Am Morgen des ersten September bleibt das Stromkabel, das sich quer vor Montalcino spannt, leer.
Die Schwalben sind wieder weg. Gute Reise nach Afrika, ihr kleinen Schwalben!
Auch wir hören auf unser Nomadenherz und packen nach zwei Nächten in dieser kleinen toskanischen Oase mit Hippie-Dusche unsere Siebensachen und ziehen weiter.
Gegen zehn ruckeln wir den Hügel in unserer kleinen Zweier-Kolonne hinunter.
Im Vorbeifahren werfe ich nochmal einen Blick hoch nach San Quirico d´Orcia. Dort werde ich bestimmt nochmal einkehren, falls ich mal wieder in der Nähe bin.
Und nun sind wir auf dem Weg nach Umbrien. Davon hört man so wenig. Wir sind alle sehr gespannt.
Unterwegs erhaschen wir einen Blick auf den Ort Castiglione d´Orcia. Wir verzichten aber auf einen Besuch, weil Tatti und ich den Ort letztes Mal ein bisschen zu ruhig und irgendwie eintönig fanden. Es gibt keine Highlights, nur Ruhe.
Unser erster Zwischenstop heute ist Bagno San Filippo.
Es ist ein kleiner Ort am Fuße des Monte Amiata, einem erloschenen Vulkan. Der Ort ist vor allem bekannt durch seine Thermalquellen und einen Thermalfluss mit schwefelhaltigem Wasser. Das herabkommende Wasser soll weiße Formationen an den Hängen geschaffen haben. Ich bin sehr gespannt.
Wir parken unter hohen Bäumen am Fuße eines Hanges mit Olivenbäumen und spazieren gemütlich hoch in den kleinen ausgestorbenen 600-Seelen-Ort. Wir folgen einem Schild, auf dem Fosso Bianco steht und werden links in den Wald geschickt.
Wir gehen zehn Minuten bergab und gehen unter hohen Buchen und Kastanien hindurch und müssen über eine kleine Holzbrücke gehen.
Zwischen den Bäumen hindurch sehen wir erst türkisfarbenes Wasser schimmern und dann sehen wir Menschen in Badekleidung auf dem Waldboden hocken. Das ist so skurril hier im Wald.
Je näher wir dem Wasser kommen, umso mehr Menschen in Badeanzügen, Bikinis oder Badehosen umgeben uns.
Hier sprudeln seit Jahrtausenden heiße Quellen. Und das genießen diese Menschen aller Altersstufen.
Senioren, Jugendliche, Familien mit Kindern - alles tümmelt sich im warmen Wasser. Es herrscht eine entspannte und ruhige Wellnessbad-Stimmung.
48 Grad heißes Wasser kommt aus dem Monte Amiata, dem erloschenen Vulkan. Oben ist er zwar seit über 200.000 Jahren tot, aber unten produziert er noch Wärme. In den natürlichen Becken hier unten ist das Wasser dreißig bis vierzig Grad warm.
Und so liegen die Leute da auch, wie in der Badewanne zuhause. Ruhig und entspannt.
An den steilen Flussufern haben sich große Kalksteinformation gebildet, die aussehen wie gefrorene Wasserfälle. Ein besonders imposantes Gebilde wird Balena Bianca (weißer Walfisch) genannt.
Es ist total skurril hier!
Der dunkle toskanische Wald und mittendrin auf einer Lichtung blubberndes türkisfarbenes Wasser.
Und dann die weißen Gebilde am Ufer und all die Menschen in Badekleidung hier im Wald!

Das Wasser sammelt sich in kleinen Becken auf mehreren Terrassen und ergießt sich in kleinen Wasserfällen. Überall dümpeln Badende friedlich vor sich hin und lassen sich berieseln oder erkunden den Lauf des Wasser, klettern oder krabbeln immer höher.
Hoffentlich wissen alle, dass man höchstens fünfzehn Minuten drin bleiben sollte und auch nur höchstens viermal am Tag im baden sollte! Als ich in den Saturniaquellen war, bin ich ahnungslose Touristin sehr lange im Wasser geblieben und war danach förmlich ausgenockt.
Ich habe den ganzen Nachmittag wie betäubt hinten im Wohnmobil geschlafen!
Wir stehen zwischen den hohen Bäumen und schauen eine Weile zu.
Keine von uns will baden und weil es irgendwie creepy ist, angezogen hier zu stehen und zu gucken, gehen wir auch recht bald wieder zurück zu den Vans.
Der nächste Streckenabschnitt führt uns wieder durch die wunderschönen toskanischen Hügel.
Am Belverdere con Fontana - einem Aussichtspunkt - machen wir einen kurzen Foto-Stop und fahren dann weiter zum kleinen Ort Radicofani.
Etwas unterhalb von Radicofani parken wir auf dem Parcheggio Sterrato - einem rechteckigen Besucherparkplatz mit Panoramablick.
Und weil der Parkplatz so bombastisch liegt, nehmen wir uns erstmal Zeit für ein gemütliches Frühstück mit frisch aufgebackenen Brötchen.
Auch hier stehen wir auf einem erloschenen Vulkan. Das ist total aufregend für uns Nordlichter auch wenn er vor über einer Million Jahre zuletzt ausgebrochen ist!
Radicofani liegt an einem mittelalterlichen Pilgerweg, dem Via Francigena von Canterbury nach Rom. Der Ort ist ist bis heute ein wichtiger Zwischenstop von Pilgern, Wanderern und Radfahrern, die die spirituelle Bedeutsamkeit dieser Gegend oder auch landschaftliche Schönheit der Toskana suchen.
Und er hatte früher eine wichtige strategische Bedeutung, denn die Kontrolle über die Via Francigena bedeutete Macht über Waren-, Pilger- und Heeresbewegungen.
Besonders großes Treiben finden wir im Ort beim Spaziergang allerdings nicht vor. Ehrlich gesagt, finden wir gar kein Treiben. Anfang September ist der Ort leer. Nur wenige Besucher spazieren durch die historischen Gassen. Ein paar Radfahrer mit neonfarbenen Trikots und sportlichen Rädern sitzen in der Sonne bei der Eisdiele.
An den wichtigsten Gebäuden entdecken wir Schilder, die einen kleinen Rundgang vorschlagen und einen QR-Code zeigen, über den man auf Italienisch und auf Englisch ausführliche Informationen über die jeweiligen Gebäude findet.
Bei der Gelateria Artigianale mitten im Ort holen wir bei einem schüchternen jungen Italiener Eis. Hannes hat heute seinen achten Geburtstag und bekommt ausnahmsweise auch ein kleines Eis.
Heute Morgen hatte er auch schon extralange Krauleinheiten und er durfte gerade im Dorfbrunnen baden.
Im Hintergrund können wir den Turm der Burg Rocca die Radicofani, von wo aus man einen spektakulären Rundumblick haben soll, sehen. Dort oben ist auch der ehemalige Vulkankegel, der noch heute als harter Basaltblock zu sehen ist.

Aber für so viele Höhenmeter sind wir viel zu faul gerade und wir sind ja auch eh schon happy genug mit all den schönen Ausblicken, die wir ja sowieso schon hatten.
Es gibt einige kleine Restaurants und Cafés. Und die wenigen Menschen, denen wir hier begegnen, sitzen meist auch an einem dieser Tische.
Radicofani ist bekannt für seine hausgemachte Pasta, die Pici (ausgesprcohen Pitsch-i) genannt wird. Es sind handgerollte dicke, lange, spagettiähnliche Nudeln ohne Eier.
Man isst sie entweder mit einer Sauce aus Knoblauch, Tomaten und Olivenöl (Pici all´aglione) oder mit Pecorinokäse und schwarzem Pfeffer oder mit Wildschwein- oder Schweinefleisch-Ragout.

Echt schade, dass wir gerade erst gefrühstückt haben!
Einer der berühmtesten Bewohner von Radicofani war Ghino die Tacco, der toskanische Robin Hood. Er soll im 13. Jahrhundert enteignet worden sein und habe daraufhin reiche Reisende ausgeraubt, aber Arme verschont und ihnen geholfen.
Viele Orte haben solche Helden. Wir können ruhig ein bisschen mehr an das Gute im Menschen glauben, finde ich.
Wir fahren nach unserem Radicofani-Bummel weiter gen Nordosten und - schwups - purzeln hinaus aus der Toskana und landen in Umbrien, dem grünen Herzens Italiens.
Umbrien liegt eingebettet zwischen der Toskana, Latien und Marken und ist die einzige italienische Region, die weder eine Meeresküste noch eine Grenze zum Ausland hat. Da kann man mal sehen, wieviel Küstenlinie Bella Italia hat!
Den Abend und die Nacht wollen wir am viertgrößten See Italiens - dem trasimenischen See - verbringen und steuern einen unserer Lieblingsplätze, den Campingplatz Listro in Castiglione del Lago, an.
Dort angekommen, melden wir uns kurz an und machen uns zu Fuß auf den Weg zur Parzellenauswahl. Wir finden aber dieses Mal nichts. der Platz wirkt dieses Mal unordentlich und nicht gerade einladend.
Also fahren wir zurück zum Ortszentrum und um den Stadthügel herum und nehmen den kommunalen 24-Stunden-Wohnmobilparkplatz unter hohen Bäumen. Er liegt nah am See und direkt neben der Altstadt. Wir zahlen am Automaten und gehen in wenigen Minuten steil hoch in die Altstadt.
Es ist eine übersichtliche Altstadt mit nur einer schmalen verkehrsfreien Straße - der Via Vittorio Emanuele. Man kommt durch ein Stadttor rein, geht geradeaus und am Ende ist eine Burg. Alles befindet sich auf einer Landzunge, die in den See ragt.
In der Altstadt sind Cafés, Restaurants und Läden.
Gleich hinter dem Stadttor ist eine Kirchenfassade mit sehr hohen Säulen. Was hat die Menschen damals nur dazu bewegt, an dieser engen Stelle derartig überdimensionierte Säulen zu bauen?
Tatti und Susi gehen regungslos daran entlang. Sie scheinen das normal zu finden. Und ich will auch nicht dauernd alles kommentieren und behalte mein Staunen für mich. Manchmal frage ich mich, ob ich zuviel rede oder die zwei zu wenig reden oder warum es nicht immer kompatibel ist.
Am Ende der Straße - kurz vor der Burg - ist ein Krankenhaus mit einem Vorplatz, auf dem Autos parken. Vom Rand des Vorplatzes schauen wir weit über den See und drehen danach um, weil wir in einem der Restaurants etwas essen wollen.
In jedem dritten Laden gibt es jede Menge typisch italienische Mitbringsel, vor allem regionale Leckereien. Beim Anblick all der Nudelsorten in den Regalen vor den kleinen Geschäften knurrt mir der Magen.
Wir gehen die Straße wieder hinunter und suchen uns ein Restaurant aus.
Wir setzen uns an einen Tisch bei den Säulen. Tatti und ich nehmen das Tagesgericht - Pici all´aglione, die handgemachten dicken Spagetti mit Knoblauch, Tomaten und Oliven. Susi bestellt sich Nudeln mit frischen Trüffeln. Sie liebt Trüffel.
Leider muss Susi sehr lange auf ihre Trüffelnudeln warten. Es ist blöd, wenn man nicht gleichzeitig essen kann.
Die frisch zubereiteten Nudelgerichte sind allerdings sehr lecker und die Abendstimmung mit den angehenden Lichtern ist ganz schön romantisch!
Zum Abschluss hole ich mir noch ein Eis und wir gehen satt und zufrieden den Hügel wieder hinunter zu unseren Vans am Seeufer.
Es ist schon spät.
Erfüllt von den Tageseindrücken legen wir uns auf unserem Platz am See schlafen.
Unser Schlafplatz heute zwischen See und Altstadthügel:
