Tag 10   Mit dem Rad zwischen Zypressen und Hügeln.

Zypressenring & San Quirico d´Orcia im Val d´Orcia (Südliche Toskana).

 

 

Leises fröhliches Gezwitscher mischt sich beim Wachwerden unter meine Träume. Wo bin ich? Ich schiebe das Rollo weg. 

 

Wie kleine schwarz weiße Kügelchen hocken Rauchschwalben nebeneinander auf unserem dicken Stromkabel. Ach ja, der Hippie-Platz bei Montalcino.

 

Ich setze mich mit Kaffee raus an die frische Luft und werde mit Blick auf die Vögel und auf die Hügel vor Montalcino langsam wach. Slow Motion kann ich jetzt auch richtig gut. 

 

Die kleinen dicken Schwalben sind sehr süß und Schwalben bringen ja bekanntlich Glück. Aber gerne doch, immer her damit! 

 

Schwalben sind übrigens kleine Langstreckenflieger. Sie ruhen sich hier nur aus und werden noch heute oder in den nächsten Tagen weiterziehen zur Überwinterung in Afrika.   

 

Kleine Glücksbringer beim Wachwerden, dahinter Montalcino
Kleine Glücksbringer beim Wachwerden, dahinter Montalcino

 

Ich nutze die Ruhe am Morgen und schiebe schnell noch eine kleine Tagebuchschicht ein, denn ich habe das in den letzten Tagen sehr vernachlässigt. Ich hatte so viele andere Dinge zu tun oder war müde oder hatte keine Lust und bin mit den Tagen arg ins Hintertreffen geraten.

 

Im Reisetagebuch hänge ich noch immer in Venedig fest. 

 


In der Ferne ist der berühmte Zypressenring zu sehen und dort entdecke ich plötzlich drei Gestalten. Durch mein Fernglas sehe ich, dass es ein Brautpaar mit einem Fotografen bei einer Fotosession ist. 

 

Der Zypressenring ist bestimmt eine wundervolle Kulisse für Erinnerungsfotos vom Brautpaar! Tatti und ich radeln da nachher auch noch hin. 

 


 

Nach dem Frühstück radeln wir los. Susi will auf dem Platz chillen. 

 

Es macht Spaß auf den kleinen Wegen über die Hügel zu fahren. Uns begegnet kein einziges Auto. 

 

Aus der Ferne können wir noch lange unseren Stellplatz mit den Wohnmobilen sehen. 

 

Die Wohnmobile beim Podere Cancelli in der Ferne auf dem Hügel
Die Wohnmobile beim Podere Cancelli in der Ferne auf dem Hügel

 

Kurz vorm Zypressenring steht in Handschrift, dass die Durchfahrt für Autos verboten ist. Fußgänger, Pferde und Fahrräder sind aber erlaubt, also dürfen auch wieder weiterradeln. 

 

Der Weg führt mitten hindurch durch den aus Zypressen gepflanzten Kreis. Er gehört er zu den meistfotografierten Landschaftsmotiven der Toskana.

 

Warum die Zypressen hier in einem großen Kreis gepflanzt wurden, weiß man gar nicht so genau, vielleicht als Gestaltungselement oder als Schattenspender für Tiere.

 


Wir stehen ein Weilchen darin und und machen ein paar Fotos.

 

Dann zieht es uns weiter.

 

Ich will mich bewegen, die Hügel hinunterrollen, den Fahrtwind spüren, die Gegend kennenlernen! 

 

Zypressenring bei San Quirico d´Orcia
Zypressenring bei San Quirico d´Orcia

 

Kleine festgefahrene Sandwege schlängeln sich die Hügel hinauf und dann wieder weit hinunter.

 

Ich habe gar nicht mit solchen sehr langen Talabfahrten gerechnet! Das sieht man vom Auto gar nicht!

 

Auf dem Rad ist es viel besser als im Auto, viel näher dran an allem und man sieht alles gut, kann immer wieder absteigen, und die Dinge fliegen nicht nur vorbei. 

 

Hügeligen Landschaft des Val d´Orcia Ende August
Hügeligen Landschaft des Val d´Orcia Ende August

 Auf den Hügeln verstreut sind immer mal wieder Orte in der Ferne zu erkennen. Wenn wir stoppen und absteigen, ist es total still um uns herum. Kein Motorengeräusch. Nichts. 

 

Es gibt nur summende Insekten und die Grashalme kitzeln an unseren Knöcheln. 

 

Über die Hügel zum nächsten Dorf
Über die Hügel zum nächsten Dorf

 

Im Tal stoßen wir auf eine Landstraße, die uns nach San Quirico d'Orcia führt. Das ist eine schöne Runde. Von dort können wir dann durch einen Wald zurück zum Stellplatz. 

 

Es geht die ganze Zeit leicht bergauf. Autos fahren hier kaum. 

  

Irgendwann kommen uns drei Wanderer schwitzend und mit großen Rucksäcken und Schlapphüten entgegen. Die Armen!

 

Ich bin froh über unsere Ebikes!

 

Am Ortsrand von San Quirico d' Orcia begrüßen uns helle Häuser mit grünen Fensterläden und dazwischen eine schmale Gasse, die in den Ort führt. Im kleinen Ortskern gibt es eine Kirche, Läden und Restaurants. Wir schieben die Fahrräder, stellen sie schließlich ab und setzen uns für eine Verschnaufpause vor eine Bar an einen der Bistrotische.

 

Puh, das Sitzen tut gut! 

 

San Quirico d´Orcia - ein sympathischer kleiner und uralter Ort
San Quirico d´Orcia - ein sympathischer kleiner und uralter Ort

 

San Quirico d' Orcia hat eine ruhige und freundliche Ausstrahlung.

 

Fast alle Tische im Ortskern sind zwar belegt, aber niemand hat es eilig. Die Leute unterthalten sich entspannt oder sitzen nur so da. 

 

Es wirkt viel dörflicher und weniger touristisch als in San Gimignano. 

 

Über unseren Köpfen wehen rot-weiße Fahnen und die Fassaden sind in freundlichem Gelb, zartem Orange oder hellem Rot gestrichen. 

 

Bars, Cafés und Geschäfte in der Dorfstraße
Bars, Cafés und Geschäfte in der Dorfstraße

 

Wir trinken Espresso und Orangen-Limonade und freuen uns über den schönen Ort zum Ausruhen.  Ein Polizeiauto mit heruntergelassenen Scheiben fährt im Schritttempo eng an den Tischen entlang. 

 

Am Steuer sitzt ein Italiener wie er im Buche steht. Attraktiv. Cool. Weiße Zähne und Spiegelsonnenbrille. 

 

Haben die nichts besseres zu tun? sagt Tati. Mich amüsiert es, dass sie das sagt. Denn sie kann sich zusammen mit Susi in ihrer Dienstkleidung selber auch ganz schön cool geben. 

 

Das Auto hält und die zwei hübschen Italiener gehen zum Barmann, der in der offenen Tür steht. Man schnackt kurz, man kennt sich.

 

Ich muss an Tom Cruise auf seinem Motorrad in Top Gun denken. Hach, war das ein schöner Film damals! Ich war neunzehn und die Zeiten waren wild! 

 

Beim letzten Schluck aus meiner kleinen Tasse frage ich Tatti, ob sie irgendwann mal wieder Motorrad fahren will. 

 

Ne, antwortet sie. Weißt du doch. Ja, weiß ich auch. War auch nicht ernst gemeint, war mehr so eine nicht zuende gedachte Ich-will-nochmal-für-einen-Moment-neunzehn-sein-Idee.  

 

Das Sitzen und der Espresso tun unseren müden Geistern gut.

 

Vor unserer Rückfahrt radeln wir noch ein paar der kleinen Gassen im Ort ab. San Quirico d'Orcia liegt an der Via Francigena und war mal ein wichtiger Pilgerort (im 10.Jahrhundert). 

 

Ich schaue mir einen Rennaissance-Garten - den Horti Leononi - an, sehe symmetrisch angelegte Rasenflächen und niedrige Hecken mit einer weißen Medici-Statue in der Mitte. Ein Garten war damals ein bewusst gestaltetes Kunstwerk und Symbol dafür, dass der Mensch mit Vernunft und Planung die Welt strukturieren kann, deswegen ist alles so ordentlich.

 

Bevor wir den Rückweg zu Susi antreten, gönnen wir uns noch ein Eis und ich schaue mir einige Waren in den Läden an. 

 

In Quirico d' Orcia fühlt man sich gleich dazugehörig und das ist schön!  Nächstes Mal - wenn es ein nächstes Mal gibt - will ich auf dem Wohnmobilstellplatz am Rand der Innenstadt übernachten. Dann sind es abends nur ein paar Schritte zu den Restaurants. 

 

Wir verlassen den Ort und lassen uns den Berg herunterrollen.

 

Jetzt nehmen wir die für Autos unpassierbare Strecke durch den Wald, die wir laut Betreiberin unseres Stellplatzes Podere Cancelli auf gar keinen Fall mit dem Wohnmobil fahren sollten. 

 

Ich bin gespannt! 

 

Auch diese Strecke ist landschaftlich sehr schön und wir können weit blicken.

 

In einem kleinen Wald wird der Weg uneben und es gibt steile Teilstücke. 

 

Auch kommen wir dort zu jenem tief ausgewaschenen Wegstück, das wir mit dem Wohnmobil tatsächlich niemals hätten befahren können.

 

Selbst unsere Fahrräder müssen wir teilweise schieben.

 

Ich mache ein Foto für Susi, aber auf dem Foto kann man die tatsächliche Tiefe der Rinne in der Fahrspur nicht annähernd erkennen.

 

Es ist auch nur ein sehr kurzes unpassierbares Stück. Danach geht der Weg ganz normal weiter. 

 

Und wieder genießen wir den Abend mit Kochen, Essen, Reden, Nichtreden und dem Blick auf Montalcino.

 

Abendesse zubereiten in toskanischer Landschaft
Abendesse zubereiten in toskanischer Landschaft

San Quirico d´Orcia - netter Ort nicht weit von unserem heutigen Schlafplatz:

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