Wr radeln auf der sogenannten grünen Radroute durch die Salzwiesen der Godelniederung und legen kleine Stopps am Strand bei Hedehusum und am Gotinger Kliff ein.
Hier ist nicht viel los.
Eine Bank auf einer Anhöhe, Dünengras, ein schmaler Strand, Wind und das weite Meer.
Am Strand eine Handvoll Strandkörbe.
Wir fahren weiter durch Nieblum bis nach Wyk.
Am Hundestrand lassen wir Hannes durch das Wasser toben und schieben dann die Räder auf der Strandpromenade Richtung Südstrand. Neben einer Bank steht ein nackter Mann um die 60. Auf der Bank sitzt eine Frau - bestimmt seine - in Jeans und Strickjacke und reicht dem Nackten ein Sandwich.
Das ist skurril! Ist das hier der FKK-Strand oder was?
Wir bleiben ein Stück weiter bei einem Haus, das in der Miniserie Reiff für die Insel als Drehort diente, stehen.
Es ist unbewohnt. Die Holzstufen, die mal hinauf zum Haus führten, liegen verstreut im Dünensand. Im Film sah alles besser aus.
Dann schieben wir die Räder weiter und es wird belebter.
Ein Verleih für Surfbretter.
Schöne Strandbars und -cafés mit Terrassen.
In der Ferne liegen nebeneinander in einer Reihe die Halligen. Dunkle Maulwurfhaufen auf dem Watt.
An der Strandpromenade des Weststrandes - dem Ortskern - schließen wir die Räder an und trinken einen Latte Macchiato.
Bei einer maximal genervten Kellnerin. Die Mitarbeiter der Cafés können einem leid tun. Sie müssen die ganze Zeit mit Maske arbeiten, ständig alles desinfizieren und auf Abstände der Kaffeegäste achten. Und werden dann auch noch angepöbelt. Wir kippen den Latte runter und sind auch schon wieder weg.
In einer kleinen Boutique bin ich die einzige Kundin. In einer Ecke steht die Verkäuferin mit Maske und beäugt mich aus ratlosen Augen.
Unangenehmes Szenario. Ich versuche, mich für ein rosa Sweatshirt mit Anker zu interessieren. Ich will mein altes Shopping-Leben zurück!! Ich lege es dann aber doch wieder hin. Shoppen mit Maske macht keinen Spaß. Shoppen gehört sowieso überhaupt nicht hierher, in diese verdammte Corona-Welt.
Nun locken uns die roten Flaggen eines dänischen Eisladens an. Ich gehe zum Verkaufstresen und erkundige mich unsicher, ob ich die Maske aufsetzen muss.
Der Eismann ist jung und hat Schwung.
Er sagt Dieses schöne Gesicht sollte nicht mit einer Maske bedeckt werden.
Ich weiß ja, dass er nur sein Eis verkaufen will, bin aber trotzdem über alle Maßen begeistert und lache.
Mehr, mehr, mehr davon bitte! sage ich ein bisschen zu schrill. Im gleichen Moment ist es mir echt peinlich! Was ist los mit mir?
Er reicht mir mein dänisches Softeis mit den Worten Für die schönste der aller-aller-allerschönsten Frauen.
Guter Eisverkäufer und doppelt leckeres Softeis! Denmarklove forever.
Danach kaufen wir im kleinen Industriegebiet ein Kopfkissen, haben nämlich dummerweise nur eines an Bord unseres Wohnmobils.
Wir fahren um das Hafenbecken herum und nehmen dann den meerseitigen Radweg - also den rechts vom Deich - und direkt am Wattenmeer.
Hier im Norden der Insel hat die Natur Oberhand. Es gibt keine Strände und deswegen keine Badeurlauber, sondern nur Naturinteressierte und Ruhesuchende.
Gatter für Gatter zwingt uns, vom Rad abzusteigen. Gar nicht so leicht, mit einer Hand die schweren Gatter offen zu halten und gleichzeitig mit der anderen Hand das Ebike durchzuschieben. Beim Schließen rutscht die schwere Pforte mir manchmal aus der Hand und fällt knapp hinter meinem hinteren Schutzblech zurück.
Ich habe jedes Mal Glück. Mein Rücklicht überlebt alle Gatter.
Das monotone Radeln in der Einsamkeit hat etwas Meditatives.
Links der Deich, rechts die Nordsee.
Vorbei an Schaf für Schaf für Schaf.
Die Schafe ignorieren uns, zotteln über den Deich oder den Radweg oder liegen rum.
Ab und zu blökt uns eines entgegen.
Dann sehe ich zufällig, dass ein Mutterschaf ein Gatter mit ihrem Körper aufdrückt und sich zu Nachbars Deichstück rüberstiehlt.
Ich weiß aber, dass das Gatter nur in eine Richtung aufgeht.
Tatti! Warte! rufe ich und hüpfe vom Rad.
Tatti steigt auch ab. Hast du das gesehen? Die kommt nie im Leben zurück zu ihren Lämmern. Was machen wir denn jetzt?
Tatti guckt mich an und dann auf den Deich. Die hat also auch keine Idee.
Meinst du, wir kriegen die irgendwie wieder zurück, versuche ich - ebenfalls Mutter - es trotzdem.
Neben uns hält ein Radfahrer.
Die kriegt ihr nicht, mischt er sich ein.
Na toll, das war ja hilfreich.
Was mischt der der Typ sich überhaupt ein?
Ich sage so nett ich kann, dass das ja ziemlich doof ist, weil das Schaf nämlich zwei Lämmer hat. Das sieht man zwar, denn sie stehen verzweifelt an der anderen Seite des Zaunes, aber naja.
Die verhungern jetzt, ergänze ich maulig.
Der Typ erklärt mir, dass Lämmer dann einfach bei einer anderen Schafmutter trinken und dass Schafe das nicht so genau nehmen.
Oh. Äh. Echt jetzt? Der Typ hat ja scheinbar doch Ahnung.
Zum Glück! Dann können wir ja weiter.
Nach einiger Zeit fahren wir über den Deich rüber auf die meerabgewandte Seite und radeln durch die Marschwiesen.
Himmel, Gras, Zäune und Wind.
Hier und da mal Schafe oder Modderlöcher, die sich Kühe und Vögel zum Trinken und Baden teilen.
So macht Radfahren Spaß! Wir müssen auf nichts achten, nur in die Pedalen treten.
Irgendwann taucht das Ortsschild von Oldsum auf.
Tatti hatte gerade angefangen zu nölen, kann scheinbar nicht mehr auf dem Fahrradsattel sitzen.
In Oldsum ist Stellys Hüs, ein Friesencafé mit dem besten Kuchen der Insel. Und mit Kuchen kriegt man Tatti immer.
Das Cafė ist in einem alten Friesenhaus mit Reetdach. Absperrbänder und Schilder weisen uns die Gehrichtung. Wir werden auch hier mit Masken durch das Café geführt, wieder hinaus in den niedlichen Cafégarten begleitet und dann zu unserem Tisch gebracht. Wenn mir das Jemand vor einem Jahr erzählt hätte, hätte ich mich totgelacht. Jetzt ist es aber kein Witz, sondern echt und so supernervig!
Aber für Kuchen machen wir fast alles.
Am Tisch dürfen wir die Masken absetzen, müssen unsere Kontaktdaten aufschreiben und versuchen dann, Corona erstmal wieder zu vergessen.
Die Tische stehen dieses Jahr weit auseinander und eine angestrengt fröhliche Frau, die wir für die Betreiberin Stelly halten, leitet die kommenden und die gehenden Cafégäste durch ihre aufgebauten Einbahnstraßen.
Ich sitze in einem kleinen Korb-Thron, lehne mich gemütlich zurück und - huch - kann Tatti nicht mehr sehen. Mein Thron versperrt die Sicht nach links und nach rechts.
Wir müssen aber auch gar nicht reden, denn wir versinken schon bald in einem Traum von Apfelkuchen, warm, mit Vanilleeis, Sahne, Zimt und Eierlikör und vergessen alles um uns herum.
Schon allein für diesen Kuchen sollten wir jedes Jahr mindestens einmal nach Föhr fahren, denke ich und sage es.
Tatti findet das auch und wir beschließen, das zu tun. Das war ja einfach. Ich sag ja, dass man Tatti mit Kuchen immer kriegt.
Zurück beim Stellplatz hängen wir ab, beobachten Kühe und sind entspannt.
Wir reden nur wenig und es passiert auch nichts.
Dass wir sieben Tage am selben Ort bleiben müssen, ist eine Herausforderung für mich Streunerin.
Dänemark geht mir nicht aus dem Kopf. Bis eben hatte ich noch gehofft, dass Dänemark die Grenzen öffnen würde und wir weiterziehen könnten. Es tut sich aber nichts. Ich will mich deswegen jetzt nicht mehr stressen und beschließe, dass ich es gut finde, es dieses Mal nur bei Föhr zu belassen.
