Was soll das mit dem vielen Grau am Himmel?
Wir wollen im Norden der Toskana noch einige Spots besuchen bevor es gen Heimat geht, zuerst Pontedera - die Stadt der Vespas.
Unterwegs legen wir beim Decathlon in Cascina einen Zwischenstopp ein, finden aber dieses Mal nichts.
In Pontedera interessiert uns das Piaggio-Museum, wo sich alles um Vespas dreht. Es befindet sich in den Industriehallen des ehemaligen Werks.
Um zwölf stehen wir vor der Tür und erfahren, dass wir erst um fünfzehn Uhr reinkönnen, weil gerade eine Veranstaltung stattfindet. Mist, verflixter! Das sind 3 Stunden! Wir hätten vorher im Internet ein Timeslot reservieren sollen, dann hätten wir das gewusst.
Susi will warten. Tatti nicht. Na toll. Und nun?
Ich will auch rein, aber nicht warten, sondern erstmal was anderes machen.
Ich schlage vor, dass wir vorher noch einen Abstecher zu einem Nudelhersteller machen könnten und finde meine Idee genial.
Ist nicht weit, sage ich, nur 16 Kilometer, dauert zwanzig Minuten mit dem Auto.
Tatti guckt mich entsetzt an. Nochmal woanders hinfahren? fragt sie. Ne!
Ich halte ihr mein Handy mit einem Foto des Nudelherstellers Pasta dei Martelli hin und sage Ist echt cool. Guck!
Sie guckt gar nicht richtig und will sowieso nicht mehr fahren. Zu viel Stress. War aber einen Versuch wert.
Wir gehen erstmal wieder Richtung Autos. Auf dem Weg zurück zum Parkplatz kommen wir am Fremdenverkehrsbüro vorbei.
Ich hole einen Stadtplan und ein Stück weiter Kuchen und wir ziehen uns erstmal alle in die eigenen Fahrzeuge auf dem Mitarbeiterparkplatz zurück.
Die Stadt ist auf dem kurzen Stück zwischen Museum und Parkplatz nicht gerade eine Bilderbuchstadt, aber dafür ist die Vespa allgegenwärtig. Und die lieben wir ja irgendwie alle ein bisschen.
Mal taucht sie auf einer Häuserfassade auf, dann wieder an den Wänden in einem Café und selbst als moderne Skulptur auf einem Kreisel haben wir sie bei unserer Ankunft gesehen.
Ich sehe mir den Stadtplan genauer an und beschließe dann, dass sich ein kleiner Rundgang lohnt. Es gibt viele kleine Projekte mit Streetart. Und eine historische Industriestadt ist ja auch mal was Anderes.
Susi mag Streetart sehr gerne. Und Motorroller auch. Und hinter den Bahnschienen, die am Parkplatz entlanglaufen - in der Via delle Brigate Partigiane - ist ein sehr sehr cooles großes Piaggio-Bild an einem Mehrfamilienhaus.
Also frage ich Tatti, ob sie mit will - ja, will sie - und klopfe dann bei Susi am Bulli. Sie will auch und wir marschieren zu dritt los.
Wir landen in einem typischen Industrie-Wohnquartier aus den 1930er bis 1950er Jahren.
Das Bild finden wir an der Fassade eines Wohnhause und ist toll! Es spiegelt den Geist der Zeit wieder und passt perfekt in diese Wohnsiedlung und in diese Stadt. Man kann die Liebe zu den Vespas und die Energie und den Stolz der damals aufstrebenden Produktionsstätte förmlich spüren. Hier schwebt auch heute nach - nach fünfzig Jahren - der Arbeiter- und Technikergeist durch die Straßen.
Inspiriert von Enrico Piaggio zeigt Susi mir im Handy einen Motorroller, den sie cool findet, und sieht glücklich dabei aus.
Mitten im Bild öffnet sich plötzlich ein Fenster und eine Frau schaut zu uns rüber, hinter ihr ein alter Spülkasten und ein paar Handtücher auf einer Leine.
Irgendwie komisch, dass wir hier stehen und Fotos von ihrem Badezimmerfenster machen. Ich gehe hin und zeige auf die Fassade und halte den Daumen hoch, weil ich nett sein will.
Sie lächelt. Sie ist stolz.
Dann erzählt sie auf Englisch, dass häufig Leute zum Bilder machen kommen und dass auf der Rückseite des Gebäudes noch ein anderes großes Bild ist.
Das haben wir schon gesehen und für einen Fußballer, den wir gar nicht kennen, gehalten. Es ist aber ein Ruderer aus Pontedera, der an den Olympischen Spielen teilgenommen hat.
Anschließend machen wir uns auf den Weg Richtung Innenstadt zu den anderen Spots auf meinem Stadtplan.
Auch die Innenstadt ist nicht gerade eine Schönheit, hat aber einen ganz speziellen Industriecharme und man stößt immer wieder auf kreative Werke.
An der Seitenwand einer verlassenen technischen Berufsschule prangt ein großes Wandgemälde in schönen Farben mit einem Männchen, das auf einem Schachpferd reitet. Das Männchen ist Don Quijote und das Bild soll ausdrücken, dass eine bessere Welt nicht durch Macht und Gewalt entsteht, sondern durch Beziehung und Menschen, die aneinander glauben.
Es ist verrückt, an was für unbeachteten und hässlichen Stellen die schönsten Botschaften prangen!
Man soll aneinander glauben.
Wir gucken nur kurz, haben keine Ahnung, was es aussagt, finden das Bild einfach nur urig und ziehen weiter. Das Bild verstehen werde ich erst lange nach der Reise beim Schreiben des Blogs und der Recherche von Hintergrundwissen.
In der Fußgängerzone sind ein paar unspektakuläre Geschäfte, aber dafür stehen alle paar Meter Vespa-Skulpturen auf Podesten. Und italienisches Eis gibt es zum Glück auch.
Audrey Hepburn schaut uns erst von einer Radkappe und später auch noch von einem T-Shirt, das im Schaufenster hängt, aus an.
Sie war es, die mit ihrem Film Ein Herz und eine Krone den weltweiten Vespa-Boom ausgelöst hat. Sie fuhr zusammen mit Gregory Beck auf einer Vespa durch Rom und hat mit dieser Fahrt den Zauber, den die Vespa noch heute umgibt, in die Welt getragen.
Ein Stück weiter in einem Spielzeugladen entdecken wir viele verschiedene kleine und große Vespa-Modelle, aber wir sind schon supergespannt auf die richtig großen und echten Vespas im Museum!
An Mauern hängen große alte Schwarz-Weiß-Fotografien, die zeigen, wie die Straßen hier früher aussahen.
Am Rand eines Platzes stehen weiße Gebilde. Es sollen Bänke sein, aber man muss zweimal hinsehen. Bei der Planung haben sie dem Geist der alten Fahrzeugdesigner irgendwie zu sehr freie Hand gelassen.
In Pondera scheint auf jeden Fall alles möglich zu sein. Kreativität darf in allen Variationen sein, Kunst und Kultur bekommen jede Menge Raum.
Dann treffen wir auf eine Mauer mit tausenden Mosaiken aus kleinen eckigen Keramik- und Glasstücken. Es sind Figuren, die Piaggio-Mitarbeiter und Szenen aus der Vespa-Geschichte darstellen sollen. Sie tänzeln fröhlich bunt wie in einem animierten Kinderfilm an der Straße entlang.
Einige Mosaikstückchen sind schon abgefallen und liegen auf dem Fußweg.
Dann können wir endlich ins Museum.
Vorm Eingang stehen ein altes Flugzeug und eine alte Straßenbahn. Der Eintritt ist frei, es steht nur eine Spendenbox beim Eingang.
Im Museum sind die alten Werkshallen und Arbeitsbereiche noch deutlich zu erkennen. Es ist zwar jetzt herausgeputzt und toll ausgeleuchtet, aber ich kann mir gut vorstellen, wie die Leute früher zur Arbeit kamen - tagein tagaus - und ambitioniert designed und gewerkelt habe.
Sie müssen sehr stolz darauf gewesen sein, Teil dieser besonderen und erfolgreichen Piaggio-Gemeinschaft gewesen zu sein!
Im ersten Raum stehen erste Motorräder und frühe Vespas. An den Wänden ist die Entstehung von Piaggio und die Familiengeschichte spannend dargestellt in Bildern, Texten und kleinen Videos, auch die Entwicklung in anderen Ländern.
Die alten Vespas sind einfach unschlagbar bezaubernd! Auch wenn ich mich eigentlich nicht sonderlich für Zweiräder interessiere, versetzt mich dieser Anblick hier nun doch von einem Entzücken ins nächste!
So richtige Vespa-Liebhaber kommen hier bestimmt gar nicht mehr weg!
In einer großen Halle stehen noch viel viel mehr Vespas in allen Variationen.
Wir tauchen ein in die Welt der Vespa-Clubs, der Vespa-Ikonen, sehen Sondermodelle, historische Zeichnungen, altes Werbematerial, Pokale, wild ausgestattete Vespas für Exkursionen und noch so viel mehr.
Auf einer Ballustrade stehen künstlerisch gestaltete Vespas und wir kommen aus dem Staunen nicht mehr raus!
Ich denke an mich mit Fünfzehn. Lange blonde Haare, den Kopf voller Träume und das hellblaue Herkules Mofa von Opa. Dazu ein hellblauer Helm, auf den ich weiße Wölkchen geklebt hatte.
Ich war unbezwingbar mit meinem Wolkenhelm! Die Welt lag mir zu Füßen! Und die Zukunft war voller unbegrenzter Möglichkeiten...
Ich muss lächeln. Und seufzen.
Ich muss mir dringend bald mal eine Vespa mieten und ausprobieren, ob sich wieder sowas Unbezwingbares einstellt.
Eine weitere Halle steht voller dreirädriger Nutzfahrzeuge - Apes genannt - wie man sie aus alten Filmen kennt. Die sind auch wieder alle so niedlich, das einem das Herz aufgeht.
Nach dem zweiten Weltkrieg waren die Straßen schlecht und man brauchte ein günstiges Arbeitsfahrzeug, hatte aber kein Geld. Da nahm der Vespa Erfinder Corradino d´Ascanio eine Vespa und fügte einfach nur eine Ladefläche und zwei Räder hinzu. Fertig.
Echt clever!
Die Vespa bringt dich ans Meer und die Ape ernährt dich, sagt man sich in Pontedera. La Vespa ti porta al mare, l´Ape ti fa mangiare. Schönes Zitat!
Die Ape als einstiges Symbol der arbeitenden Toskana ist inzwischen aufgestiegen zum Street-Food-Verkaufswagen mit Espressomaschinen, Pizzaöfen oder zum Eisverkauf.
Der Besuch der Ausstellung ist absolut lohnenswert, führt uns zurück in unbeschwerte vergangene Zeiten und liefert ganz viel Spannendes zu diesen niedlichen kleinen Zwei- und Dreirädern!
Auch andere Motorräder werden gezeigt und man kann sich in Nebenräumen interaktive Stationen und technische Zeichnungen zum Verstehen der Entwicklungsprozesse ansehen.
Irgendwann können wir uns losreißen und schauen nur noch kurz in einen kleinen Shop beim Eingang.
Die Vespa-T-Shirts und -Hoodies sind zwar sehr verlockend, uns aber viel zu teuer.
Ich kaufe nur einen kleinen Bastelbogen zum Ausschneiden und Zusammenkleben einer Mini-Vespa, die ich nach dem Urlaub vorsichtig ausschneiden und mit spitzen Fingern zusammenkleben werde.
Als nächstes ist Lucca - Tattis absolute Lieblingsstadt - dran. Lucca liegt nur knapp dreißig Kilometer nordwestlich von Pontedera und auf dem Weg in die nördlichen Berge der Toskana, die wir danach noch besuchen wollen.
Wir entscheiden uns für den Wohnmobilstellplatz Luporini in Innenstadtnähe. Es ist ein einfacher Parkplatz mit Schranke nur für Wohnmobile. Er liegt zwischen den Stadthäusern und an einer Straße, die auf das Stadttor zuläuft.
Wir bekommen zwei der letzten Parklücken, fahren hinein, bereiten uns Cheeseburger zu und verbringen einen gemütlichen Abend im Wohnmobil.
Schlafplatz nah am Zentrum von Lucca:
