Strom haben wir zum Glück wieder genug und wir machen uns auf den Weg nach Pisa.
Tatti kennt Pisa und hat sich gesträubt. Es sei dort zu voll und mache keinen Spaß. Aha. Das ist Susi und mir aber egal.
Was wäre Italien ohne Pisa? Jedenfalls kein richtiges Italien. Also muss Tatti da jetzt durch!
Als wir kurz vor Pisa an einer roten Ampel warten müssen, gucke ich nach rechts über eine Wiese. Und da hinten steht er plötzlich, der schiefe Turm!
Er neigt sich deutlich nach rechts und mein Herz springt. Ich kreische Guck mal! Da ist er!
Als ich Kind war bestand die echte Ferne in erster Linie aus dem Eiffelturm und dem schiefen Turm von Pisa. Das war die ultimative weite Welt für mich! Hingefahren sind dort allerdings nur die Lehrerkinder. Meine Eltern sind mit meiner Schwester und mir ein paar Mal nach Dänemark und einmal nach Mallorca gereist.
Und jetzt bin auch ich endlich hier!
Zuerst steuern wir unsere neue Homebase - den Campingplatz Village Torre Pendente - an. Er ist Pisas Stadtcamping und liegt recht zentral.
Schon beim Einchecken merken wir, dass der Platz sehr gut organisiert ist. An der Rezeption geht alles zack-zack und schon parken wir unter einem großen schattenspendenden Tuch. Ich finde diese Tücher abgrundtief hässlich, aber der Schatten darunter ist unschlagbar.
Wir werden beim Tischdecken von den Nachbarn beäugt und dann auf unsere Fahrzeugfolierung ansgesprochen. Dass unser Wohnmobil ihnen sehr gut gefalle, sagt einer der Männer und ich strahle superstolz.
Wir bringen unsere Schmutzwäsche zum Waschraum und frühstücken mit allem drum und dran, auch mit gekochten Eiern, Tomaten und Salat, während unsere Wäsche schon in der Waschmaschine ist.
Der Platz und die Sanitärräume sind sauber und top in Ordnung, Und für einen Stadtcamping haben wir ausreichend Platz.

Nach dem Frühstück trödeln wir, lesen, schlendern über den Platz, schauen uns die anderen Wohnmobile und das Leben der Anderen an und warten auf unsere Wäsche.
Damit wir zur Ruhe kommen und damit es beim schiefen Turm herum nicht ganz so voll ist, warten wir noch länger.
Wir setzen uns noch eine Ewigkeit unter die Wäscheleinen in den Schatten und warten darauf, dass Tatti Bereitschaft für Pisa signalisiert.
Das fällt mir - ehrlich gesagt - ganz schön schwer. Ich bin nämlich schon so gespannt!
Um 16:30 gehen wir endlich los und müssen erstmal eine Ewigkeit an einer furchtbar lauten und stinkenden Straße entlanggehen.
Nach zwanzig Minuten treten wir auf den Piazza del Miracoli (Platz der Wunder).
Der Platz ist gut besucht und in seinem Umfeld gibt es unzählige Marktstände mit Souvenirs.
Zuerst sehen wir das Baptisterium, einen Rundbau mit Kuppel und dahinter die Seitenwand des Camposanto Monumental, die einen Kreuzgang mit Marmorarkaden und einen stillen Friedhof hinter sich versteckt.

Gleich hinter der Cattedrale di Santa Maria Assunta steht er dann, der schiefe Turm! Er ist eigentlich nur der Glockenturm der Kathedrale, aber hier eindeutig die Haupt-Attraktion. Es ist tatsächlich sehr voll, aber es ist ok. Man läuft sich jetzt nicht gegenseitig um.
Alle gucken auf den Turm, machen Fotos, steigen dafür auch auf einen Zaun und halten ihre Hände so, als würden sie den Turm stützen.

Auch auf dem Turm sind Menschen. Es kostet zwanzig Euro, was ich viel finde. Ich will auch nicht immer alles wollen und zwinge mich dazu, Frieden damit zu haben, nur von unten zu gucken.

Wir einigen uns darauf, dass wir das mit dem speziellen Foto lassen und gehen weiter Richtung Innenstadt, um dort etwas zu essen.
Erstmal bleiben wir an einer Eisdiele hängen. Italienisches Eis ist schonmal prima!

Gegenüber kaufe ich einen Magneten mit dem schiefen Turm darauf und weiter geht es.
In der Via Borgo Stretto - einer charmanten Straße ohne Autos, die auf den breiten Fluss Arno zuführt - liegt das Café Pasticceria Salza.
Es ist ein traditionsreiches Café mit handgemachtem Gebäck und mit Sitzplätzen unter einem Laubengang. Ich schaue kurz rein und knipse schnell und heimlich das Tablett anderer Leute, das auf dem Tresen wartet.
Das Café ist seit Jahrzehnten das gesellschaftliche Herz Pisas. Eine helle altmodische Einrichtung mit Glasvitrinen und verführerischen Kuchen lässt ahnen, wie die Leute hier früher zusammenkamen, Kaffee und Kuchen genossen, plauderten oder über wichtige und nicht so wichtige Weltfragen diskutierten.
Das Café hat im zweiten Weltkrieg Bombenangriffe auf Pisa überlebt und diente dann als städtischer Salon für Studenten, Professoren, Journalisten und Geschäftsleute.
Aber schon im nächsten Sommer wird alles rausgerissen werden. Leider.
Susi und Tatti haben keine Lust auf Pasta oder Pizza und wollen in einen Burgerladen am Fluss.
An der Tür kommt uns laute Musik entgegen. Ich gehe erst hinterher, merke dann aber, dass ich keine Lust auf laute Musik habe und lasse die beiden alleine.
Ich gehe erstmal zurück Richtung Cafe Salza und entdecke einen Kircheneingang in der Fußgängerzone.
Die Kirche ist schlicht und sehr alt. Im Innenraum ist es still. Ich setze mich auf einer der Bänke und schaue mir alles an.
Danach schlendere ich durch die lebhaften Straßen.
Es gibt schmale Gassen, historische Häuser und kleine Geschäfte und Cafés. Viele Gebäude sind aus hellen toskanischen Steinen mit Fassaden in zarten Farben. Pisa ist Studentenstadt und das macht sie noch ein wenig bunter.
Ich lasse mich durch die Straßen und über Plätze treiben, mache Fotos, komme durch Durchgänge auf weitere kleine Plätze, entdecke einen entzückenden alten Kiosk, fotografiere auch ihn und den breiten Arno-Fluss und die Palazzi und die Bürgerhäuser an seinen Ufern.
Irgendwann schreiben die beiden mich an, dass sie fertig sind. Wir treffen uns auf der Brücke und gehen zur anderen Seite des Flusses. Auch dort ist eine Einkaufsstraße - die Corso Italia - mit Läden und Cafés.
Wir wollen uns nun ein Graffiti-Werk von Keith Haring ansehen und danach im großen Bogen zurück zum Campingplatz gehen.
Keith Harings Wandgemälde befindet sich mitten in der Stadt an einer Fassade, die zu einem Kloster gehört.
Er hat es 1989 zusammen mit Studenten aus Pisa an die Wand gemalt und sie haben ein Paar Tage dafür gebraucht. Es soll Kunst für alle sein, wird Tuttomundo (ganze Welt) genannt und es geht darin um uns alle, um Vielfalt und um Zusammenhalt.
Und es geht um Natur. Und um Liebe. Und um Frieden. Hach ja. Alles sehr wichtig.
Ein Jahr später starb Haring im Alter von 31 Jahren in New York an den Folgen von AIDS. Bei seinem Besuch in Pisa hatte er noch geschrieben, dass das Paradies so aussehen müsse wie Pisa, falls es eines gebe. Von nun an stelle ich mir ein zweites Pisa im Himmel mit einem malenden Keith Haring mittendrin vor.
Auf unserem Weg zurück zum Campingplatz entdecken wir von einer Brücke aus zufällig eine kleine Kirche mit vielen kleinen Türmen, die Santa Maria della Spina. Sie fällt auf zwischen all den schlichten Gebäuden am Flussufer.
Sie war mal ein bekannter Wallfahrtsort. Denn sie soll laut Überlieferung 1333 einen echten Dorn der Dornenkrone, die Jesus während seiner Kreuzigung getragen hat, erhalten haben.
Der Dorn wird zwar inzwischen in einer anderen Kirche in der Nähe vom schiefen Turm aufbewahrt, aber die kleine Santa Maria della Spina ist auch ohne ihn außerordentlich zauberhaft.
Wir haben so ein Glück mit dem Wetter!
Wir warten an einer Ampel. Als sie auf Grün springt, knattert ein Pulk Motorroller los. Das ist pures Italien ... der schiefe Turm ... Motoroller um uns herum ... Pizza in Aussicht ... vorhin das italienisches Eis... und nun die laut losbrausenden Motoroller! Es besteht kein Zweifel mehr, wir sind endgültig in Italien angekommen, mehr Dolce Vita geht nicht!
Bella Italia, du bist Lebensfreude pur, laut und lebendig, bunt und frech ... und wie schön du gleichzeitig bist! Ich fühle mich gerade großartig in diesem knatternden italienischsten aller italienischen Momente dieser Reise!

Wir kommen nochmal am schiefen Turm vorbei. Die Sonne steht jetzt tief und der Piazza dei Miracoli liegt im Schatten, nur noch der Turm bekommt Sonne ab, der kleine Star im Rampenlicht.
Ein weiterer Tag mit mehreren tausend Besuchern neigt sich dem Ende zu. Über fünf Millionen Menschen besuchen den Platz jedes Jahr. Das ist der blanke Wahnsinn!
Er ist übrigens so schief, weil das Fundament viel zu flach für den weichen Boden war. Nach dem Bau der ersten drei Stockwerke begann er sich zu neigen.
Wie es dem Baumeister Boannno Pisano wohl ging als zur Baustelle kam und das Elend sah?
Es gab dann einen Baustopp und durch Kriege mit Genua, Lucca oder auch Florenz ruhte der Bau erstmal hundert (!) Jahre.
Spätere Baumeister versuchten das auszugleichen, indem sie die nächsten Stockwerke in die Gegenrichtung bauten. Hat ja super funktioniert, fällt überhaupt nicht mehr auf.
Bei den Souvenirständen kehrt langsam Ruhe ein. Ich überlege, ob eine Pisa-Tasche mit dem Turm darauf irgendwie kultig wäre, merke aber zum Glück noch rechtzeitig, dass es uncool ist und überhaupt nicht zu mir passt.
Ich möchte nicht wissen, wie vielsagend meine Töchter sich heimlich angeschaut hätten, wenn ich damit angekommen wäre.
Nach einer Viertelstunde sind wir zurück beim Campingplatz. Es dämmert schon und es herrscht entspannte Abendstimmung.
Rechts in der Einfahrt ist eine kleine Pizzeria. Ich biege ab und hole mir eine Pizza zum Mitnehmen raus.
Ich esse sie im Wohnmobil, weil ich keine Lust auf Mücken habe und wir schlafen recht früh heute.
Wir schlafen auf dem Stadtcamping nicht weit vom schiefen Turm:
