von hier haben wir einen tollen Blick auf Porto, auf die bunten Häuser und die Brücke und das pulsierende Leben an beiden Ufern. Porto gehört zu den hundert meistbesuchten Städten der Welt.

Auf unserem Platz vor der Kirche hat sich gerade eine Hochzeitsgesellschaft versammelt. In der Mitte kniet der Bräutigam vor der Braut. Sie ist gekleidet in ein weißes Kleid und trägt darüber einen schwarzem Umhang. Es werden portugiesische Lieder gesungen und dann lässt sie den schwarzen Umhang fallen.

 

Der Umhang symbolisiert die Treue der Braut zum Bräutigum. Und dann lässt sie ihn einfach so fallen? Hm, wie auch immer, es ist auf jeden Fall sehr schön, dass wir diesen besonderen Moment mitverfolgen dürfen. Nein falsch - Nur ich finde es schön und kann mich nicht losreißen.

 

Und Tatti trampelt von einem Fuß auf den anderen und findet es unnötig, hier so lange zu stehen und zuzugucken. Erst als nur noch Fotos mit der Großmutter gemacht werden, kann ich mich wieder Tatti und Porto zuwenden.

 

Die Brücke hat zwei übereinander liegende Ebenen, die untere für Autos und die obere für die Metro und für Fußgänger. Wir spazieren auf der oberen Brückenebene hinüber ins Centrum der Stadt.

Dort gehen weiter geradeaus bis zum Bahnhofsgebäude Porto São Bento. In der Bahnhofshalle schmücken jede Menge blaue Azulejos die Wände.

 

 

Die quadratischen bunt bemalten und glasierten Keramikfliesen haben ihren europäischen Ursprung in Spanien und Portugal. Sie werden noch immer hergestellt und sind weiterhin sehr beliebt.

 

Hier im Bahnhofsgebäude werden auf den Wandbildern verschiedene geschichtliche Szenen dargestellt und ich vertiefe mich eine Weile.

 


Danach gehen wir zurück zum Flussufer und drehen dort eine kleine Runde. In diesem Stadtteil (Ribeira) gibt es zahlreiche kleine Bars und Restaurants, in denen klassische portugiesische Gerichte serviert werden.

 

Ein Franceshina-Sandwich ist eines davon. Es ist mit Schinken, Wurst, Steak, geschmolzenem Käse und einer speziellen Soße und es verändere das Leben, sagt man.

 


Überall sitzen Leute im Gedränge vor den Bars und essen und trinken und lachen. Um uns herum ist viel Bewegung.

 

Wir befinden uns inmitten einer Flut von Wortfetzen, Gerüchen und Farben. Ich gucke und gucke und gucke. Ich sehe Tatti zwar gerade nur von hinten, weiß aber, dass sie so schnell wie möglich weg will.

 

 

Mich hingegen fasziniert das pulsierende Leben. Und irgendwie denke ich, dass wir hier auf einer der Mini-Terrasse etwas essen oder wenigstens etwas trinken könnten, wenn es doch nur nicht überall so furchtbar voll wäre.

 

 

Wir gehen anstattdessen hinunter zum Wasser. Unten ist es ruhiger und wesentlich angenehmer.

 

 

Am Ufer sind Marktstände mit bunter Ware aufgebaut und wir schlendern daran entlang zurück Richtung Brücke.

 

Wir gehen auf der unteren Ebene der Brücke wieder zurück ans andere Ufer, dann den Berg hoch, und noch weiter hoch, und noch weiter.

 

 

Puh, ganz schön weit! Und ganz schön schwierig, das Wohnmobil wiederzufinden! Und das, obwohl ich beim Aussteigen eine Markierung in Google Maps gesetzt hatte. Aber mein Handy aktualisiert unseren Standpunkt ständig zeitverzögert. 

 

 

Zurück beim Wohnmobil entdecken wir einen Zettel an der Windschutzscheibe. Oh nein, nun haben wir doch einen Strafzettel bekommen. Da hat sich der Passant vorhin wohl geirrt.

 

Nächstes Mal nehme ich übrigens die Seilbahn. Dann muss ich gar nicht erst hinunter zur Brücke.

 

 

Wir ziehen weiter gen Süden und fahren ab Aveiro durch die Ferienorte an der Küste, die ausgesprochen hübsch anzusehen sind. Es herrscht ausgelassene Sommerferienstimmung. Auf der einen Seite der Straße ist der Atlantik, auf der anderen die Lagune mit bunten Booten, und entlang der Straße stehen für diese Gegend typische gestreifte Häuser in allerlei sommerlich hellen Farben.

 

Weil es ein bisschen diesig ist, leuchten sie heute zwar nicht gerade, sind aber trotzdem nett anzusehen. Das hier schient so ein richtig klassischer und freundlicher Familienferienort, wie er im Buche steht, zu sein. Familienfreundlich.

 

Unser Wohnmobilstellplatz liegt am südlichen Ortsrand und direkt am Strand hinter den Dünen und ist ebenfalls gesäumt von Streifen-Hüttchen. Hier befindet sich ein Freibad, eine Surfschule und eine kleine Strandbar.

 

Nach dem Essen stiefele ich los über die Düne. Der Strand ist riesig und leer und beim Zugang zum Strand steht die Luna-Bar. Es ist eine kleine Strandhütte, in der es gerammelt voll ist. Die Stimmung kenne ich von Après-Ski-Parties.

 

Ich will Tatti mit einem Eis überraschen, gehe hinein und schiebe mich zu einer zusammengezimmerten Bar durch das Gedränge und werde dabei von der Seite angegrinst. Ich grinse zurück. 

 

 

Ich bestelle auf Englisch zwei Magnum Eis und werde knallrot. Ich wünschte, ich könnte jetzt genauso locker sein wie der Rest der Leute hier in der kleinen Hütte am Strand.

 

Dann würde ich hierbleiben, lustige Witze auf Englisch machen, weiß-rote Getränke trinken und den Kopf beim Lachen in den Nacken werfen. Anstatt dessen stehle ich mich raus und schlecke mit Tatti das Eis beim Wohnmobil.

 

Unser heutiger Schlafplatz zwischen Strand und Pool:

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