Wir hatten für unsere Frühjahrsreise, die wegen Krankheit ins Wasser fiel, den Campingplatz Fusina an der Lagune von Venedig reserviert und ich habe damals auch einen Museumspass und zwei 2-Tages-Tickets für die Wasserbusse gekauft.
Dummerweise kam ein Nierenbeckenriss dazwischen und wir mussten alles stornieren und sind nach Holland gefahren, wo ich am Ende aber auch nur am Jammern war. Aber das ist eine andere Geschichte.
Und nun sind wir endlich doch noch auf dem Weg nach Venedig! Um acht Uhr starten wir und fahren erstmal noch ein Stück Prosecco-Straße.
Als ich die reservierte Parzelle direkt an der Lagune stornieren musste, war ich ganz schön traurig. Dieses Mal sind die Plätze in erster Reihe (Fronta Laguna) leider ausgebucht. Wir werden auf der Wiese dahinter stehen müssen.
Von unserem Weingut bis zum Campingplatz sind es nur noch 82 km.
Ein Katzensprung trennt uns vom faszinierenden und bunten Venedig! Mein Herz schlägt schneller.
Wir kommen wieder über den Fluss Piave ...
... und sind eine Stunde später an der Autobahnabfahrt Venezia. Anstatt abzufahren, fahren wir weiter bis zum Campingplatz Fusina, der gegenüber von Venedig am Rand der Lagune auf dem Festland liegt.
Um elf stehen wir beim Check-In des Campingplatzes. Ich habe noch immer ein kleines bisschen Hoffnung, dass Jemand vorne am Wasser - Fronta Laguna - abgesagt hat und frage nochmal und sage vorsichtshalber dazu, dass ich einen Reiseblog habe und schöne Bilder machen möchte. Vielleicht nutzt es ja.
Die Frau werkelt eine gefühlte Ewigkeit in ihrem PC und redet laut italienisch mit ihrer Kollegin. Sie scheint etwas hin- und herzuschieben. Hoffentlich klappt es doch! Ich warte.
Ich wünsche mir das so sehr, vis-a-vis mit Venedig zu stehen, dass ich fast platze vor Anspannung. Dann sagt sie, dass das geht, aber mehr kostet. Jaaaaa!! Die Preise kenne ich, das ist es mir allemal wert!! Und so ein großer Unterschied ist es nun auch wieder nicht! 155 anstatt 132 Euro für 3 Nächte.
Mille mille mille gracie!! I am very happy!! sage ich ein paar Mal. Und wie happy ich bin!
Eigentlich hatte ich Susi angekündigt, dass wir zusammen auf einen Platz können und die Kosten durch zwei teilen. Das geht da vorne am Wasser leider nicht. Ich frage Susi, ob sie einverstanden ist, wenn ich den trotzdem buche und sie hinter uns auf der Wiese steht. Sie sieht mich an und sagt Ja. Sie hat eigentlich auch keine andere Wahl.
Ich lächle dankbar und wir fahren mit dem Lageplan in der Hand zu unseren Parzellen.
Vor unserer Parzelle hängt eine Kette mit einem kleinen Hängeschloss. Ich schließe feierlich auf und Tatti parkt ein.
Das ist einer meiner absoluten Favoriten-Schlafplätze überhaupt! Das weiß ich jetzt schon! In der Ferne habe ich längst die Skyline Venedigs entdeckt!
Auf der Wiese hinter uns ist freie Platzwahl und Susi findet auch einen guten Platz unter Bäumen mit genug Sonne für ihr mobiles Solarpanel und genug Schatten, damit es im Bulli nicht zu heiß wird.
Wir fahren die Markise aus, setzen uns in den Schatten vor unser Wohnmobil und genießen den Premium-Blick über die Lagune hinüber nach Venedig.
Ich finde es so aufregend hier! In der Ferne erkennen wir helle Gebäude und berühmte Türme. Das alles werden wir noch erkunden! Ich bin so unendlich glücklich gerade!

Wir werden uns für Venedig ein paar Tage Zeit nehmen und alles in Ruhe anschauen. Durch das Fernglas erkenne ich Fenster und Türen und Boote.
Während wir unter der Markise etwas essen, kommen immer wieder riesige Schiffe nah an uns vorbei. Wow, was für ein spannendes Extra!
Das Schiffegucken ist ein anderer Schnack als zuhause bei uns am Nord-Ostseekanal! Hier sind die Container zum Greifen nah. Und es ist heißer und bunter und windstill und sonnig! Ich fühle mich wie am Nabel der Welt, im Mittelpunkt von allem.
Nach dem Essen breite ich den Venedig-Stadtplan aus und blättere in meinen Reiseführern. In Venedig gibt es so viel zu sehen! Da sollte man eine grobe Idee haben, was zuerst besucht werden soll.
Und man sollte das Prinzip der Vaporetti (Wasserbusse) verstehen und rausfinden, welche Tageskarte oder Mehrtageskarte Sinn macht. Die Vaporetti fahren kreuz und quer auf den größeren Kanälen durch Venedig und drumherum und man kommt mit ihnen überallhin.
Das mit den Vaporetti weiß ich jetzt. Aber einen konkreten 3-Tagesplan habe ich nicht. Erstmal hin und gucken gehen, ist mein Plan.
Wir gehen über den Campingplatz, schauen uns die Pizzeria, den Laden und die Duschen und Toiletten an. Es ist alles ok soweit.
Dann erkundige ich mich an der Rezeption, welche Optionen es für das Fähr-Ticket rüber zur Stadt gibt. Ein 2-Tages-Ticket reicht eigentlich. Heute lohnt sich die Überfahrt nämlich nicht mehr. Zwei Tage kosten 26 Euro. Das 3-Tagesticket kostet allerdings nur 28 Euro.
Und so kaufen wir am Ende doch ein 3-Tages-Ticket, weil wir dadurch für zwei Euro heute schonmal kurz drüben gucken können!
Tatti und ich schlendern zum Anleger, wo die Linie 16 zu jeder vollen Stunde nach Venedig abfährt, und sehen uns um. Der Anleger ist fünf Gehminuten von der Rezeption entfernt.
Dann gehen wir zurück zu Susi und vereinbaren, dass wir um 16 Uhr rüberfahren wollen.
Nach einer 25-minütigen Fahrt durch die malerische Lagune werden wir beim Anleger Zattere am Rande der Stadt-Insel sein.
Genau genommen ist Venedig allerdings keine Insel.
Denn die Häuser stehen auf Millionen von Holzpfählen, die vor Jahrhunderten tief in den Schlamm gerammt wurden, total verrückt ist das!
Auf dem Deck einer kleinen Fußgängerfähre nähern wir uns Venedig von der Südseite.
Es ist ein milder Spätnachmittag und der Fahrtwind ist eine willkommene Erfrischung.
Zuerst sehen wir eine Reihe venezianischer Fassaden mit einer dunklen Linie im untersten Geschoss. Das muss vom sogenannten Aqua Alta - dem regelmäßig herrschenden Hochwasser - kommen. In der untersten Etage der Stadthäuser sind wegen der Hochwassergefahr oftmals nur Lager. Das eigentliche Wohnen beginnt im sogenannten Piano nobile, dem edlen Hauptgeschoss im ersten Stock. Schönes Wort. Piano nobile.
Je näher wir Venedig kommen, um so mehr schnelle kleinere Boote rauschen an uns vorbei. Anstatt belebter Straßen - wie sonst in größeren Städten - spielt sich in Venedig alles auf dem Wasser ab. Weiß man ja eigentlich, ist aber trotzdem faszinierend, wenn man sich selber in der Rush Hour auf dem Wasser wiederfindet.
An der Haltestelle Zattere betreten wir zum ersten Mal Venedigs Boden.
Dafür müssen wir von unserem kleinen Fährboot zunächst über einen ordentlich schwankenden Ponton ohne Möglichkeit zum Festhalten gehen. Damit ich nicht umfalle, breite ich reflexartig meine Arme aus und muss rechts und links kleine Ausgleichsschritte machen. Wow! Der Tanz ist eröffnet!
Dann stehen wir auf einer der längsten Uferpromenaden Venedigs vor einer imposanten weißen Kirchenfassade, die zur Kirche Santa Maria del Rosario gehört. Wenn wir nach rechts am Wasser entlang gehen würden, wären wir in fünfzehn Gehminuten beim Markusplatz.
Auf der Promenade zu stehen, ist ein irres Gefühl, das mich gerade ein bisschen überfordert. Was machen wir denn jetzt? In welche Richtung sollen wir denn nur gehen? Susi und Tatti gucken mich an.
Am Anleger ist eine gut bewertete Eisdiele, die Gelateria Nico. Weiß ich längst.
Erstmal Eis holen? frage ich. Au ja!! jubelt Susi. Tatti will auch. Eis geht immer. Und in Italien sowieso!
Mit unseren Eiswaffeln stellen wir uns auf unsere erste venezianische Brücke und schauen in unseren ersten venezianischen Kanal. Das fühlt sich schon mal ziemlich gut an!
Der Kanal ist der Rio di San Trovaso, der zwischen den Gebäuden hindurch in die Innenstadt hinein führt.

Es ist recht ruhig hier auf der Promenade am Rande des Stadtteils Dorsoduro. Nur wenige Menschen spazieren über die Promenade. Dennoch ist viel Bewegung um uns herum. Denn im Wasser sind unzählige kleine und etwas größere Boote unterwegs.
Sie sind schnell und werden - wie man es aus Filmen kennt - auch tatsächlich von Italienern mit Sonnenbrillen gelenkt.
Ich sehe selten mal ein Boot mit einer Frau am Steuer. Die Boote kommen von überallher, fahren unter uns hindurch und überallhin, fahren über die Lagune oder in den Kanal hinein und machen jede Menge Wellen.
Und das Sonnenlicht zaubert tausende tanzende Glitzersterne auf das Wasser! Was für ein Eröffnungstusch, du flirrende Stadt du! Venedig geht direkt in die Adern!
Holla, die Waldfee, was für eine Energie! Das Wasser um uns herum ist die ganze Zeit in Bewegung! Es ist, als drehe Venedig mich im Kreis!
Wow!
Und dabei sind wir doch gerade erst angekommen!
Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet!
Ich habe eine Stadt wie eine moderate alte Lady erwartet, in der es gemächlich zugeht und in der es aussieht wie auf alten Ansichtskarten. Ich habe es mir altbacken, verstaubt und touristisch vorgestellt.
Ich ahne langsam, dass ich es bin, die verstaubt ist, und nicht sie, die Serenissima, die alte Dame Venedig.
Bei dem rasanten Lebenstempo hier komme ich so ad hoc noch nicht so ganz mit.
Wir entscheiden uns, dass wir ein Stück am Ufer des Rio de S.Trovaso entlanggehen.
Ich kann es immernoch nicht so richtig begreifen, dass wir jetzt wirklich in Venedig herumlaufen!
Und neben uns ist ein echter Kanal, der ganz normal zur Stadt dazugehört. Und nicht Fake ist! Wow!
In der Höhe einer der ältesten noch funktionierenden Gondelwerften der Stadt - der Squero di San Trovaso - bleiben wir eine Weile stehen.
Sie ist aus dem 17. Jahrhundert. Dort restauriert und baut eine kleine Gruppe erfahrener Handwerker noch immer Gondeln. Von unserem Platz aus können wir direkt auf den Werkplatz am anderen Ufer schauen.
Vor einem kleinen Werftgebäude im Stil einer Berghütte liegen Gondeln und ein Mann und ein Kind sind beschäftigt. Die Handwerker kamen ursprünglich aus Cadore in den Dolomiten, daher die Ähnlichkeit mit einer Berghütte.
Wie spannend, hier auf ein bedeutsames Stück venezianischer Geschichte schauen zu können!
Wir kommen an den geöffneten Türen kleiner Osterias wie der Osteria Al Squero vorbei. Die Leute holen sich Cicchetti (Häppchen) und dazu einen Aperol Spritz und setzen sich damit auf die kleine Mauer am Wasser. Vielleicht machen wir das ja auch noch.
Aperol Spritz wurde übrigens in Venedig geboren, und heißt in Wirklichkeit Spritz Veneziano. Wusstest du das?
Wir sehen Läden mit schwarzen und goldenen Masken, die mit Federn und Spitze verziert und mit antiken Farben bemalt sind.
In vielen der Maskenläden arbeiten Kunsthandwerker wie hier im Macia de Color und es geht nicht um billige Souvenirs für Touristen, sondern um hochwertige kleine Kunstwerke.
Venezianisches Karneval ist übrigens keine Party, sondern ein lebendiges Theaterstück, das sich im Februar oder März eines jeden Jahres über die ganz Stadt legt. Maskierte Gestalten bewegen sich dann durch Venedig als wären sie einem Gemälde entsprungen. Tagsüber kann man es sich gratis ansehen und nachts für viel Geld an Kostümbällen teilnehmen.
An einem größeren Kanal bleibe ich neben zwei Gondeln stehen und lasse mich von goldverzierten pompösen Sitzen faszinieren.
Der gebogene Teil der Gondel soll einen Dogenhut darstellen. Ein Doge war bis 1797 das auf Lebenszeit regierende Staatsoberhaupt Venedigs.

Dann sehe ich mich um und entdecke eine hohe Brücke. Komisch, denke ich, in diesem Stadtteil ist eigentlich kein so breiter Kanal, dachte ich.
An den Ufern stehen Paläste mit reich verzierten Fassaden.
Oder sind wir etwa schon am berühmten Canal Grande, der mitten durch Venedig fließt? Dann müsste hier schon der Stadtteil San Marco mit den klassischen Hot Spots der Stadt beginnen. Krass, wie nah dann alles beieinander wäre!
Ein Blick ins Handy gibt Gewissheit. Es ist der Canal Grande. Wie klein Venedig ist!
Wir gehen auf die hohe Brücke. Rechts von uns öffnet der Kanal sich zur Lagune hin. Dort steht eine weiße Kirche mit zwei mächtigen Kuppeltürmen.
Es ist die Basilica Santa Maria della Salute, eine sogenannte Votivkirche. Votiv bedeutet, dass sie zur Einlösung eines Versprechens errichtet wurde. In diesem Fall dafür, dass die Venezianer eine in 1630 wütende Pest endlich wieder in den Griff bekamen. Ein Drittel der Einwohner Venedigs ist der Pest in dem Jahr zum Opfer gefallen. Der damalige Doge hatte der heiligen Maria (Madonna) versprochen eine Kirche zu bauen, wenn die Pest zurückgehen würde.
Sie ging zurück und der Doge ließ die Basilica Santa Maria della Salute bauen. Er musste 10.000 Eichenstämme nachkaufen, weil die eine Million Eichenstämme, die schon im Schlamm steckten, das Gewicht der Kirche nicht gehalten hätten.

Der Blick den Canal hinauf und auch hinunter ist richtig schön mit all den unterschiedlichen venezianischen Fassaden und den Pfählen davor und dem bewegten Wasser mit all den Booten darauf.
Und auch das Licht und die Farben sind märchenhaft!
Auf dem Wasser sind kleine Motorboote und auch Gondeln mit stehenden Gondolieri unterwegs.
Sie lenken die Gondeln geschickt mit langen Rudern.
Vaporetti (größere Wassertaxis) fahren immer wieder in beide Richtungen und lassen alle paar Meter Leute ein- und aussteigen. Das machen wir morgen auch!

Ich staune und staune und staune.
Vor unserer Reise dachte ich ernsthaft, dass man Venedig schlichtweg einfach nur mal gesehen haben muss, dass wir herkommen, gucken und fertig. Mehr nicht.
Ich hätte niemals erwartet, dass es mich so sehr beeindruckt und dass es mir so viel Freude bereiten würde, hier zu sein! Never ever! Es ist Romantik pur und es wirkt überhaupt nicht unecht oder so. In mir keimt gerade eine zarte Liebe zu dieser lebendigen alten Dame.
Ich werde später zuhause noch oft denken, dass ich nochmal herwill. Und wenn Jemand sagt, dass ein Besuch sich bestimmt nicht lohnt, weil es zu voll und zu touristisch ist, werde ich Venedig zukünftig vehement und unter Einsatz größter Leidenschaft und Empörung verteidigen.
Wir einigen uns schnell, dass wir den Teil mit dem Gondelfahren weglassen. Wir möchten lieber rumlaufen.
Und billig ist es auch nicht gerade. Tagsüber kostet eine 35-minütige Fahrt pro 5-Personen-Gondel 95 Euro. Ab 19 Uhr sind es 110 Euro. Für eine private Gondelfahrt mit Prosecco und eigenem Serenaden-Sänger darf man auch gerne mal zwischen 375 und 430 Euro zahlen.

Auf meiner Venedig-Wunschliste stehen sehr sehr viele Spots, wahrscheinlich viel zu viele für unsere zwei bis drei Tage.
Ich habe keine Ahnung, wieviel wir davon schaffen. Aber das werden wir morgen und übermorgen ja sehen. Heute wollen wir ja nur kurz schnuppern.
Oder?
Hm.
Irgendwie echt praktisch, dass alles so viel näher beieinander liegt als in Berlin oder Dresden oder Barcelona!
Ich überlege, dass wir uns doch heute vielleicht schonmal die Rialtobrücke ansehen könnten und schlage es vor.
Wie weit ist das denn? fragt Tatti. Zu Fuß sind es siebzehn Minuten.
Viertelstunde, sage ich.
Und dann machen wir es einfach! In irgendeine Richtung müssen wir ja gehen.

Auf dem Weg dorthin bekommen wir einen Eindruck von der Enge und Überfüllung, über die alle klagen. Wir kommen zwar auch über etwas luftigere Plätze wie den Campo Santo Stefano, aber die Gassen dazwischen sind schmal und die Häuser hoch, es ist recht dunkel und voll und heiß.
In den Schaufenstern leuchten die Farben der venezianischer Glaswaren allerdings um die Wette.
Es gibt auch Souvenirs, Snacks, Eis, Hüte, Fächer und was Touristen noch so kaufen.
Wir kommen über zahlreiche kleine Brücken und schauen den Gondolieri immer wieder minutenlang zu. Es ist fesselnd, wie geschickt sie ihre zehn bis elf Meter langen schwarzen Gondeln ohne Schäden aneinander vorbei bekommen.
Sie nutzen dafür ihr Ruder oder stoßen sich mit der Hand oder dem Fuß von einer anderen Gondel oder einer Hauswand ab.
Die Gondeln sind auf der rechten Seite ca. 24 cm kürzer und krümmen sich dadurch, so dass eine links stehende Person leichter einseitig rechts rudern kann. Echt clever!
Von der Ponte dell´Academia bis zum Campo S.Luca, der in der Mitte vieler klassischer Touristenziele liegt, ist es nur ein Katzensprung (750 Meter).

Je näher wir der Rialtobrücke kommen, umso voller wird es. Früher war sie die einzige Brücke über den Canal Grande.
Eine ihrer Vorgängerinnen, die damals noch aus Holz war, ist mal unter Menschenmassen eingestürzt als die Leute einer Hochzeit zusehen wollten.
Auch heute drängen sich viele Menschen vor und auf der berühmten Brücke und machen Selfies. Und rundherum ist ein Touristen-Shop neben dem nächsten. Die Rialtobrücke sieht hübsch aus mit dem Aufbau und ihren Bögen. Und sie liegt an einer der schönsten Lagen, die man sich für eine Brücke vorstellen kann.
Susi und Tatti haben keine Lust auf das Gedränge und warten unten. Und ich gehe zwischen all den Menschen die breiten Treppenstufen hoch zum Mittelpunkt der Brücke.
Von hier oben gibt es überall etwas zu gucken. Paläste, Brücken, Boote, Gondeln, Restaurantterrassen, Stege, Pfähle, Balkone...
Die Haltestellen der Vaporetti sind hässliche rechteckige überdachte Ponds. Irgendwie schade.
Auf dem Dach eines der Gebäude kann ich bei genauem Hinsehen die Ballustrade einer Dachterrasse erkennen. Genau diese Dachterrasse dürfen wir morgen besuchen.
Sie gehört zum Tedeschi-Kaufhaus. Die Betreiber müssen die Dachterrasse für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Das war die Bedingung als sie das historische Gebäude zum Kaufhaus umfunktionierten.
Und nun lassen sie alle fünfzehn Minuten einen Schwung Menschen auf das Dach. Man muss sich vorher im Internet sein Zeitfenster buchen und genau das habe ich vor zwei Wochen - in der Minute als der Tag morgen freigeschaltet wurde - getan.
Anschließend wollen wir auch noch gleich zum zweiten großen Must-See in Venedig, dem Markusplatz. Er ist gerade mal 550 Meter entfernt.
Unterwegs stoßen wir immer wieder auf Gondolieri in gestreiften Wo-ist-Walter-T-Shirts. Hier steht gerade ein gelangweilter Walter, der auf Kundschaft wartet
Wir kommen durch enge Gassen und kleine Innenhöfe. Manchmal taucht plötzlich eine Kirche wie die Chiesa di Santa Maria della Fava oder ein uriges Detail an einem Haus auf.
Oder ein spannendes Schaufenster oder auch nette kleine Lokale mit kleinen Tischen und Stühlen vor der Tür.
Als wir unbeabsichtigt vom Hauptstrom, der sich zwischen der Rialtobrücke und dem Markusplatz bewegt, abkommen, ist es schlagartig ruhig und leer.
Durch die verschachtelt gebauten Häuser finde ich es echt schwierig, mich zu orientieren. Man muss die Brücken finden, sonst landet man in Sackgassen, die am Kanalufer enden.
Wir sehen zuerst die Rückseite vom Uhrenturm (Torre dell´Orologio).
Unter seinem großen blauen Ziffernblatt mit goldenen Sternen hindurch treten wir auf den Markusplatz.
Auf dem großen Platz pulsiert das Leben. Er ist das Herz Venedigs.
Reize prasseln von allen Seiten auf ins ein. Wir stehen efrstmal still und brauchen eine Weile bis wir uns gesammelt haben.
Die Uhr an dieser Seite des Uhrenturms ist eine 24-Stunden-Uhr. Und sie zeigt auch das aktuelle Sternzeichen und die derzeitige Mondphase an.
Auf dem Markusplatz wimmelt es von Menschen und Tauben, wobei das Taubenfüttern streng verboten ist.
An drei Seiten des rechteckigen Platzes befinden sich prachtvolle weiße Gebäude mit langen Fensterreihen. Das sind frühere Verwaltungsgebäude, die heute Büros, Museen, Geschäfte und Cafés beherbergen.
Besonders interessiert mich der mittlere Flügel, denn dort hat Kaiserin Sissi eigene Zimmer gehabt, die kürzlich renoviert wurden. Der Flügel wurde mal von Napoleon Bonaparte in Auftrag gegeben. Napoleon hat den Markusplatz den schönsten Festsaal Europas genannt.
Auch Kaiserin Sissi liebte die Schönheit und Kultur Italiens und konnte in Venedig dem strengen Wiener Hofprotokoll entfliehen.
Sissi und Napoleon sind nicht die einzigen berühmten Persönlichkeiten, die mit dem Markusplatz in Verbindung gebracht werden können. Namen wie Goethe und Casanova hielten sich gerne in den Cafés, die sich am Markusplatz in den Arkadengängen befinden, auf.
Der Markusplatz ist der tiefste Punkt Venedigs und steht deswegen beim Hochwasser, das sich von Mitte September bis Mitte April immer häufiger in die Lagune drückt, unter Wasser. Dann muss man hier über Holzstege gehen.
Der Platz ist nicht exakt rechteckig, was aber nicht auffällt. Die Längsseiten laufen aufeinander zu, wodurch er größer wirken soll, wenn man auf die Basilika di San Marco zugeht.
Die Basilika befindet sich an der Stirnseite des Platzes. Sie hat eine unglaublich reich verzierte Fassade, leider derzeit mit einem Baugerüst davor. Rechts daneben steht der Dogenpalast - auch eines der bekanntesten Gebäude Venedigs - und daneben können wir auf das Wasser der Lagune schauen.
Der Durchgang zur Lagune wird flankiert von zwei haushohen Granitsäulen. Auf der einen steht ein Löwe mit Flügeln, der sogenannte Markuslöwe. Er symbolisiert Stärke und Weisheit und ist ein zentrales Emblem der Stadt.
Auf der anderen Säule steht der erste Schutzpatron Venedigs, der heilige Theodor und tötet einen Drachen. Das soll den Triumph des Guten über das Böse darstellen. Schadet auf jeden Fall nicht.
Die beiden Säulen zusammen bilden ein symbolisches Tor zur Stadt. Venezianer gingen früher ungern zwischen diesen Säulen hindurch, weil dort mal Hinrichtungen stattfanden und man dachte, das bringe Unglück.
Und dann gibt es hier auf dem Platz auch noch den fast hundert Meter hohen Markusturm (Campanile di San Marco). Er ist der Glockenturm der Basilika San Marco und zugleich das höchste Gebäude Venedigs. Ich glaube, ich habe ihn von unserem Wohnmobil aus schon sehen können.

Wir beschließen, unsere kleine Fußgängerfähre um 18:30 zurück zum Campingplatz zu nehmen. Wir wollen zeitig kochen und nicht allzu spät essen. Zu Fuß brauchen wir siebzehn Minuten bis zum Anleger. Das müssten wir schaffen.
Ach ne, warte, ich muss noch was erledigen. Wir gehen noch schnell zum Büro des Citypasses Venezia Unica, das unter Sissis Wohnung ist.
Unter den Arkaden trete ich ein in den angenehm kühlen Raum, krame meinen Zettel mit den alten Buchungen raus und lege ihn auf den Tresen. Ich will es nicht unversucht lassen. Vielleicht kann ich den Museumspass oder die Vaporetti-Tickets noch benutzen. Beises zusammen hat immerhin 93 Euro gekostet.
Ich erkläre die Situation, nämlich dass meine Hochzeitsreise wegen Krankheit ausgefallen ist. Es ist ein halbherziger Versuch. Ich rechne mit nichts.
Und da nimmt sie meine Zettel und lässt ihren Drucker rattern und sagt doch glatt, dass mein Museumspass noch gültig ist!! Und auch die Vaporetti-Tickets!!
Oh, ich freue mich so!
Die Tickets beginnen erst abzulaufen, wenn man die erste Fahrt antritt und den Code scannt. Jetzt braucht nur noch Susi ein Vaporetti-Ticket und dann können wir lostigern zum Anleger Zattere.
Ich kenne mich schon ein bisschen aus in Venedig.
Wir gehen erst zum Campo Santo Stefano und von dort die gleiche Strecke zurück.
Erst über die Ponte dell´Academica zur anderen Seite des Canal Grande.
Dann am Rio di San Trovasio entlang durch den Stadtteil Dorsoduro.
Und schon sind wir wieder an der Lagune bei unserem Anleger Zattore und der hübschen weißen Kirche.
Die Fähre bringt uns mit all unseren venezianischen Eindrücken der Abendsonne entgegen zurück zum Campingplatz.
Wir essen Spaghetti mit Pesto (geht immer) mit Blick auf die Lagune und die Skyline von Venedig. Es ist ein Traum!
Und ab und zu kommen Wellen oder es wird dunkel, weil ein Schiff vorbeikommt.
Abends spiegeln sich die Lichter der Stadt im Wasser.
Was für eine aufregende Stadt!
Was für ein Tag!
Was für ein Land!
Erst die Dolomiten, jetzt Venedig!
Viva l`Italia!
Schlafplatz an Venedigs Lagune:
