Tag 6    Klang, der mitten ins Herz geht.

Venedig und Isola San Giorgio.

 

 

Ich werde um viertel nach sechs wach und mir fällt die Skyline von Venedig am Kopfende meines Bettes wieder ein. Adrenalin schießt durch meinen Körper und ich schiebe das Rollo weg. 

 

Die Sonne geht gerade hinter Venedig auf!

 

Hinter den dunklen Türmen der Stadt ist der Himmel orange und eine rote Sonne beginnt sich zu zeigen. Mir stockt der Atem. 

 

Ich stehe blitzschnell auf und gehe vor die Tür. In Boxershorts und T-Shirt mit meinem Handy in der Hand. 

 

Am Zaun stehend sehe ich der Sonne per Handyzoom zu wie sie langsam höher steigt bis sie schließlich genau hinter dem Campanile di San Marco steht!

 

Ich kann mein Glück nicht fassen! 

 

Dies ist einer dieser superseltenen Momente, die man sich wünscht! Alles passt zusammen! Der Tag Ende August, die Uhrzeit (6:32), die Parzelle, auf der unser Wohnmobil steht, der Moment, an dem ich wach wurde, das Wetter und der Campanile di San Marco an genau der Stelle, an der er steht!

 

Ich mag mich kaum bewegen, bin aufgeregt, hefte meine Augen an den Turm, mache viele Fotos.

 

Nicht weit von mir steht ein Junge mit Fernglas am Zaun und es kommt auch noch ein Mann angelaufen. Und so stehen wir drei an der Lagune. Drei sich Fremde teilen in der Stille des Morgens einen der einzigartigsten Momente ihres Lebens - in Schlafanzügen. 

 

Der perfekt Moment - mit der aufgehenden Sonne genau hinter dem Campanile
Der perfekt Moment - mit der aufgehenden Sonne genau hinter dem Campanile

 

Zehn Minuten später ist der Zauber vorbei und die Sonne steigt über dem Campanile dem Tag entgegen.

 

Ich gehe wieder rein, mache es mir nochmal gemütlich, koche mir einen Kaffee und freue mich über das megaschöne Erlebnis. 

 

Freie Sicht vom Wohnmobil aus auf die Skyline von Venedig in der Ferne
Freie Sicht vom Wohnmobil aus auf die Skyline von Venedig in der Ferne

 

Inzwischen kommt auch immer mehr Bewegung in die Lagune. Ich gucke mir die vorbeiziehenden Schiffe an und vertreibe mir die Zeit damit, dass ich in meiner MarineTraffic-App nachsehe, woher sie kommen und was sie geladen haben.

 

Was ich heute schon erlebt habe, während Susi und Tatti noch selig schlummern!

 


Weil Venedig ursprünglich unsere Hochzeitsreise sein sollte, ziehen Tatti und ich heute zu zweit los.

 

Susi findet Venedig eh nicht sonderlich anziehend und die Sonne in den engen Straßen mit den vielen Menschen ist ihr zu heiß. Und sie bleibt mit Hannes im Schatten auf dem Campingplatz. 

 

 Basilika Santa Maria della Salute und der Markusturm - vom Wasser aus unübersehbar
Basilika Santa Maria della Salute und der Markusturm - vom Wasser aus unübersehbar

 

Angekommen in Venedig, steigen wir an unserem Anleger Zattere direkt wieder ein ins nächste Valporetto und fahren weiter zur Isola San Giorgio, einer kleinen Insel gegenüber vom Markusplatz. 

 

Für den Turm dort braucht man keine Reservierung und es kostet auch nur sechs Euro pro Person. 

 

Vom Wasser aus sehen wir den gegenüber liegenden Piazza San Marco und die Chiesa di Santa Maria schon. 

 

Anlegestelle bei der Isola San Giorgio
Anlegestelle bei der Isola San Giorgio

 

Wir steigen uns und gehen über den kleinen Kirchenvorplatz zum Eingang der Kirche.

 

Das Vaporetto zieht weiter - wir bleiben und gehen jetzt auf den Turm
Das Vaporetto zieht weiter - wir bleiben und gehen jetzt auf den Turm

 

Innen ist die Kirche geräumig, hell und schlicht. Ihre Größe verleiht ihr etwas Majestätisches.

 

Hinten links in der Ecke kaufen wir bei einem netten älteren Herrn Tickets. 

 

Außer uns sind nur drei weitere Personen in der Kirche. Ich bin froh, dass ich mich gegen den Markusturm und für diesen Geheimtipp entschieden habe. Den Markusturm hätten wir Wochen vorher reservieren müssen und würden jetzt im Gedränge warten müssen bis wir - auch wieder im Gedränge - oben stehen können. 

 

Innenraum der Kirche San Giorgio Maggiore Kirche
Innenraum der Kirche San Giorgio Maggiore Kirche

 

Ein kleiner Fahrstuhl bringt uns in wenigen Sekunden nach oben zur Aussichtsterrasse. 

 

Es ist ganz einfach und angenehm ruhig und leer. Klasse!

 

Und das Panorama ist bombastisch!  

 

Wir können rund um den Turm gehen und weit in die Ferne und hinunter auf die Lagune und die anderen Inseln und gegenüber auf den Piazza San Marco mit dem Campanile schauen. 

 

Alles ist deutlich und gestochen scharf zu sehen. Rechts vom Campanile sehen wir den Dogenpalast und im Durchgang die Säulen mit Theodor und dem Löwen und dahinter die Dächer und Türme der Stadt und noch weiter hinten wieder Wasser und dann das Festland.

 

Ausblick vom Turm der Isola San Giorgio auf Venedig
Ausblick vom Turm der Isola San Giorgio auf Venedig

 

Wir können auch auf die bebaute längliche Nachbarinsel Giudecca hinunterschauen. Und im Vordergrund sehen wir von oben in die Innenhöfe der Klosteranlage.  

 

Früher war hier ein Sumpfgebiet und ein Apt hat die Isola San Giorgio im 8.Jh. urbar gemacht und 200 Jahre später entstand ein Benediktinerkloster. Als aber Napoleon die Kontrolle über Venedig übernahm, löste er das Klostergebäude auf und die Mönche mussten gehen. Echt fies. Er nutze es als Kaserne und Gefängnis. Das vermag man sich heute gar nicht mehr vorzustellen an diesem wunderschönen Ort! 

 

Die militärische Nutzung dauerte bis ins 20.Jh. Erst eine Stiftung - die Fondazione Giorgio Cini - hat die Insel 1951 übernommen und nach und nach das aus ihr gemacht, was sie heute ist. 

 

Klosteranlage der Isola San Giorgio und dahinter die nächste Insel, die Isola Giudecca
Klosteranlage der Isola San Giorgio und dahinter die nächste Insel, die Isola Giudecca

 

Wir bleiben lange oben und beobachten das Treiben auf der gegenüber liegenden Promenade. Dann suchen Vendigs Dächer mit den Augen ab, suchen die Kirchen.

 

Insbesondere die weißen Kirchen mit Säulen und hoher Giebelwand, die direkt am Wasser stehen, haben es mir angetan. Die Chiesa Santa Maria della Pièta, die wir deutlich liegen sehen können, ist so eine Kirche.

 

Die Pièta - wie sie genannt wird - war Teil eines Waisenhauses für unehelich geborene Mädchen, die dort eine musikalische Ausbildung bekamen. Der Komponist Antonio Vivaldi war ihr Geigenlehrer und viele seiner Stücke wurden für die Mädchen geschrieben. 

 

Ihre Konzerte hatten etwas Himmlisches, weil die Musik in der Kirche zwar zu hören war, man die Mädchen allerdings nicht sehen sollte. Denn sie benötigten besonderen Schutz vor wohlhabenden durchreisenden Männern und vor dem Gerede der Leute. Für die betroffenen Familien waren diese Mädchen etwas, das nicht bekannt werden sollte. 

 

Ihre Musik soll wie ein Zauber gewirkt haben und die Konzerte waren in ganz Europa bekannt.

 

Hach ja, dort drüben auf der Hauptinsel stecken so viele faszinierende Geschichten und Schicksale aus all den Jahrhunderten zwischen den Mauern! 

 

Und die riesige Kirche weiter hinten müsste die Santi Giovanni e Paolo sein, wo viele Dogen beigesetzt wurden. 

 

Die weiße Chiesa Pieta Santa Maria am Ufer - früher bekannt für himmlische Konzerte
Die weiße Chiesa Pieta Santa Maria am Ufer - früher bekannt für himmlische Konzerte

 

Wir gehen rundherum und gucken in alle Richtungen und ich bin mal wieder superhappy über diesen besonderen Ort und diese einzigartige Stadt! Der Anblick von hier oben ist so malerisch, dass wir uns kaum losreißen können. 

 

Immer diese gestellten Fotos - musste mal sein, ist immerhin sowas wie ein nachgeholter Hochzeitsreisen- Moment
Immer diese gestellten Fotos - musste mal sein, ist immerhin sowas wie ein nachgeholter Hochzeitsreisen- Moment

  

Das war ein fantastischer Auftakt des Tages!

 

Dann fahren wir mit einem der vielen Vaporetti rüber zum Piazza San Marco. 

 

Zunächst gehen wir auf der Uferpromenade an den hohen Mauern des alten Staatsgefängnisses (Piombi) entlang. Wir schauen in einen Kanal zwischen dem Gefängnis und dem Dogenpalast und entdecken die Seufzerbrücke.

 

Die Gefangenen konnten auf ihrem Weg zum Gefängnis von dort oben über dem Kanal das letzte Mal Venedig sehen. Dieser letzte Blick mit einem Seufzer soll der Brücke ihren Namen gegeben haben. Ach, Gottchen! 

 


Auf dem Piazza San Marco und drumherum ist es extrem voll.

 

Wir gehen in den angenehm schattigen Arkadengängen erstmal rund um den Markusplatz. 

 

Basilika San Marco und der Dogenpalast
Basilika San Marco und der Dogenpalast

 

Im Caffé Florian unter den Arkaden sitzen die Cafébesucher dicht an dicht hinter geöffneten Fenstern und essen Kuchen. Sie sehen nicht besonders euphorisch aus. Sie gucken wie Touristen eben gucken, die in Cafés sitzen und schwitzen. Eher ein bisschen angespannt.

 

Das Café ist ein bedeutsames Stück venezianischer Geschichte. Es wurde 1720 gegründet, war vielleicht eines der ersten Cafés in Europa und blieb auch während der napoleonischen Besetzung geöffnet. Sogar Giacomo Casanova war regelmäßiger Besucher. Er soll es geschätzt haben, dass hier auch Frauen Zutritt hatten, was ansonsten in den Cafés noch nicht üblich war. Ach ne. 

 

Und was noch besser ist ...  

 

... Goethe war hier und Lord Byron ...

 

... Marcel Proust und Charles Dickens ...

 

Die größten Autoren der Weltliteratur!

 

Und die Leute sitzen da und gucken, als wenn nichts wäre? Ich würde total aufgeregt mit meiner Kuchengabel in der Hand  meinen Kaffee trinken und die ganze Zeit denken, dass mich die Muse küsst und mir voller Hingabe wünschen, dass der Schriftstellergeist Besitz von mir ergreift! 

 


Beim Dogenpalast ist gerade keine Schlange beim Eingang. Tatti möchte nicht mit rein und setzt sich zum Warten in den Schatten auf eine steinerne Bank an der Seitenwand des Palastes.

 

Ich zeige mein Ticket vor, habe aber den falschen Ausdruck mit und darf nicht rein. Also pese ich quer über den sonnigen Platz und gehe nochmal zu der netten Frau von gestern in der Ticketstelle. Sie druckt mir den korrekten QR-Code nochmal - jetzt schon nicht mehr ganz so nett guckend - aus.

 

Beim Dogenpalast sehe ich mir zuerst das Portal an. Hier vorne wurden früher Dogen gekrönt und auch mal einer enthauptet. Eklig! 

 

Hauptportal des Dogenpalastes
Hauptportal des Dogenpalastes

 

Ich muss durch einen Seiteneingang unter den Arkaden in den Dogenpalast gehen. Dieses Mal klappt es auch.

 

Zuerst komme ich in den Innenhof und muss dann eine Treppe hoch zur ersten Etage und einem Rundgang folgen.

 

Der Palast war nicht nur Palast, sondern auch politisches Machtzentrum, Gericht, Gefängnis und Kunstgallerie. 

 


Auf zwei Ebenen ziehen sich Laubengänge mit spitz zulaufenden Bögen um den Innenhof.

 

Sie verbinden die Gerichtssäle, Ratszimmer, Privaträume des Dogen und die Basilika miteinander, waren aber auch Gänge für Spione und Informanten, die das Geschehen ständig überwachten. 

 

Die armen Dogen wurden streng überwacht, damit kein Machtmissbrauch geschah. Dogen durften nur zu offiziellen Anlässen den Palast verlassen! Sie waren Gefangene der strengen Regeln und mussten auch noch ständig um ihr Leben fürchten. Was für ein mistiger Job das war! 

 

Ich steige eine lange Treppe hinauf und komme zu den Sälen. 

 

Treppenaufgang im Dogenpalast
Treppenaufgang im Dogenpalast

 

Die Räume strotzen nur so vor Reichtum. Riesige Säle, viel Gold und viele dunkle Gemälde. Ich gehe zügig durch die Säle. Dabei muss ich weite Wege machen, weil die Säle so groß sind. Ich gebe Gas. Im Gehen wende und drehe ich mich, um so viel wie möglich zu sehen. 

 

Aber irgendwie sieht alles gleich aus. Und Tatti wartet unten.

 

Die Räume sind so riesig, dass man beim schnellen Gehen von Tür zu Tür ganz schön ins Schwitzen komme. 

 

Prunkvolle Malereien und goldene Verzierungen in einem der Säle im Dogenpalast
Prunkvolle Malereien und goldene Verzierungen in einem der Säle im Dogenpalast

 

Plötzlich frage ich mich, ob es dumm ist, hier so durchzurennen, bremse vorsichtshalber und sehe mich um. 

 

Aber ich kann mich einfach nicht begeistern für diese dunklen protzigen Bilder. Wegen der hohen Luftfeuchtigkeit in Venedig hat man die Bilder auf Leinwände und nicht auf den Kalkputz wie bei Fresken gemalt. Vielleicht ist es deswegen so düster und so überladen. 

 

Draußen war alles noch so lebendig, laut, fröhlich und hell. Ich komme mir vor wie beim Stopp-Tanz. Es ist, als wenn die Musik mitten im Tanz plötzlich aufgehört hat als ich vom Markusplatz in den Dogenpalast eintrat. Und nun stehe ich hier mit meinem aufgeheizten Körper in der Stille und Kühle inmitten dunkler Gemälde und gehöre hier irgendwie nicht her. 

 

Ich muss an meinen alten Kunstlehrer Herrn Jander denken und wie wir im Kunstmuseum viel zu lange still stehen und seinen Erläuterungen lauschen musste. Schon damals fiel es mir unsagbar schwer.

 

Dunkel, dramatisch und prunkvoll - ein weiterer Raum im Dogenpalast
Dunkel, dramatisch und prunkvoll - ein weiterer Raum im Dogenpalast

 

Aber jetzt bin ich ja freiwillig hier. Also MUSS ich den Bildern eine ernsthafte Chance geben. Mit ein bisschen Wohlwollen finde ich in den Deckengemälden auch etwas mehr Farbe. 

 

Nicht nur in den goldenen Schnitzereien, sondern auch in vielen Gemälden wird die Macht und der Reichtum der Republik Venedig dargestellt.  

 

Ich bleibe stehen und sehe mir das Bild Die Münzprägung der Zecca an. Die Zecca ist eine der bedeutendsten Münzprägestätten Europas. ... Aha, ok. Ja, kann man erkennen. Noch schnell ein Foto. 

 

So, fertig. 

 

Ein Gemälde reicht. 

 

Man bräuchte ein Jahres-Abo um sich alles in Ruhe ansehen zu können. Und mehr Geduld als ich. 

 

Da hinten steht ein Fenster auf und ich sehe den Himmel, die Dächer und die Türme Venedigs. 

 

Hmmm....

 

Blick aus dem Fenster des Dogenpalastes auf die Dächer Venedigs
Blick aus dem Fenster des Dogenpalastes auf die Dächer Venedigs

 

Ich folge dem Rundgang im Turbogang weiter und mir wird noch heißer.

 

Ich lasse die Gemälde jetzt an mir vorbeirasen.

 

Dem letzten Dogen, der mir in einem roten Gewand auf einer Treppe entgegen kommt, schenke ich noch schnell einen kurzen Stopp und eile dann aber auch schon weiter zu den Räumen der Justiz. 

 

Und wieder steht ein Fenster offen, dieses Mal mit Blick auf die Lagune. 

 

Okay, jetzt reicht´s wirklich!

 

Ich will jetzt sofort raus aus der Dunkelheit! 

 

Ich frage einen Aufpasser nach dem kürzesten Weg raus und sage, dass ich frische Luft brauche. Er öffnet mir eine zusätzliche Tür ...

 

Blick aus einem der Säle auf die Lagune und die Isola San Giorgio
Blick aus einem der Säle auf die Lagune und die Isola San Giorgio

 

... und drei Minuten später schlendere ich wieder glückselig mit Tatti durch die Straßen. Puh, zum Glück! Wenn ich etwas mehr Geduld gehabt hätte, hätte ich noch über die Seufzerbrücke zu den Hafträumen gehen können. Aber ist egal jetzt.

 

Nun schauen Tatti und ich uns zusammen Häuser, Läden, Kanäle, Brücken und Gondeln rund um den Markusplatz an und ich bin wieder entspannt.

 

Wir essen an einem kleinen Tisch in einer engen Gasse ein Sandwich und trinken Cappucchino.

 

Bei fast jeder Brücke bleiben wir stehen und sehen den Gondolieri zu. Beim Anblick der getreiften T-Shirts der Gondolieri muss ich immer wieder an Walter aus den Wo ist Walter-Wimmelbüchern denken, sehe ständig neue Walters und finde das superlustig. 

 

Dann taucht auch die Seufzerbrücke wieder auf, dieses Mal sehen wir sie von hinten.

 


 

Wir lassen uns treiben und landen irgendwann wieder beim Markusplatz und gehen dort noch eine Runde.

 

Das zweite berühmte Café am Markusplatz ist das Grand Caffé Lavena. Dort waren Komponisten wie Richard Wagner und Frans Liszt zu Gast. 

 

 

 

Der Piazza San Marco fühlt sich inzwischen schon ein bisschen an wie Zuhause. Ich spüre ganz bestimmt das Gleiche wie damals Goethe. Ernsthaft! Der war nämlich auch ein bisschen in Italien verknallt. Und er hat italienische Reisegeschichten geschrieben. Und nichts anderes mache ich ja auch gerade. Wie gerne hätte ich ihn gefragt, was ich beim Schreiben beachten soll!

 

Venedig erschien Goethe wie ein Kunstwerk, das aus dem Meer aufsteigt. Jaaa! Geht mir auch so! Cool! Und er stand der protzigen Pracht etwas reserviert gegenüber. Ja!! Ganz genauso wie bei mir! Da schau her! Ich BIN Frau Goethe ... Trallala!

 

Ähem - Venedig macht scheinbar auch etwas mit dem Kopf! ...

 

Wie auch immer - jetzt machen wir uns erstmal auf den Weg Richtung Gran Teatro Fenice.  

 


Auf dem Weg dorthin sehen wir teure Kleidung und wieder diese farbintensiven Glaswaren in den kleinen Schaufenstern...

 


.. kommen am Bacino Orsolo - einem eckigen Becken - vorbei. Der kleine Platz zwischen den Häusern mit dem großen Becken ist zentraler Haltepunkt für unzählige Gondeln. 

 


Wir erleben zum einen überfüllte Gassen mit teuren Läden voller Glitzer und  ...

 

... wenige Meter weiter schäbige, verlassene Ecken mit ihrem eigenen verwegenen Charme, die voller magischer Schönheit stecken ...

 

Ruhige und weniger touristische Ecke mit eigenem ganz besonderem Charme
Ruhige und weniger touristische Ecke mit eigenem ganz besonderem Charme

 

Nach nur 350 Metern sind wir beim Teatro Fenice.  

 

Venedig wird echt als Stadt der kurzen Wege in meine Erinnerung eingehen! 

 

Das Teatro ist eng zwischen die Gebäude gebaut und befindet sich am Ende einer schmalen Gasse. Bei einem Theater hätte ich einen großen Vorplatz erwartet, aber wir stehen direkt vorm Eingang auf einem kleinen Vorplatz. Ach ja, klar, stimmt ja, in Venedig ist ja auch für alles kaum Platz. 

 

Das Theater ist bekannt für Uraufführungen großer Komponisten wie Verdi und Rossini. Und Wagner hat hier an Heiligabend 1882 sein letztes Konzert dirigiert. Da sind sie wieder, die ganz großen Künstler! 

 

Venedigs berühmtes Opernhaus - das Teatro La Fenice
Venedigs berühmtes Opernhaus - das Teatro La Fenice

 

La Fenice heißt Phönix. Man hat es 1792 so genannt, weil sein Vorgängerbau San Benedetto damals einem Brand zum Opfer gefallen war. Der Phönix (La Fenice), der aus aus der Asche stieg, wurde zum Symbol des Hauses.

 

Und auch das La Fenice hat danach mehrmals gebrannt. 1996 brannte es fast ganz bis auf die Außenmauern nieder. Das war ein großes Drama!

 

Es geschah, weil der Elektro-Ingenieur Enrico Carella aus Venedig zusammen mit seinem Cousin Massimiliano Feuer gelegt hatte. Sie merkten, dass sie nicht rechtzeitig fertig werden würden und es drohte eine Konventionalstrafe. Zur Vertuschung wollten sie einen kleinen Bereich brennen lassen, was aus dem Ruder lief. Oh Gott, mit denen will man auch nicht tauschen! Stehst du da und merkst, dass du aus Versehen eines der bekanntesten Opernhäuser der Welt abfackelst!

 

Enrico und Massimiliano wurden verurteilt, mussten aber wegen Strafnachlässen nur einen Teil ihrer Strafe absitzen.

  

Von außen eher zurückhaltend - man ahnt nicht, wie opulent das Innere ist.
Von außen eher zurückhaltend - man ahnt nicht, wie opulent das Innere ist.

 

Das Theater wurde für 78 Millionen Euro (!) wieder aufgebaut werden. Es dauerte 7 Jahre bis wieder ein Konzert stattfinden konnte. Der Phönix stieg 2004 quasi mit der Aufführung der Oper La Traviata ein weiteres Mal aus der Asche.

 

Tatti kauft sich für vierzehn Euro ein Ticket und ich kann mit meinem Museumspass rein.

 


Das Theater wurde com´era, dov´era (wie es war, wo es war) genauso wieder aufgebaut wie vor dem Brand. 

 

Wir fühlen uns zurückversetzt in eine Zeit lange vor uns. Man kann sich gut vorstellen, wie Frauen in ausladenden Rokkoko-Kleidern und auftoupierten Frisuren und Männer mit Lackschuhen durch ein solches Foyer schritten. 

 

 

Dann schreiten auch wir durch schwere rote Samtvorhänge in den großen Saal des Glanzes und der Leidenschaft, dorthin, wo Emotionen aus Jahrhunderten venezianischer Musikgeschichte durchlebt wurden.  

 

Mit etwas Glück findet gerade eine Probe im Opernhaus statt
Mit etwas Glück findet gerade eine Probe im Opernhaus statt

 

Der große Saal ist überwältigend, in Rot und Gold mit hundertsechsundsechzig Logen in mehreren übereinander liegenden Rängen. Neunhundert Zuschauer können hier sitzen! Gegenüber der Bühne wurde nachträglich eine Kaiserloge für Kaiser Napoleon eingebaut. 

 

Wenn während des Besuches zufällig gerade eine Probe stattfindet, darf man lauschen.

 

Ich setze mich und höre Klavierklänge aus dem Orchestergraben. Die Töne klingen so rein als säße ich unmittelbar neben dem Klavier. 

 

Großer Saal mit übereinanderliegenden Logen und roten Sitzreihen
Großer Saal mit übereinanderliegenden Logen und roten Sitzreihen

 

Die Akustik soll eine der besten weltweit sein. Messungen ergaben, dass hier Parameter wie Nachallzeit, Klarheit und Klangstärke optimal auf die Anforderungen eines Opernhauses abgestimmt sind. 

 

Diesen Räumen wohnt auf jeden Fall ein Zauber inne, den auch ich spüre, auch wenn sie nur originalgetreu nachgebaut wurden. 

 

Ich muss heute Abend unbedingt mal ganz bewusst und in Ruhe La Traviata hören über meine Airpods! Und nachlesen, worum es eigentlich geht. 

 

 

An der Decke über dem Saal wird die Öffnung des Theaters gen Himmel symbolisiert.

 

An der Decke eine hellblaue Himmelskuppe - Betonung der Verbindung von göttlicher Inspiration zur Musik   
An der Decke eine hellblaue Himmelskuppe - Betonung der Verbindung von göttlicher Inspiration zur Musik   

 

Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr die Menschen in einem solchen Opernhaus die Auszeit vom Alltag genossen haben und auch heute noch genießen. 

 

In den Gängen ist eine kleine Dauerausstellung mit Fotos, Theaterkritiken und Kostümen von Maria Callas. Sie hatte hier einige Jahre lang wichtige Auftritte. Auch La Traviata hat sie intensiv in Szene gesetzt und die Herzen der Menschen berührt.

 

Ja, La Traviata mache ich mir heute Abend echt mal an! 

 

So, jetzt gehen wir hoch zur Kaiserloge von Napoleon. Dort herrscht dichtes Gedränge. Alle wollen dort sitzen. Wer erstmal sitzt, bleibt ewig sitzen. Wieso sind Menschen so? Die sehen doch, dass sich viele Leute die Loge ansehen möchten. 

 

Die Loge wurde gebaut als Napoleon zum König von Italien gekürt wurde, ebenso wie er in Mailand eine eigene pompöse Loge bekam. Einfach nur so. Es kann sein, dass er nie hier war. Total bescheuert! 

 

Auf jeden Fall ist sie in bester Lage im ersten Rang gegenüber der Bühne. Mir fällt ein, dass ich mal in Berlin in einer Theaterloge eingeschlafen bin. Da war ich den ganzen Tag schon in Berlin auf den Beinen. Es war ein Stück über die Beziehung von Virginia Woolf und Vita Sackville-West und es war sehr gut, aber ich weiß bis heute nicht, wie es ausgegangen ist.

 

Da sieht man mal, dass ich schon immer zu viel wollte. 

 

Ich mache irgendwann ein Foto von der Tür aus und zische wieder ab. 

 


Zum Schluss schauen wir uns die Theaterbar und den kleinen Theatershop an und gehen dann wieder hinaus in die Sonne.

 

Wir orientieren uns nun Richtung Fortuny Museum. Ich will mir dort einen Palazzo von innen ansehen. 

 

Gerade als wir wieder über eine kleine Brücke gehen, erklingt eine tief singende Männerstimme von irgendwoher.

 

Italienischer Gesang? 

 

Woher kommt das? 

 

Es klingt schön!

 

Wow!

 

Wir bleiben stehen und lauschen. Der Gesang kommt vom Wasser, vom Rio de la Verona. Ein weiß gekleideter Sänger steht in einer Gondel, die auf unsere kleine Brücke zu fährt. Er wird von einem bei ihm in der Gondel sitzenden Akkordeonspieler begleitet. 

 

Der Gesang wird lauter, und seine Gondel fährt unter unserer Brücke hindurch. Bewegungslos stehe ich da und sauge seinen eindringlichen Gesang auf, wage es kaum zu atmen. 

 

Als die Gondel wieder unter der Brücke hervorkommt, schaut der Mann hoch, mir ins Gesicht und singt mit seiner tiefen Stimme weiter. Er ist ganz bei seinem Gesang. Sein Blick trifft meinen und das Lied trifft mitten in mein Herz. Durch den Wiederhall an den Wänden kommt die Musik von allen Seiten.

 

Mir bleibt die Luft weg und Tränen schießen in meine Augen.

 

Und schon zieht das Boot weiter und der Gesang wird leiser.

 

Wir bleiben so lange stehen, bis er ganz weg ist und die Musik hinter den Häusern verschwunden ist. 

 

Wow! Was für ein Zauber war das denn? Diese eindringlichen Sekunden werde ich in meinem ganzen Leben nie wieder vergessen.

 

Da zieht sie weiter - meine Gondel, meine Musik, mein Blick in die Augen - der perfekte Venedig-Moment
Da zieht sie weiter - meine Gondel, meine Musik, mein Blick in die Augen - der perfekte Venedig-Moment

 

Der Tag heute ist wie ein einziger großer wunderschöner Rausch! Wehe, es rümpft nochmal einer seine Nase, wenn er Venedig hört! 

 

Auch in den Palazzo Fortuny komme ich mit meinem Museums-Pass. Tatti wartet lieber draußen. Es ist das ehemalige Wohn- und Schaffenshaus von Mariano Fortuny, einem Multitalent.

 

Er war Maler, Bühnenbildner, Fotograf, Erfinder und Modedesigner, kaufte das weiträumige Haus und richtete sich ein Mal- und Fotoatelier, eine Tischlerei, eine Stoffdruckerei und -färberei sowie eine Schneiderei ein.

  

Palazzo Fortuny
Palazzo Fortuny

 

Fasziniert nehme ich sein Zuhause unter die Lupe. - Wieso hat mir keiner gesagt, dass man all diese Berufe gleichzeitig leben kann und sich sein Zuhause mit lauter Ateliers und Werkstätten gestalten kann?

 

 


In den Räumen herrscht diffuses Licht und warme Farben und Stoffe laden zum Bleiben und zum Wohlfühlen ein. Riesige Sofas und Bänke mit dutzenden Kissen und weichen Stoffen erzählen, dass es sich hier Jemand sehr gut hat gehen lassen. Und Gemälde und Skulpturen inspirieren mich zu neuen Gedankenwelten. 

 

Fortuny und seine Frau hatten hier in ihrem Haus wahnsinnig viel Raum und Platz und Möglichkeiten, hohe Decken und eine angenehme Kühle, tolles Licht und das alles mitten in Venedig, einer Stadt, in der um jeden Quadratmeter gerungen wird! 

 

Hier würde ich auch gerne mal sein dürfen, wohnen, arbeiten und sämtlichen kreativen Ideen und Eingebungen freien Lauf lassen! Dieser Ort hat etwas - ich weiß nicht, was es ist - das einen leicht macht.

 

Ich denke, dies ist der ideale Ort für die Kunst und für die Liebe, für die zwei wichtigsten Dinge der Welt. 

 

Besonderes Licht und besondere Stimmung im Palazzo Fortuny
Besonderes Licht und besondere Stimmung im Palazzo Fortuny

 

Zwei Museumsmitarbeiterinnen verfolgen jeden meiner Schritte und Atemzüge. Der dritte der Museumscrew, ein älterer Mann mit Bauch, sitzt mit geschlossenen Augen auf einem Stuhl in einer Ecke und schnarcht. Das ist so sympathisch, skurril und authentisch. Es passt zum heutigen Tag. Venedig zeigt mir seine Seele. 

 

Ich kann es mir nicht verkneifen, den schlafenden Mitarbeiter heimlich zu fotografieren, da kommt auch schon seine Kollegin mit dem schärfsten Blick der Welt hinter angeschlichen. - Jaja, ich hör ja schon auf!

 

Auch süß, dass sie ihren schlafenden Kollegen beschützt! 

 

Strenger Blick der Museums-Mitarbeiterin
Strenger Blick der Museums-Mitarbeiterin

 

Eine reiche venezianische Familie hat das Haus mal gebaut. Es war auch mal Theater.

 

Zum Schluss wohnte und werkelte Fortuny hier. Der muss ganz schön viel Geld gehabt haben. Und er muss ein ziemliches Selbstverständnis von sich und seinem Recht, sich seinen Raum in der Welt zu nehmen und zu gestalten, gehabt haben!! Nachdem Fortuny gestorben war, wurde das Haus ein Museum. 

 

Ich nehme mir vor, mehr darauf zu achten, dass ich mir Raum nehme und so gestalte, dass es mir gut tut und mir mehr Kreativität ermöglicht. Ja, genau! Ich will unbedingt wieder kreativer sein! 

 

Ich will Kunst machen!

 

Ich will alle Farben und Möglichkeiten der Welt nutzen! 

 

Eines der großen Sofas mit samtenen Kissen in warmen Farben, dahinter ein kleiner Teil der unzähligen Gemälde
Eines der großen Sofas mit samtenen Kissen in warmen Farben, dahinter ein kleiner Teil der unzähligen Gemälde

 

Ich streune weiter durch die Räume.  

 

Überlegt noch Jemand, ob mehr Farbe an die Wohnzimmerwand soll? ... Einfach machen!
Überlegt noch Jemand, ob mehr Farbe an die Wohnzimmerwand soll? ... Einfach machen!

  

Die Sammlung umfasst hundertfünfzig Gemälde. Mein Favorit ist ein klitzekleines Bild mit einer Italienerin, die im Kanal hinterm Haus Wäsche wäscht. Das Bild ist mini und hängt versteckt in einem Schrank. 

 

Ich sehe mir auch die von Fortuny entworfenen Kleider und Stoffe an. In Wirklichkeit hat er zusammen mit seiner Frau Adèle Henriette Elisabeth Nigrin Stoffe und Kleider entworfen und sein Label bekannt gemacht, beispielsweise die in der Modewelt bekannten Delphos-Kleider (aus plissierter Seide) und Knossos-Schals (lange, weiche, plissierte Schals). Viele Modehistoriker gehen heute davon aus, dass die textile Umsetzung und Perfektionierung stark auf Adèle Henriette zurückgeht.

 

Trotzdem wird seine Frau meist nur als Muse oder auch sein Modell genannt und bekommt wenig bis gar keinen Ruhm. Aber ich will mich jetzt nicht aufregen. 

 

Henriette, ich sehe auch deinen Anteil! Sehr deutlich!

 

Fortuny-Kleider - leichter, sinnlicher und beweglicher als alles zuvor und inspiriert von der griechischen Antike
Fortuny-Kleider - leichter, sinnlicher und beweglicher als alles zuvor und inspiriert von der griechischen Antike

Lange betrachte ich ein Foto von Fortunys Mutter, Cecilia de Madrazo mit ihrer Schwiegermutter. Sie war die Tochter eines spanischen Malers und wurde jung Witwe, zog mit ihrem Sohn erst nach Paris und dann nach Venedig. Sie war sehr gebildet und hatte einen großen Einfluss auf seine ästhetische Entwicklung. Sie förderte ihn künstlerisch und bewegte sich in einem intellektuellen Umfeld.

 

Auch auf dich ein Hoch, Cecilia! Ich weiß, was du geleistet hast! 

 

Fortunys Mutter und Großmutter
Fortunys Mutter und Großmutter

Auch Bühnen- und Theatermodelle, die Fortuny gebaut hat, sind im Palazzo ausgestellt. Er verstand Raum als Gesamtkunstwerk und war eine Art Vorläufer moderner Lichtregie und szenischer Raumdarstellung. 

 

Bühnenmodelle im Palazzo Fortuny
Bühnenmodelle im Palazzo Fortuny

 

Was für ein Universalgenie! Und so mutig und so treffsicher hinsichtlich der Wahl seiner Formen und Farben! 

 

Ich will wirklich auch wieder ganz viel basteln, lesen, entwerfen, tüfteln, chillen und malen!

 

Ich will auch so groß und intensiv wohnen und leben!! Menno!

 

Man muss einfach machen, wonach einem ist, denke ich jetzt nochmal, und man muss an sich glauben. 

 

Und dann nehme ich mir nochmal ganz fest vor, es auch einfach zu tun, machen, wonach mir ist. Und nicht so schnell aufzugeben.

 

Ich finde jedes Detail, jeden Stoff, jeden Pinsel, jedes Bild - einfach alles -  superspannend! 

 

Ich sauge die Dinge auf und in meinem Kopf werden Mariano und Adèle Henriette immer lebendiger.

 

Ich kann mich kaum losreißen aus den einzelnen Räumen. 

 

Ich schaue mir zum Schluss noch den Innenhof an, was schnell geht, weil da nichts ist, und gehe wieder raus zu Tatti.  

 

Innenhof im Palazzo: Ursprünglich Licht- und Belüftungshof, bei Fortuny Übergang zu den Werkstätten
Innenhof im Palazzo: Ursprünglich Licht- und Belüftungshof, bei Fortuny Übergang zu den Werkstätten

 

Als nächstes schippern wir mit einem Vaporetto den Canal Grande hoch und unter der Rialtobrücke hindurch und trinken im nördlich gelegenen Stadtteil Cannaregio ganz ohne Touristen einen Kaffee.

 

Ganz einfach. An einem unhistorischen Tisch im ganz normalen Venedig, in einer Fußgängerzone wie bei uns in Lüneburg.

 

Das tut auch mal gut. Ein Stückchen normales Alltags-Italien.  Zum Neutralisieren all der intensiven Eindrücke und Erlebnisse. 

 

Bevor wir wieder in das Vaporetto steigen, schaue ich in das Ca d´Or, einen gotischen Palazzo, der jetzt eine Kunstsammlung beherbergt.  

 

Ca d´Or am Canal Grande
Ca d´Or am Canal Grande

 

Ich hatte ein supergutes Foto gesehen hatte, das aus einem der Fenster fotografiert wurde und genau das will ich auch versuchen!  Aber das Licht heute ist komplett anders und ich bekomme so ein Foto nicht annähernd hin.

 

Dafür entdecke ich einen hübschen Mosaikboden, satte Farben an den Wänden und mutige runde Bilderformen. Wir sollten zuhause auch mehr runde Sachen aufhängen, denke ich. 

 

Oh Gott, ich bin schon wieder anfällig für komische Veränderungen in unserem Zuhause, nur weil der Tag so schön ist! 

 

Jetzt ist es fast 14 Uhr.

 

Unser gebuchtes Zeitfenster für das Dach des Kaufhauses Fondaco dei Tedeschi rückt näher.

 

Wir fahren mi dem Vaporetto den Canal Grande wieder ein Stück hinunter zur Rialtobrücke und zum Kaufhaus Tedeschi. 

 

Vaporetto (Wassertaxi) im Canal Grande
Vaporetto (Wassertaxi) im Canal Grande

 

Der Eingang des Nobel-Kaufhauses ist von der Seite und er ist so unscheinbar, dass wir fast vorbei laufen.

 

Es ist nur eine kleine doppelflügelige Tür mit einem Türsteher. 

 

Rialtobrücke
Rialtobrücke

 

Wir sind ein bisschen zu früh und sehen uns deshalb erstmal in den Verkaufsräumen des mehrgeschossigen Tedeschi-Kaufhauses um und fahren dann mit dem Fahrstuhl ganz nach oben. 

 

Wir müssen in der obersten Etage in einer futuristischen Halle direkt unter dem Dach des Tedeschi warten. Zwei Türsteher lassen alle fünfzehn Minuten einen Schwung Leute durch eine Tür auf die Dachterrasse.

 

Wer eine Reservierung hat, darf warten. Alle anderen werden gleich wieder weggeschickt. Leute, die sich zu den Wartenden schummeln wollen, haben keine Chance. 

 

Dann kommt unser großer Moment! Wir gehen durch die Tür ins Freie, müssen dann ein paar Stufen einer breiten Holztreppe hochsteigen ...

 

.. und stehen über dem Canal Grande auf einer Holzterrasse mit hervorragendem Venedig-Blick.

 

Der Canal Grande macht hier eine Kurve und dadurch haben wir einen erstklassigen Blick auf einen Großteil des Kanals. Zu beiden Seiten können wir ihn weit hinunterschauen...

 

... rechts Richtung Palazzo Ca d´ Or ...

 

Blick nach links auf den Canal Grande vom Dach des Kaufhauses Tedeschi ...
Blick nach links auf den Canal Grande vom Dach des Kaufhauses Tedeschi ...

 

 ... und links über das Dach der Rialtobrücke hinweg Richtung Südwesten ...

 

... und Blick nach rechts auf den Canal Grande
... und Blick nach rechts auf den Canal Grande

 

Es ist viertel vor drei und wir haben Gegenlicht, was für das Fotografieren eine echte Herausforderung ist. Die Farben werden auf den Fotos nicht so satt wie sie wirklich sind. Das macht aber nichts.

 

Eigentlich sind die Time-Slots am frühen Morgen und am späten Nachmittag besser für schöne Fotos und auch am Beliebtesten, aber ich fand das für uns unpraktisch, wollte ein bisschen flexibler sein, habe daher den frühen Nachmittag gewählt. 

 

Und der Moment ist auch mit Gegenlicht perfekt! Der Zauber ist schnell wieder vorbei und - schwups - sitzen wir wieder unten im Vaporetto. 

 

Während der Fahrt suchen wir die Terrasse von Commisario Brunetti aus den Donna Leon-Krimis. Der Drehort muss hier irgendwo sein, wir können das Haus vom Boot aus aber nicht ausfindig machen. 

 

Erfüllt und voller Eindrücke und Farben schippern wir zurück zu unserem Anleger und steigen auf unsere kleine Fähre um, die uns zurück zum Campingplatz bringen soll.

 

Wir haben heute einen intensiven Einblick in einen Teil dessen, was Venedig ausmacht, bekommen. Eine Stadt mit Geschichte, die die Menschen seit jeher inspiriert und Künstler angezogen hat und die dabei noch heute so voller Leben steckt und Emotionen auslöst.

 

Ich bin froh, dass ich im Winter Tag für Tag so gründlich recherchiert habe und dadurch genau wusste, was mich interessiert. Tatti mag am Liebsten ohne Ziel rumgehen und sich draußen aufhalten. So war es für uns beide ideal. 

 

Auf dem Sonnendeck unserer Fähre lasse ich den Tag Revue passieren.

 

Wenn eine Stadt so etwas wie eine Seele haben kann, dann hat Venedig das ganz sicher! Nichts von dem, was einen Goethe oder Wagner oder Fortuny hierher gebracht hat, ist unter den Besuchermassen begraben! Es existiert weiter. Man muss nur alle Sinne offenhalten. 

 

Ich habe es genau gehört, als ich auf der Brücke stand und die Serenade des bärtigen Italieners mich in ihren Bann zog und als die Zeit für einen Moment still stand. Und ich habe es in den satten Farben der Stoffe, im Türkisblau der Kanäle und in der Dunkelheit des Dogenpalastes gesehen und auch die Menschenmassen sind ja nur eine weiterer Beweis dafür, dass die Stadt fasziniert, in den Bann zieht und sie noch immer Kraft hat und lebt. 

 

Wenn ihr mal nach Venedig kommt, lasst euch auch auf den Zauber ein und verdreht nicht gleich die Augen, nur weil euch bei der Ankunft auf der Promenade vor dem Markusplatz so viele Menschen im Weg rumlaufen! 

 

Häuser am Canal Grande mit kleinen Dachterrassen wie in den Donna Leon-Filmen
Häuser am Canal Grande mit kleinen Dachterrassen wie in den Donna Leon-Filmen

 

Den Rest des Tages hängen wir auf dem Campingplatz ab, immer mit Blick auf Venedigs Skyline. Ich lese und schaue hoch, wenn es plötzlich dunkel wird, weil wieder ein riesiges Schiff dicht an uns vorbeifährt.  

 

Manchmal sehe ich, dass ein Schiff einen Schlepper hinterherzieht, und verstehe das nicht ganz. Sollte das nicht eigentlich andersherum sein? 

 

Der Campingplatz war eine sehr gute Entscheidung, eine sehr sehr gute!

 

Man muss bei der Anreise nicht umständlich um die Lagune herumfahren (wie bei den meisten Plätzen) und man ist mit dem kleinen Fährboot ruck-zuck in Venedig.

 

Hier in Fusina ist übrigens auch ein bewachter Parkplatz für Tagesbesucher, was ich auch praktisch finde, wenn man hier nicht übernachten möchte.

 

Und das Schiffegucken ist noch mal so ein kleines spannendes Extra. Ich finde die Schiffe bis spät abends so spannend, dass ich das La Traviata-Hören, das ich mir im Gran Teatro Fenice vorgenommen habe, total vergesse. 

 

Ankunft Fußgängerfähre vom Camping Fusina:

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