Ich mag es, morgens meine Siebensachen wieder zu verstauen und weiterzuziehen an neue Orte und am Ende des Tages an einem anderen Schlafplatz den Abend und die Nacht zu verbringen. Das ist für mich Freiheit.
Als ich vom Gelände fahren will, versperrt das Auto eines mobilen Pflegedienstes den Weg und ich muss eine Weile warten bis die jungen holländischen Krankenpflegerinnen aus dem Haus des Betreibers kommen und das Auto weg fahren. Derweil plaudere ich noch durch meine herunter gelassene Seitenscheibe mit der Frau des kleinen Holländers. Ich wünsche den dreien und dem Platz alles Gute und fahre dann zur Provinz Flevoland.
Das Land, auf dem ich fahre, war früher Meer. Für den Flevopolder hat man dem Ijsselmeer Anfang des 20.Jahrhunderts mithilfe des Afsluitdeiches ein großes Stück Land abgerungen. Ich will hier nachsehen, ob ich blühende Tulpen finde und will einen Pflückgarten besuchen.
Der Klassiker unter den Tulpen-Roadtrips ist eigentlich der an den Dünen bei Leiden liegende sogenannte Bollenstreek, also die Blumenzwiebelstrecke. Aber das ist mir zu weit. Hier bei Dronten oder auch rund um Emmelord gibt es auch 30 bis 100 km lange ausgearbeitete Rad- und Autorouten, die durch Tulpenfelder führen. Es werden regionale Produkte, Erlebniswanderungen und Ballon- und Helikopterflüge angeboten und große Dorfsmosaiken aus Tulpenblüten mit eingebunden in den Streckenverlauf. Und man kommt natürlich an vielen schönen Tulpen-Haltepunkten zum Fotografieren vorbei.
Nach einer knappen Stunde Fahrtzeit über Brücken und an einigen Seen und Grachten entlang bin ich im Flevopolder und sehe auch schon gleich blühende Tulpenfelder. Lange rote, gelbe, rosa und lila Farbsteifen führen vom Wohnmobil weg in die Weite. Ich mag das.
Bald werden die Tulpen leider geköpft, denn das Geld wird mit den "Bollen", den Zwiebeln verdient. Und die Tulpen brauchen die Energie für das Bilden von Tochterzwiebeln. Ein Teil der Blüten wird noch für die Dorfsmosaiken, wovon jedes Dorf eines zur Schau stellt, und für das Tulpenfestival verwendet. Die meisten Blüten landen im Müll. Is blöd.
Als ich mich statt gesehen habe, fahre ich zu Hannekes Pluktuin Es ist ein Pflückgarten mit wohnlichem Gewächshaus, in dem ein Teppich liegt und Tische und Stühle stehen.
Hinter dem Verkaufstresen steht eine charmante Hanneke, die Kaffee ausschenkt und ihre Gäste fröhlich begrüßt.
Selbstgemalte bunte Holzpfeile haben mich von meinem Parkplatz an der Straße hergeleitet.
An der Wand sehe ich als Erstes ein Stück braunes Paketpapier, auf das Jemand ein Herz gezeichnet und Alles is liefde geschrieben hat.
Ich bin entzückt! Wer Alles ist Liebe auf braunes Packpapier schreibt, ist ein guter Mensch.
Hanneke erklärt mir, dass ich mir einfach einen der im Gang aufgereihten Pflückkörbe schnappen und hinten rausgehen soll. Und ich soll die Tulpen nicht pflücken, sondern unten anfassen und ziehen und wenn die Zwiebel mit herauskommt, macht das auch nichts.
Draußen sehe ich erstmal nur graue Erde. Vermutlich werden hier die Sommerblumen wachsen. Ich gehe daran entlang zum dahinter liegenden Tulpenfeld.
Hier wachsen und blühen unendlich viele Tulpen in den unterschiedlichsten Farben, Blütenformen und Größen.
Es sollen über 200 Sorten sein. Ich suche jede Farbe, die ich finden kann, ziehe die Tulpe sorgfältig heraus und lege sie behutsam in meinen Korb. Jetzt bin ich echt in Holland, finde ich. Also, mehr Holland geht gerade nicht.
Ich könnte vor Wonne im Hopserlauf durch die Reihen springen. Ich stelle mir vor, wie die Leute dann gucken würden und muss lachen. Ich ziehe grinsend Tulpe für Tulpe und habe zwischendurch Spaß beim Fotografieren.
Drinnen werden die Tulpen gezählt und ich zahle und kaufe gleich noch eine große Glasvase dazu.
Eigentlich wollte ich meinen Camping-Falteimer als Vase benutzen. Aber dafür sind meine Tulpen viel zu schön.
Ich frage Hanneke, ob ich Fotos machen und im Reiseblog zeigen darf, auch von ihr und sie hat nichts dagegen.
Zum Abschied legt sie mir ans Herz, einen Bauernhof um die Ecke zu besuchen, wo heute Kälbchentag ist und man leckere Produkte aus Weidemilch kaufen kann, und drückt mir einen Flyer von Bij de Koe (Bei der Kuh) in die Hand.
Oh, cool, aber erstmal setze ich mich mit meinem Strauß, einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen hinter das Gewächshaus und freue mich meines Lebens, der Tulpen und des Frühlings - auch ohne Sonne.
Ich überlege mir, dass ich mir die Kälbchen gleich mal ansehen werde - mich in Kuhliebe versuchen werde. Das IJsselmeer ist nicht so wichtig wie Kälbchen.
Im Stall neben einem kleinen Ladengeschäft erwarten mich kleine Kuh-Persönlichkeiten mit zu großen Ohren.
Der Stall ist sauber und ordentlich. Im Gang stehen Korbsessel zum Ausruhen- bestimmt für Großeltern, deren Enkelkinder sich nicht von den Kälbern losreißen können. Die Holländer denken mit.
Ich kraule zaghaft und mit Fingerspitzen eine kleine Kälbchenstirn. Ein Mann neben mir steckt seine Finger in den Mund eines sehr kleinen Kälbchens und es saugt daran. Oh, wie süß ich das finde! Das will ich natürlich auch! Und da er seine Hand mit allen Fingern zurück bekommt, nehme ich an, dass einem die Finger nicht abgebissen werden, und halte meine ausgestreckte Hand hin.
Und dann saugt das kleine Ding laut schmatzend daran als gäb’s kein Morgen! Das Maul fühlt sich so weich und warm von innen an, total niedlich! Aber weil es auch ein bisschen fies ist, dass da keine Milch kommt, höre ich wieder auf und gehe nach einer kälbchenkraulenden Ewigkeit zurück in den Laden.
Ich bleibe vor der Eistruhe hängen und studiere eine Liste mit Eis- und Joghurtsorten. Kreative Kompositionen machen mir die Entscheidung schwer. Hmm ... Karamell soll es auf jeden Fall sein... einmal Karamell-Kaffee ... und einmal Stroopwaffel-Karamell.
Ich habe leider nur ein kleines Eisfach im Wohnmobil, sonst hätte ich alle Sorten mitgenommen. Frische Kuhmilch muss auch noch mit. Und holländischer Käse mit Wiesenkräutern vom benachbarten Hof.
Vom Angebot hier im Laden bin ich genauso begeistert wie von den Kälbern und davon wie picobello sauber und ordentlich die ganze Anlage und der riesige Stall sind. Den Hofladen kann ich unbedingt weiterempfehlen!
Und das Eis von den Ijsbrouwers, einer jungen Familie aus der Gegend, die es nach altem Rezept und mit viel Liebe und Weidemilch der eigenen Kühe zaubert, macht übrigens süchtig. Vielleicht muss ich demnächst nach Biddinghuizen ziehen.
Das Flevoland, auf dem ich mich gerade befinde, war mit seinen Wiesen bisher immer das langweiligste Stück Holland, das ich mir vorstellen konnte. Und ich bin auch nur hier, weil ich einen Blick auf ein Tulpenfeld erhaschen wollte. Nun finde ich aber die kleinen authentischen Adressen hier so bezaubernd, dass ich heute eigentlich gar nicht noch mehr Eindrücke bräuchte. Ein echter "Aanrader", also eine echte Empfehlung, würde der Holländer sagen. Wer - wie ich - auf regionale Produkte und auf Kühe steht, ist in dieser Gegend absolut richtig.
Der Tag ist aber noch jung und die Ostküste des Ijsselmeers reizt mich natürlich auch sehr. Also zieht es mich ins vierzig Kilometer entfernte Urk.
Urk ist ein sympathischer Fischerort, der bis 1939 auf einer Insel lag. Als der Meeresarm, in dem Urk lag, durch den Afsluitdijk eingedeicht wurde, wurde Urk angelandet. Also fahre ich sozusagen zwar auf Land, aber über das ehemalige Meer, das jetzt aus geraden Straßen und flachen Wiesen besteht, zur ehemaligen Insel Urk, die auf einem Hügel liegt.
Ich parke am Hafen auf einem großzügigen Parkplatz zwischen großen Kuttern. Ich stelle meine Tulpen in die neue Vase mit Wasser und sehe dabei durch mein Seitenfenster, dass zwei der Matrosen in einiger Entfernung stehen und meine Felgen begutachten. Ich frage mich immer wieder, was an Felgen oder Autoreifen spannend sein soll.
Ich stelle erstmal meine Tulpen in die Vase und mache mich auf den Weg am Wasser entlang in Richtung des alten Hafens.
Ich gehe zielstrebig an den Hafenbecken entlang zu einem alten Botterschuur (Bootsschuppen). In der kleinen alten Halle sieht es nicht so sehr nach Arbeit aus, sondern eher nach geselligen Zusammenkünften. Die Halle gehört jetzt einer Stiftung, die Plattenbodenschiffe restauriert.
Eine Handvoll älterer Urker Männer halten sich in und vor dem nostalgischen Schuppen auf. Zwei Männer richten das Deck eines alten Schiffes her, der eine mit Seemannsohrring. Ich gehe in den Schuppen und sehe Tischreihen mit Stühlen und im hinteren Bereich einen Tresen. Dort stehen weitere Männer und ich erkundige mich bei ihnen nach Kibbeling.
Ja, natürlich bekomme ich Kibbeling (frittierte Fischstücke), sagt einer freundlich, und ein zweiter Mann verschwindet in einem Raum hinter dem Tresen und kommt nach einer Weile mit einer Portion heißem, krossem und herrlich duftendem Kibbeling zurück.
Sobald ich in Holland hollländisch spreche, fallen alle Barrieren. Zwei der Urker Männer erkundigen sich, ob sie sich beim Essen dazu setzen sollen. Klar will ich das! Also sitzen wir zu dritt in der halbdunklen Halle an einem Ende eines langen Tisches. Ich lerne: Wenn du in Holland alleine unterwegs bis, bist du nicht alleine unterwegs.
Über und um uns herum baumeln lauter alte Gegenstände, die etwas mit Schiffen zu tun haben. Die zwei sitzen da mit ihren Kaffeebechern und ich esse meine Portion Kibbeling. Kibbeling haben sich die Holländer ausgedacht. Es sind mundgerechte, panierte und knusprig gebackene Fischfiletstückchen.
Wir drei unterhalten uns als würden wir uns schon ewig kennen. Über Holland. Über Kibbeling, über die Stiftung und die Boote, meinen kleinen Roadtrip und am Ende auch noch über Probleme und Anekdoten mit unseren jeweiligen älter werdenden Müttern. Holländische Männer können schnell sehr offen und zugewandt sein. Und lustig. Und sie kletsen (plaudern) auch gerne. Junge holländische Frauen habe ich hingegen misstrauischer erlebt, manchmal auch ein bisschen vorlaut. Und ältere holländische Frauen sind mir wiederum bisher mit viel Herz begegnet.
Nach dem Essen stehen wir zusammen vor dem Schuppen und schauen auf das Deck des alten Holzschiffes.
Einer der Urker Seemänner erzählt mir während er auf einem Schiff etwas repariert von seinen Fahrten. Seine Leidenschaft für die Botter ist deutlich zu spüren.
Dann lädt er mich ein, auch mal auf Deck zu kommen. Der andere guckt ihn daraufhin aber so mürrisch an, dass ich es lieber lasse.
Putzige Dynamik hier unter den eigenwilligen Herren!
Ich bedanke mich herzlich und sie sagen mir, ich soll mir das Seefahrer-Denkmal ein Stück weiter unbedingt ansehen. Dann wünschen wir uns gegenseitig alles Gute und ich ziehe weiter.
Ich gehe am Wasser entlang weiter zum weißen Leuchtturm mit rotem Dach.
Er liegt auf einem Hügel und sieht normalerweise total idyllisch aus, wird aber gerade renoviert und ich kann nicht viel von ihm erkennen.
Ich gehe weiter am Wasser entlang.
Hinter dem Leuchtturm kommt mir eine Frau in Tracht entgegen. Ich habe gelesen, dass die Urker alte Traditionen aufrecht erhalten wollen. Stimmt also.
Ein Stück weiter betrete ich einen großen Balkon zum IJsselmeer. Darauf steht das Seefahrer-Denkmal, nämlich die Statue einer Frau, die mit aufgeblähtem Rock Ausschau hält und auf ihrem Kopf steht eine Möwe, die auch Ausschau hält. An den Mauern rund um den Platz sind Gedenktafeln mit den Namen und dem Lebensalter der Fischer, die in den Wellen umgekommen sind, zu lesen.
Die meisten sind viel zu jung gestorben. Das ist so traurig! Der letzte Eintrag ist von zwei Männern, die 2019 umgekommen sind, einundvierzig und siebenundzwanzig Jahre alt. Und es sind auch zehn- und zwölfjährige Jungen dabei. Das Meer kann so schrecklich brutal sein. Auch das IJsselmeer, obwohl es nur noch ein riesiger künstlicher Süßwassersee ist.
Hinter dem Platz ist ein Strand, aber es beginnt zu regnen und ich trete den Rückweg an, entferne mich vom Wasser und gehe durch den Ort zurück Richtung Wohnmobil. Mein Weg führt mich durch schmale Gassen mit eng stehenden urigen Häusern. Als Urk noch eine Insel war, mussten die Häuser zusammenrücken um den Stürmen, die von allen Seiten über das Meer kamen, zu strotzen.
Ich gehe ein bisschen schneller, weil es immer stärker regnet, achte aber trotzdem im Vorbeigehen auf Fenster- und Vorplatzdekorationen mit viel Holz und Korbgeflecht und schönen Grünpflanzen. Für Wohn- und Gartendeko haben die Holländer echt ein Händchen. Auch in Urk. Äh. Auf Urk sagt man hier noch.
Mein nächster Ort am Ijsselmeer ist Lemmer.
Er liegt 37 Kilometer weiter nördlich und dort will ich auch übernachten.
Dafür fahre ich auf das Gelände des Wassersportzentrums Tacozijl. Im Internet sah der Wohnmobilbereich vielversprechend aus, ein Rechteck um ein großes Hafenbecken herum.
Aber es ist nur eine Seite des Beckens befahrbar und gegenüber ist Matsch und liegen Bretter und dazwischen steht ein Bagger. Eine unfreundliche Frau teilt mir einen Platz zu, von dem aus ich das Wasser gar nicht sehen kann. Ich sage, dass ich gerne ein Stück weiter vorne beim Wasser stehen möchte.
Da fährst du dich fest, raunzt sie mich an. Ist mir egal. Ich wage es trotzdem.
Ich parke ein und richte das Wohnmobil wohnlich her.
Ich muss Hannekes Tulpen wieder aus der Zeitung rollen und in eine Vase mit Wasser stellen. Echt clever, sich bei einem Roadtrip Vasenblumen zuzulegen, ich Dödel.
Jedes Mal wieder Wasser in die Vase und Tulpen rein und dann alles wieder raus und Tulpen wieder in die nasse Zeitung rollen.
Und dann nochmal und nochmal. Voll nervig. Und die Tulpen selber finden das ganz Hin und Her auch nicht gerade witzig.
Von der Hauptstraße höre ich ununterbrochenen Verkehrslärm.
Hm.
Also ist der Platz nicht nur hässlich, sondern hässlich und laut.
Ich habe den spontanen Impuls wieder abzuhauen.
Aber ich musste vorab bezahlen und denke, dass eine Stornierung kompliziert wird. Und außerdem will ich mir selber beweisen, dass ich nicht verwöhnt bin.
Und es ist nervenaufreibend, wenn man schon auf Chillen eingestellt ist und plötzlich wieder heimatlos und müde durch die Straßen irrt.
Ganz alleine heimatlos zu sein, stelle ich mir noch ätzender vor. Da müsste ich dann gleich noch Plätze recherchieren und selber alles fahren und den Weg suchen. Och nö, lieber nicht!
Gleich bin ich sowieso mit dem Rad in Lemmer und werde den Ort erkunden und nachher ist es dunkel und da fahren bestimmt nachts auch kaum Autos.
Also bleibe ich.
Mit dem Fahrrad sind es knapp drei Kilometer auf dem Deich am IJsselmeer entlang bis in die Innenstadt von Lemmer.
Lemmer ist beliebt bei Wassersportlern, denn es liegt nicht nur am IJsselmeer, sondern auch noch an zwei weiteren größeren Gewässern und es ist von Wasserwegen durchzogen.
Der Ortskern ist - wie ich es mag - typisch holländisch: Wasser und Boote, rote Backsteinhäuser mit dunkelgrün-weißen Türen und Sprossenfenstern und verschnörkelte Giebel. Und durch den Ort geht eine breite Gracht, auf der Motoryachten unterwegs sind.
Die Boote stauen sich immer wieder und müssen warten bis die Zugbrücke sich wieder öffnet. An den Ufern sind nette Cafės, Restaurants und Geschäfte.
Zurück beim Wohnmobil, erkunde ich mit dem Fahrrad das gesamte Gelände des Wassersportzetrums Tacozijl und entdecke einen weiteren Bereich für Wohnmobile.
Er ist ruhig, liegt auch am Wasser und ist ordentlich gepflastert. Die anderen Camper sehen nett und entspannt aus. Da will ich auch hin. Also radle ich zurück zur Rezeption und sage, dass ich umparken möchte. Die unfreundliche Frau sagt, das sei nicht möglich, begründet es auch nicht. Ich bekomme einfach keine Erlaubnis. Ich habe keine Worte mehr und ziehe von dannen.
An der Schiebetür beim Wohnmobil kommt mein Stellplatznachbar und fragt, ob ich den Platz auch so schrecklich finde. Er jedenfalls sei der Meinung, dass zwanzig Euro eine Frechheit seien. Ja, finde ich auch!
Seine Worte bestärken mich in einem neuen Feldzug zur Rezeption. Ich will so voller Gram nicht den Abend verbringen.
Und so bitte ich die Dame um eine Stornierung und möchte mein Geld zurück. Daraufhin sagt sie wieder, dass das nicht möglich sei und geht an mir vorbei hinaus. Sie dreht sich in der offenen Tür um und winkt mich mich mit dem Schlüssel in der Hand heraus. Sie sagt, dass sie gehen will und ich auch gehen soll.
Boah ey, ich kann es nicht glauben, muss aber rausgehen! Na warte, du Zicke, denke ich, und dann ist sie auch schon weg. Da wird noch was von mir kommen!
Jetzt pfeife ich erstmal auf meine zwanzig Euro und bin schnell wieder startklar.
Meine grobstolligen Reifen ackern mich verlässlich aus dem Modder heraus zurück auf die Landstraße. Erleichtert fahre ich aus Lemmer weg. Dass ich gleich im größten Stress meiner Reise stecken werde, ahne ich jetzt noch nicht.
Ich weiß von mehreren ansprechenden Stellplätzen in der Nähe und muss mich nur für einen entscheiden. Ich will jetzt meine Ruhe und dafür peile ich einen Wohnmobilstellplatz bei einem Bauernhof - den Stellplatz Waterloo bei Ypecolsga - an.
Er liegt nur fünfzehn Kilometer entfernt.
Ich lasse mich vom TomTom Camper navigieren und sehe kurz vorm Ziel auf der linken Seite einen ähnlich schönen Stellplatz auch bei einem Bauernhof liegen. Falls mein ausgesuchter Platz doch doof ist, merke ich mir diesen hier schonmal. Dass dies der Stellplatz Waterloo bereits ist, weiß ich nicht.
Mein Navi schickt mich geradeaus und ich halte mich an die Route. Drei Kilometer weiter stehe ich vor einer Einfahrt zu einem Wohngebiet mit engen Straßen und kleinen Häusern.
Ich zögere kurz, denke dann aber, dass Holland ja nicht so groß ist wie Deutschland und ein Bauernhof ja auch manchmal hinter einem Wohngebiet liegt und dass unser Tom Tom Camper meine Breite, Länge und Höhe kennt. Und so kommt es, dass ich eine fatale Entscheidung treffe: Ich fahre da rein.
Die Straßen sind superschmal, aber es passt gerade noch so. Geradeausfahren ist kein Problem. Hinter einer Kurve entpuppt meine Straße sich plötzlich als Sackgase! Dahinter nur noch Wasser!
Es geht einfach nicht weiter! Was für eine Katastrophe! Einen Wendehammer gibt es einfach nicht!
Oh Gott! Mein Herz rast!
Ich starre das Wasser vor mir an, schaue in die Seitenspiegel, sehe Büsche der Grundstücke nah an der Fahrzeugseite und im anderen Spiegel sehe ich eine kleine Rasenfläche, die sicherlich durchnässt ist. Hinter mir ist eine scharfe Kurve, die durch Büsche an beiden Seiten ein Nadelöhr ist. Ich bin gefangen!!
Ich umkralle das Lenkrad fest und bewege erstmal gar nichts mehr, nur meine Augäpfel in weit aufgerissenen Augen von einem Seitenspiegel zum anderen und zurück.
Keine Wendemöglichkeit!
Die Grasfläche ist triefend nass, glänzt wie ein Moorgebiet. Beim Wenden würde ich mich garantiert mit meinem Dreieinhalbtonner festfahren.
Scheiße scheiße scheiße!
Rückwärts um so enge Kurven zu fahren ohne dass Jemand Handzeichen gibt, halte ich für schier unmöglich!
Meine Lage ist ausweglos! Jetzt bloß nicht weinen! Denk´ nach!
Ich überlege siedendheiß, was jetzt das Schlauste wäre. Es muss eine Möglichkeit geben! Soll ich irgendwo klingeln, damit mich Jemand rauswinken kann? Die Häuser sehen ausgestorben aus. Und das wäre auch todespeinlich! Dann fällt mir nur noch Hubschrauberrettung ein. Sonst nichts.
Alle Überlegungen, das Wohnmobil rauzubekommen, laufen darauf hinaus, dass ich es selber versuchen muss.
Ich muss also ein Wunder vollbringen.
Ich fühle mich wie in der Doku mit den gefährlichsten Straßen der Welt, die über dem Abgrund hängen und millimeterweise vor und zurück gefahren werden müssen.
Ich betrachte - jetzt nochmal in Ruhe - das Stück Straße vor, neben und hinter mir.
Ich überlege mir verschiedene Strategien und binde eine kleine Auffahrt eines Hauses mit ein.
Ich muss Ein- und Ausfahrwinkel berücksichtigen, was ich gar nicht kann.
Und dann fange ich an, vorsichtig vor und zurück und wieder und wieder und wieder. Ich schwitze.
Klappt nicht!
Das Problem ist das Nadelöhr. Rückwärts mit einem sechs Meter langen Ducato (plus Fahrradträger) um eine enge Neunzig-Grad-Kurve zu fahren ist extrem schwierig - für mich zumindest. Es soll ja auch Leute geben, die mit zwei Anhängern am Trecker souverän rückwärts einparken. Ich gehöre jedenfalls nicht zu diesen Leuten.
Ich bin kurz vorm Heulen und immer mehr Schweiß läuft mir den Rücken runter.
Ich versuche immer wieder verschiedene Ansätze.
Irgendwann habe ich den Dreh raus, mit dem Heck auf eine kleine befestigte Rasenfläche zu fahren und schräg gegenüber auf eine Ausbuchtung vor einer Auffahrt. Millimeterweise vor und zurück und vor und zurück.
Dann stehe ich endlich andersherum! Ich kann vorwärts aus dem Gebiet herausfahren!
Am Ausgang halte ich an, hole tief Luft und stoße sie erleichtert aus, muss kurz weinen vor Erleichterung, wische ein paar Tränen weg und versuche, in Google Maps meine Orientierung zurück zu erlangen.
Draußen sehe ich ein Schild, auf dem Bungalowpark de Racken steht mit einem kleinen Sackgassensymbol darunter. Es ist eine Feriensiedlung mit unzähligen Wasserkanälen. Dort gibt des das Ferienhaus mit der Nummer neunzehn. Meine Stellplatz hat aber auch die Nummer neunzehn. Aha, da liegt das Problem! Ich verstehe schließlich, dass der Bauernhof vorhin schon mein eigentliches Ziel war.
Fünf Minuten später fahre ich erleichtert auf den großzügigen Vorplatz vor einer Scheune inmitten weiter Wiesen.Ich parken neben dem einzigen Wohnmobil, das außer mir hier ist, und aus der Schiene heraus schauen mich Kühe an.
Hier fühle ich mich wohl! Ich mag den weiten Blick und dass die Sonne mir gerade golden entgegenstrahlt.
Und ich dachte schon, ich müsste heute noch zum Gespött der Ypecolsgaschen Feuerwehr werden!
Ich lege das Stromkabel und versorge mein Zuhause mit Strom. Das mache ich selten, aber ich will nachher in meinem kleinen Refugium duschen und den Angstschweiß loswerden. Und für den Föhn reicht mein Solarstrom nicht.
Ich kann mein kleines Bad übrigens umzaubern, kann meine Wand mit Waschbecken nach links wegklappen und - schwups - sind Klo, Badschrank und Waschbecken weg und ich habe eine geräumige Dusche.
Das ist so megapraktisch, weil der Rest des Bades schön trocken bleibt und ich viel Platz zum Duschen habe.
Die Landwirtin kommt zum Kassieren an die Schiebetür wie es in Holland meist üblich ist. Sie freut sich, dass ich niederländisch mit ihr spreche. (Ich war zwanzig Jahre lang mit einem Holländer zusammen und meine Kinder sind halbe Holländerinnen. Und ich bin so froh, dass ich das kann und möchte Holland nicht mehr missen!)
Wir kommen ins Plaudern und sie entschuldigt sich, dass auf dem Hof nicht alles so schick ist wie sie es gerne hätte.
Mir mangelt es aber an nichts! Ich will gar nicht schick - ich will heute nur noch nett und grün und ruhig! Ich sage ihr, dass es perfekt bei ihr ist.
Sie sieht den Joghurt vom Hofladen stehen und interessiert sich für die Produkte. Ich hole alles aus dem Kühlschrank und komme ins Schwärmen von den Kälbern im Flevopolder.
Sie wolle auch einen Hofladen machen und erzählt mir von ihren nächsten Schritten. Als sie von ihren Handarbeiten redet, die sie dann ausstellen wolle, weiß ich, dass sie mehr Struktur braucht. Ich sage, sie soll mal zu den Kälbern im Flevopolder fahren und es sich dort ansehen, aber sie notiert sich nur die Preise. Man fährt nur eine knappe Stunde dahin, sage ich. Sie lächelt und nickt. Sie wird dort nicht hinfahren - das sieht man ihr an.
Ich gebe ihr den Flyer von Bij de Koe und wir plaudern weiter. Sie ist sehr nett und das Reden tut gut nach der aufregenden Stellplatzsuche. Ab und zu muht eine Kuh zu uns rüber.
Ich hätte auch so richtig Lust, mit der netten Landwirtin zusammen zu versuchen, den Stellplatz zu pimpen und ihren kleinen Laden zum Laufen zu bringen! Mit einem kleinen Tulpenfeld, ein paar Hühnern oder Ziegen, einer Lichterkette und einer Schaukel... und es gäbe einen Happy Koe Joghurt und Melkmeid Becher ...Ideen hätte ich genug ...
Wir zwei haben uns auf jeden Fall viel zu erzählen und vergessen ein bisschen die Zeit beim Quatschen an der Schiebetür.
Sie lässt mich irgendwann duschen und kommt dann nochmal wieder mit ihrem Handy und macht Fotos von meinem Kühlschrankinhalt, von der Milch, dem Käse, dem Eis und dem Joghurt.
Ich bin gespannt, wie sich hier alles entwickelt. Ich muss in ein paar Jahren nochmal hinfahren!
Zum Einschlafen überlege ich mir immer mehr Joghurt-Namen ... Beerenstarke Berta, Himbeer-Hüpfkuh, kleine Weidenfee, Stallgeflüster Karamell ...
Mein schöner Stellplatz Waterloo in Ypecolsga:
