Tag 25    Umleitung durchs Niemandsland.

Samnauntal (Schweiz) & Heimweg.

 

 

Morgens um sieben geht der Wecker und um acht zahlen wir unsere Parkgebühren am Automaten des Seilbahn-Parkplatzes und starten auf dem Reschenpass. 

 

Fünf Minuten später sind wir an der Grenze zu Österreich. Die Grenze besteht aus der Pizzeria Hans und einem kleinen Grenzgebäude und ich bin traurig, dass unser Italienzauber nun vorbei ist.

 

Vor uns liegen der österreichische Ort Nauders und der Reschenpass liegt unter einer Wolkendecke. Wir sehen grasende Kühe und ein Schloss und dann - huch - eine Straßensperre, direkt vor uns. 

 

Wir müssen links abbiegen und eine Umleitung fahren. Für uns geht es auf dem Reschenpass also nicht weiter. 

 

Erstmal geht es nun bergab, dann hinein in den Wald und dort in sehr scharfen Kurven weiter bergab. Wo zum Teufel werden wir hingeführt?

Wegen einer Sperrung des Reschenpasses müssen wir eine Umleitung über die Schweiz fahren.
Wegen einer Sperrung des Reschenpasses müssen wir eine Umleitung über die Schweiz fahren.

 

Nach zehn Minuten sind wir unten. Und zwar an einem Fluss. 

 

Am Straßenrand ein kleines Schild, auf dem Zoll/Douane und Republik Österreich und Grenzübergang steht. 

 

Was? Wie jetzt? Hä? sage ich zu Tatti. Ich dachte, dass wir schon in Österreich sind.

  

Tatti weiß auch nicht, was das bedeutet. Hier waren wir noch nie. 

 

Wir sind in einem Engadiner Grenzdorf, stelle ich fest. Mein Blick fällt auf ein Gebäude mit roten Fensterläden und gelben Sternen auf der grauen Fassade. 

 

Guck mal, wie süß, sage ich. 

 

Der Ort heißt Martina und liegt - ich sehe nach - in der Schweiz. Nanu?

 

Und dann fällt mir wieder ein, dass wir hier ja gerade im Dreiländereck rumkurven. Und dann habe ich auch schon einen kurzen Schockmoment.. Schweiz?! Das bedeutet hohe Internetkosten!! 

 

Blitzschnell schreibe ich Susi die Nachricht INTERNET AUS  und schiebe das Wort SCHWEIZ  hinterher. Dann gehe ich hastig mit meinem und mit Tattis Handy offline. 

 

Bloß keine Schweizer Luxusgebühren zahlen dieses Mal! 

 

Wir überqueren nun den Fluss Inn und fahren dann am Flussufer entlang durch die Schweiz, quasi parallel zum Reschenpass. 

 

Auch hier dürfen wir immer wieder Alpenpanorama mit schneebedeckten Gipfeln genießen.  

 

 An der Strecke fallen uns Millitärfahrzeuge und Schilder auf, auf denen zollfrei 6 km steht

 

Was ist das hier? rede ich mehr mit mir selbst als mit Tatti. 

 

Mal eben im Internet recherchieren geht nicht. Ahnungslos fahren wir weiter. Ich hasse es, nicht nachsehen zu können. Wie haben wir das früher nur gemacht? 

 

Auf einem weiteren sehr großen Schild sehen wir Werbung für zollfreies Einkaufen und zollfreies Tanken im Ort Samnaun. Und es steht auch darauf, dass es in Samnaun ein Eurocenter mit 50 Shops geben soll. 

 

Warum ist das so? Was ist das hier? frage ich Tatti jetzt doch. 

 

Tatti hat auch noch nie von einem zollfreien Gebiet in der Schweiz gehört, sagt sie. 

 

Dann kommt wieder ein Zoll-Schild und wir sind auf einmal wieder in Österreich. Jetzt kann ich endlich wieder im Handy recherchieren.

 

Aha, das war gerade ein zoll- und steuerfreies Schweizer Sondergebiet. Im Winter war das Tal früher von der Schweiz abgeschnitten und die Leute mussten zu der Zeit alles in Österreich einkaufen und bei jedem Grenzübertritt teure Zölle bezahlen. Es war 1892 und ging so nicht weiter, denn es hat sie arm gemacht. Darum hat die Schweiz Samnaun zollfrei gemacht und das  Tal konnte überleben.

 

Der Sonderstatus hat wirtschaftlich funktioniert und deshalb ist es bis heute so geblieben.  

 

Und nun kann man hier günstig tanken und Uhren und Schmuck und Parfum und Kosmetik kaufen. Oder auch Alkohol, Tabakaren, Markenkleidung und Lebensmittel und noch viel mehr Dinge. Alles ohne Mehrwertsteuer und Zoll. 

 

Ich erzähle es Tatti und frage, ob wir umkehren und und gucken gehen wollen. 

 

Ich brauch nichts, brummt sie. Sie hasst Shoppen. Und es ist auch besser so, denn wir müssen noch so weit fahren. 

 

In Füssen möchte sie allerdings doch in den Outlet mit Sportmarken gucken. Dort ist es so voll, dass wir weit weg parken müssen und schnell keine Lust mehr haben. Auf dem Weg zurück zum Wohnmobil regnen wir auch noch klitschnass. 

 

Wir steigen wieder ein und mit jedem Autobahnkilometer verschwindet unsere schöne Reise mehr aus unserem Leben.  

 

Die Berge werden immer kleiner bis sie ganz weg sind.

 

Und der Himmel wird immer weiter und immer größer. Wie das eben so ist bei uns im Norden. 

 

Abends um sieben ist der Himmel lachsrosa und wir sind in der Nähe von Hildesheim. Das ist Niedersachsen und fühlt sich schon sehr an wie Heimat. 

 

Ich habe während der Fahrt ein kleines Rückreisevideo mit Country Road als Hintergrundlied erstellt und freue mich nun sehr auf Zuhause und auf meine Lieben! Ich habe sie auch schon sehr vermisst.  

 

Country Road... take me home ... to the Place ... I belong ... dudelt es die ganze Zeit in meinen Air Pods.

 

Als wir zuhause den Motor auf unserer Auffahrt ausstellen, ist es halb neun und schon dunkel.  

 

Wir werfen unsere Schmutzwäschesäcke durch die offene Seitentür bis vor die Waschmaschine und packen auch den Rest aus. Beim Ankommen und Leerräumen sind wir längst ein eingespieltes Team.

 

Ruck-Zuck ist im Wohnmobil und in der Küche wieder klar Schiff. Zumindest ist alles ausgeräumt. Das Saubermachen wird auf morgen verschoben.

 

Ich genieße es, dass unser Badezimmer zuhause so groß und komfortabel ist und bleibe einen Moment länger als sonst mit geschlossenen Augen unter unserer Regendusche stehen. 

 

Die Bilder der Reise leben in mir weiter, all die Farben und Landschaften, Venedig, die Dolomiten, das Prosecco-Gebiet, das Chianti-Gebiet, Umbrien, Siena, Elba, Pisa, die Sonne und das Meer, die Hügel der Toskana und Graun mit der Kirche im See ...

 

War ich wirklich an all diesen wundervollen Orten? Und war ich wirklich heute Morgen noch in Reschen am See? Es kommt mir vor wie ein anderes Leben.

 

Verrückt ist das, wie schnell man wieder der Mensch ist, der in einem Haus in Norddeutschland wohnt und wieder tagein tagaus zur Arbeit fährt und sich nach der nächsten Reise sehnt. 

 

Zum Glück finde ich zuhause aber nicht nur Alltagstrott, sonder auch das Allerbeste an meinem Leben, nämlich die Menschen, die ich liebe, meine Familie! Da können nicht einmal Venedig, Siena oder der Dolomitenbalkon mithalten! 

 


Ich bin dankbar für diese besonderen italienischen Reiseerinnerungen und finde es schön, dass du teilgenommen hast! 

 

Im langen nahenden Winter werde ich die Orte dieses Italien-Roadtrips nochmal in Gedanken bereisen, genauer nachlesen über die Gegebenheiten, die Menschen und ihre Geschichten. Und ich werde eines meiner eigenen Venedig-Fotos in ein Malen-nach-Zahlen-Bild umwandeln lassen und mich im übernächsten Winter während einer (leider mal wieder) längeren Krankheitsphase im Malen und True Crime-Podcast-Hören verlieren. 

 


Nach der Reise ist ja zum Glück auch wieder vor der Reise. Im nächsten Frühjahr geht es mal wieder nach (Achtung, Spoileralarm!) Frankreich, nämlich in die Bretagne, und im nächsten Herbst wieder nach Italien, nämlich nach Sardinien!

 

Aber das alles wissen wir jetzt noch gar nicht, denn wir folgen ja immer unseren Herzen und der Sonne. Und das ziemlich spontan. 

 

Was ist dein aktuelles Sehnsuchtsziel? Was sagt dein Herz?  Es würde mich freuen, wenn ich dein Herz ein wenig für Italien erwärmen konnte.

 

Hab eine gute Zeit und lebe so intensiv wie es nur geht! Schön, dass du dabei warst! 

 

 

ENDE