Es ist früh am Morgen, das Wasser vom Pool ist glatt und die Vögel zwitschern.
Wir verlassen den Campingplatz auf dem Stadthügel von Siena und machen uns auf den Weg zur unberührten und wilden Maremma-Küste.
Auf unserem Weg liegt eine Abtei ohne Dach - die Abtei San Galgano. Die will ich uns natürlich nicht entgehen lassen!
Nach einer Dreiviertelstunde sind wir da. Der Parkplatz ist gleichzeitig ein Wohnmobilstellplatz, aber Wohnmobile sehen wir nicht, nur ein paar Autos und ein paar Wespen in den Stromkästen.
Die Abtei ist ein einfaches, aber monumentales Gebäude. Das Dach gibt es - wie gesagt - nicht mehr.
Beim Ticketkauf wird uns gesagt, dass heute eine Hochzeit stattfinde, uns das aber nicht stören solle. Das Brautpaar sei informiert, dass die Abtei für alle geöffnet bleibe.
In der Abtei stehen Stuhlreihen für die Zeremonie. Vorne stehen opulente Blumengestecke und weitere Stühle für das Brautpaar. Die ersten Hochzeitsgäste - zwei ältere Damen - sitzen schon an ihrem Platz.
Die Stimmung ist durch das fehlende Dach wirklich besonders. Die Familie hat bestimmt monatelang Angst gehabt, dass es regnen könnte.
Zwei Frauen rollen gerade einen langen weißen folienartigen Läufer vom hinteren Eingang bis zum Altar aus. Der Wind ist so stark, dass der Läufer nicht liegen bleibt.
Den beiden Frauen steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Sie greifen immer wieder nach dem Läufer, drücken ihn auf den Boden und knien sich auf den Rand. Sie tun mir so leid, dass ich kurz davor bin, mich mit darauf zu knien!! Aber ich befürchte, dass das Brautpaar auch nicht glücklicher wäre, wenn ich auf all ihren Fotos zu sehen bin.
Ich will die Braut unbedingt sehen und wir müssen dafür noch sehr lange warten. Susi und Tatti machen das tapfer mit, obwohl sie eine Stunde lang auf sich warten lässt.
Ältere Damen mit Hüten, italienische Mini-Machos - höchstens zehn Jahre alt - in weißen Hemden mit dunklen Sonnenbrillen, Mädchen in arglosen Blümchenkleidern, denen schon jetzt das Feuer aus den dunklen Augen sprüht - alle treffen aufgeregt ein.
Eine kurvige Brautjungfer mit sehr hohen Schuhen, zu kurzem Rock, auffälligen Tattoos und einem kleinen Hund zieht alle Blicke auf sich.
Endlich öffnet sich die hintere Tür und eine wunderschöne Braut tritt ein.
Der lange weiße Läufer wird jetzt von denFußspitzen uniformierter Männer, die Spalier stehen, gehalten.
Fotos davon poste ich nicht, ist ja nicht meine Hochzeit. Stellt euch einfach eine rothaarige Arielle in weißem Spitzenkleid und einen gut aussehenden schwarzhaarigen Bachelor mit akkuratem Bart und dunkler Carabinieri-Uniform vor.
Danach fahren wir weiter Richtung Meer. Nach einer Dreiviertelstunde haben wir keine Lust mehr und steuern einen Wohnmobilstellplatz in Civitella Paganico an.
Der Platz ist so langweilig, der Ausblick unspektakulär und der Himmel grau und er liegt an einer viel befahrenen Straße.
Wir fragen uns, was wir hier sollen, steigen wieder ein und fahren weg.
Marina di Grossetto ist noch eine Fahrstunde weiter und dort ist das Meer. Vielleicht gefällt es uns dort besser.
Ich habe keine Ahnung, wer von uns dreien gerade was will, wie ich alle Wünsche vereinen kann, was gerecht wäre, was gut wäre, wohin genau wir fahren sollten.
Ich bin noch so erfüllt von Siena und von der Hochzeit und mir ist es egal, was wir machen, am Liebsten nichts Besonderes, so dass ich die Eindrücke in Ruhe sacken lassen kann.
Aber wir wollten ja zum Strand. Und Tatti mag die Gegend um Grossetto. Also machen wir das jetzt.
Die Provinz Grossetto ist eine der südlichsten in der Toskana und ist weniger dicht besiedelt als manche Küstenregionen. Es geht hier ruhiger zu und sie ist beliebt bei Naturliebhabern.
Vielleicht ist das ja jetzt das Richtige für uns.
Wir parken auf einem Parkplatz unter Pinien in Marina die Grossetto und Tatti und ich gehen durch die Häuser hindurch zum Strand. Es sieht unordentlich aus auf den Grundstücken und der Strand ist nichtssagend. Wir haben aber gerade keine andere Idee und beschließen zu bleiben und abzuhängen.
Ich bin müde und lege mich erstmal auf´s Bett.
Tatti sitzt schon wieder auf dem Fahrersitz und sagt, dass wir wieder starten.
Was? Wie? frage ich und bin eigentlich froh, dass wir weitersuchen.
Ich rutsche vom Bett und setze mich wieder auf den Beifahrersitz. Ich nehme mein Handy und beginne gleich mit der Suche nach einem besseren Schlafplatz in der Nähe.
Fahr erstmal rechts, weiter gen Süden, sage ich zu Tatti.
Wenige Kilometer südlich von Marina die Grossetto liegt der Ort Principina a Mare. Er liegt auch am Meer, aber hier beginnt der Maremma Naturpark.
Es gibt einen naturbelassenen Strand - den Spiaggia delle Capanne - und direkt daneben einen Strandparkplatz, auf dem die Übernachtung mit dem Wohnmobil geduldet wird.
Vom Strandparkplatz können wir das Meer zwar nicht sehen, müssen aber nur ein paar Schritte durch weichen Strandsand gehen und sind schon am Strand.
Ein Jahr darauf werden hier Wohnmobile aufgebrochen und bei Park4Night schreibt Jemand, dass er einen Strafzettel bekommen habe. Also lieber nicht nachmachen, Leute!
Aber für uns bleibt alles friedlich.
Am Strand kommt man genau zwischen zwei Strandabschnitten heraus. Rechts ist einer dieser typischen italienischen Stränden mit Liegen und Sonnenschirmen in Reih und Glied und mit einer Strandbar.
Links beginnt der Parco regionale della Maremma ohne Möbel und mit wilden Kreationen aus Treibholz. Dort sind Hunde verboten, weswegen Hannes bei Susi bleibt.
Tatti und ich gehen dann barfuß im flachen Wasser spazieren.
Tatti will schon bald zurück und ich gehe alleine weiter, setze mich in den Strandsand und schaue auf´s Meer. Ich trinke Kaffee aus meinem Thermobecher und sehe den Wellen zu.
Der Naturpark Maremma erstreckt sich von hier aus 25 Kilometer gen Süden an der Küste entlang bis Talamone. Den Park gibt es seit 1975 und er ist einer der ersten Regionalparks in der Toskana.
Man kann in den Pienienwäldern und Dünen wandern und Fahrradfahren, reiten oder auch die Küste mit dem Boot erkunden. Es gibt Strände, steile Klippen und eine teils wilde Küstenlinie. Mit etwas Glück begegnen einem auch die typischen Maremma-Rinder.
Die kleinen Hütten aus Treibholz dienen dem Schutz vor dem Wind oder spenden Schatten an heißen Tagen.
Wenn ich mit meinen Kindern hier wäre, würden wir jetzt an den Film Cast Away, in dem Tom Hanks auf einer einsamen Insel gestrandet ist, denken. Und wir würden dauernd mit einem imaginären Ball sprechen so wie im Film.
Hey, Wilson, starr mich nicht so an! Ich muss lächeln. Ich vermisse sie.

Durch die Hütten wirkt der Strand hier wie eine andere Welt.
Und das Meer tut gut.
Wie immer.
Wenn man so eine Treibholzhütte ergattern will, muss man übrigens früh da sein. Sie sind sehr beliebt.
So richtig happy sind wir übrigens auch mit diesem Schlafplatz nicht. Aber er ist ok.
In der Dämmerung sehe ich mich in der Strandbar um. Sie ist geschlossen, macht jetzt in der Nachsaison bestimmt nur noch tagsüber auf.

Die Strandbar ist nett gemacht, mit Palettenmöbeln, Windspielen und Bastschirmen.
Die verlassene Bar in der Dämmerung und der Wind haben an diesem Septemberabend etwas Geisterhaftes!
Bei jedem Windstoß klappert ein Windspiel und ich fühle mich beobachtet. Es sind bestimmt irgendwo Kameras.
Gegen neun beginnt es schrecklich zu regnen. Wir sitzen warm und trocken im Wohnmobil, während der Regen aufs Dach prasselt und den Platz aufweicht.
Eine Stunde später donnert und blitzt es, was das Zeug hält. Das nervt und der Parkplatz am Meer ist auch nicht gerade der netteste Ort bei einem Gewitter! Der Wind ruckelt ganz schön am Auto.
Schlafplatz auf einem Strandparkplatz:
