Tag 23    Mondäner Kurort mit roten Schrägseilbahnen Gigio & Gigia.

Montecatini Terme & Montecatini Alto (Nördliche Toskana).

 

 

Heute ist Samstag und wir haben noch eine Woche Urlaub. Aber wir wollen noch Zeit zum Zuhause-Ankommen und Wäschewaschen haben und ich möchte spätestens Mittwoch zuhause sein. Denn da wird meine jüngere Tochter siebenundzwanzig. 

 

Also hätten wir noch zwei bis drei Übernachtungen und müssten dann Gas geben und nach Hause rauschen.  

 

Morgens früh unterwegs Richtung Heimat
Morgens früh unterwegs Richtung Heimat

 

Wir starten erstmal ohne richtigen Plan gen Norden. Wir sind so erfüllt von allem was wir auf dieser Reise bisher erlebt haben, dass uns keiner der Spots an der Strecke Richtung Heimat so richtig von der Straße locken würde. 

 

Während der Fahrt schaue ich mir meine in Google Maps gesetzten Fähnchen und Ideen an und überlege, was wir ansteuern sollten. Vielleicht ein Ferrari-Museum? Och nö, nicht wieder Technik. 

 

Oder das Casa Museo Luciano Pavarotti südlich von Modena? 

 

Willst du Pavarottis Palazzo sehen? frage ich Tatti. 

 

Tatti konzentriert sich gerade auf irgendwelche Schilder.

 

Da ist gesperrt. Wir können da nicht lang, sagt sie. 

 

Ich recherchiere. Die Ponte Secchio soll gesperrt sein? Hm. Ne. Die Schilder sind nicht mehr gültig, finde ich heraus. 

 

Ist eigentlich wieder frei, sage ich. Ab heute. 

 

Eigentlich? fragt Tatti skeptisch. 

 

Ja, ist frei, antworte ich siegessicher. 

 

Wir fahren also weiter. Immer wieder stehen diese Warnschilder mit der Brückensperrung am Straßenrand. Bis zur Brücke sind es noch knapp zwei Stunden.

 

Falls ich eine falsche Info habe und die Brücke doch noch gesperrt sein sollte, müssten wir den ganzen Weg zurück. Zwei Fahrstunden. Anders würde es nicht gehen. 

 

Aquanische Alpen als Teil des Apennin
Aquanische Alpen als Teil des Apennin

 

Beim nächsten Schild besprechen wir deshalb, dass wir das supernervig finden würden und vorsichtshalber gleich umkehren und den anderen Weg nehmen.

 

Und der geht im Bogen erstmal wieder südlich, dann zurück nach Lucca und dann erst gen Norden. Ist eben so. Auf Reisen verläuft nicht immer alles nach Plan. 

 

Berge in der nordwestlichen Toskana
Berge in der nordwestlichen Toskana

 

Und so kommt es, dass Montecatini Terme - ein mondäner Kurort - an unserer Strecke liegt. Da wollte ich schon immer mal hin. Tatti nickt den Vorschlag ab und Susi sagt auch ja.

 

Beim ersten und bisher einzigen Besuchsversuch in Montecatini Terme vor einigen Jahren sind Tatti und ich gleich wieder weggefahren. Wir haben uns nämlich bei der Parkplatzsuche so gestritten, dass ich an einer Kreuzung ausgestiegen bin und eine Ewigkeit auf dem Bürgersteig stand. Mit dem Rücken zum Wohnmobil. Ich dachte da, ich würde nie wieder einsteigen. 

 

Dieses Mal landen wir gleich auf dem richtigen Parkplatz. Inzwischen kennen wir uns mit der Parkplatzsuche besser aus. 

 

Parkplatz Fedelili in Montecatini Terme - laut Park4night Übernachtung erlaubt
Parkplatz Fedelili in Montecatini Terme - laut Park4night Übernachtung erlaubt

 

Es ist der Besucherparkplatz Parcheggio Fedeli. Er liegt nur wenige Schritte von der Standseilbahn Funicolare di Montecatini Terme entfernt. 

 

Erst tanken wir AdBlue, dann besprechen wir drei, dass wir uns erst den Ort hier unten (Monteacatini Terme) und dann den Ort oben (Montecatini Alto) ansehen und wenn es spät wird, bleiben wir einfach zum Schlafen.  Verbotsschilder haben wir nicht entdecken können und es ist auch nicht voll, also nehmen wir Niemandem den Platz weg. 

 

Ad Blue tanken
Ad Blue tanken

 

Vom Parkplatz führt der Weg durch einen Park, der leer und ungepflegt ist. 

 

Mitten im Park steht das Terme Tettuccio, ein historisches Thermalbad mit Säulen, das für seine Mineralquellen bekannt ist. Es muss mal ein sehr beeindruckendes Gebäude gewesen sein, jetzt ist es ramponiert. An den Wänden sind Risse und Grünspan breitet sich aus. Es war mal das Herzstück des damals glanzvollen Kurortes. 

 

 

Man kann auch heute noch reingehen, sich alles ansehen und das Wasser trinken. Es soll auch ein schönes Café im Gebäude sein. Susi wollen kurz reinschauen. 

 

Der Eingang besteht aus aus hohen Säulen mit einem bunten halbrunden Glasvordach, das ich sehr apart finde! Es kostet sechs Euro! Wie bitte?  Susi will nicht und ich überlege einen Moment, entscheide mich dann aber dagegen. 

 

Wir gehen weiter hinunter zum Ortskern und kommen an hübschen Jugendstilvillen und leerstehenden Grandhotels vorbei. Die Gärten müssen mal wunderschön gewesen sein. Und in den Straßen sah man elegant gekleidete Menschen, die das Kuren für sich entdeckt hatten, die das Heilwasser tranken, einem Orchester lauschten und Kuchen aßen. 

 

Montecatini Therme war mit vier Thermalquellen Treffpunkt der europäischen Gesellschaft und ein Zentrum des Art Nouveau-Lifestyles. Die Leute hatten Vertrauen in Wissenschaft, Technik und Medizin und legten viel Wert auf Kunst, veredelten ihr Leben damit. Man war unbeschwert, optimistisch und glaubte, der Fortschritt kenne kein Ende. Bis der Erste Weltkrieg alles veränderte. 

 

Heute gehört Montecatini Terme zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es ist zusammen mit Baden-Baden, Vichy, Karlsbad und anderen europäischen Kurorten eine der elf Great Spa Towns of Europe

 

Montecatini Terme und im Hintergrund Montecatini Alto auf dem Berg
Montecatini Terme und im Hintergrund Montecatini Alto auf dem Berg

 

Wir sind ja schon in der Ortsmitte, finden aber alles ein bisschen langweilig. Im Hintergrund können wir die Häuser vom Örtchen Montecatini Alto auf dem Berg liegen sehen. 

 

Die Villen und Grandhotels wirken wie ausgestorben. Ich hatte mit Caféterrassen und netten Lädchen gerechnet. Mondän ist Montecatini Terme heute nicht gerade mehr. 

 

Zentraler Platz mit Brunnen und geschlossenem Grand Hotel in Montecatini Terme
Zentraler Platz mit Brunnen und geschlossenem Grand Hotel in Montecatini Terme

 

Hmm...

 

Anstattdessen herrscht Leere.  

 

Ziellos streunen wir über den Platz mit Brunnen. 

 

Was machen wir jetzt? frage ich in die Runde. 

 

Schulterzucken. 

 

Am Platz steht eine Kirche aus der Nachkriegszeit, die irgendwie cool aussieht, aber überhaupt nicht hierher passt. Wenn sie wenigstens Blumen gepflanzt hätten. 

 

Kirche in Montecatini im Retro-Look
Kirche in Montecatini im Retro-Look

 

Ein Stück weiter entdecken wir  auf der gegenüberliegenden Straßenseite aber dann doch lebhaftes Treiben. Wir gehen näher heran.

 

Erst sehe ich nur eine runtergesetzte Food Truck-Handtasche und gelbe High Heels im Schaufenster. Die Handtasche kostet 1.267 Euro. Wie bitte?? Wer gibt das Geld dafür aus? Leute, davon könnte ich einen Monat lang essen und tanken und Stellplätze bezahlen. Du hättest eine Handtasche weniger und ich müsste einen Monat lang nicht arbeiten. Dafür dürfest du das Ziel bestimmen - ähem, wünschen meinte ich -  und ich halte dich auf dem Laufenden mit schönen Berichten. Deal?

 

Tausend-Euro-Handtasche im Schaufenster in Montecatini
Tausend-Euro-Handtasche im Schaufenster in Montecatini

 

Das Leben spielt sich bei den Nachbarn - einer Bäckerei - ab. Es ist nicht irgendeine Bäckerei, sondern die Pasticceria Giovannini, die Tradition und sehr feines Gebäck hat. 

 

Beim Blick in die Schaufenster läuft einem direkt das Wasser im Mund zusammen! Vor uns liegen Dutzende Gebäckstückchen in den verlockendsten Farben und Formen. 

 

Pasticceria Giovannini - seit fünf Generationen handwerklich hergestellte Gebäckstücke
Pasticceria Giovannini - seit fünf Generationen handwerklich hergestellte Gebäckstücke

Ich guck mal kurz rein, sage ich und bin auch schon drin.

 

Im Laden gibt es noch viel mehr Variationen dieser bezaubernden Gebäckstückchen. Sie werden in Glasvitrinen und hinter dem Scheiben des Verkaufstresens dargeboten. Der Raum besteht aus Spiegeln, dunklem Holz, von den Decken hängenden Retro-Lampen und Sitzmöglichkeiten. 

 

Kunden stehen am Tresen und stellen sich bedächtig eine kleine Auswahl Pasticcini, wie man sie hier nennt, zusammen. Zwei Frauen wägen gerade ab, schauen rechts und schauen links, lassen sich beraten, zeigen hierhin, zeigen dorthin, überlegen, besprechen sich mit ihrer Begleitung, entscheiden sich für ein Stück und dann beginnt alles nochmal von vorne. Ich stelle mich auch in die Schlange.

 

Das feine Gebäck wird frisch für den Tag hergestellt. In Italien sind manche solcher Pasticcerien nicht bloß Verkaufsstellen, sondern auch soziale Orte. Man kommt gerne mehrmals am Tag vorbei und holt sich jedes mal ein neues kleines Gebäckstück. Ehre, wem Ehre gebührt, sage ich nur.  

 

Die Besucher trinken ihren Kaffee ohne Eile, haben Zeit zum Reden und Zeit zum Nichtreden.

 

Ich inspiziere die unterschiedlichsten Leckereien und kann nicht aufhören zu staunen. Dann bin ich an der Reihe und nehme mir ebenfalls Zeit - wie man es hier macht -, entdecke kleine Windbeutel, Röllchen, Natas und Fruchtgummis, kleine runde und eckige und längliche Gebäckstückchen, manche mit Erdbeeren, manche mit Bananenscheiben, manche mit Schokolade oder Pistazien oder Zitronencreme ... Es hört nicht auf und eines der Ministückchen (Mignons) kostet nur achtzig (!) Cent. 

 

Am Ende verlasse ich die Pasticerria mit einem feinen Paket mit einer extrem leckeren Auswahl. 

Danach gehen wir zurück zu den Wohnmobilen. Giovannini Päckchen landet erstmal im Kühlschrank und wir ruhen uns ein halbes Stündchen aus. Denn die kleine rote Ministandseilbahn - die Funicolare - macht auch gerade Mittagspause.  

 

Als die Zeit um ist, kaufen wir uns bei der Talstation - der Stazione Funicolare di Montecatini Terme - für 7,50 Euro pro Person Tickets für die Hin- und Rückfahrt und stellen uns in die Schlange am Eingang. 

 

Die Bahnen fahren alle halbe Stunde nach  Montecatini Alto, das einen Katzensprung entfernt vor uns auf dem Berg thront.

 

Als es losgeht, stehen wir dicht gedrängt auf einem Minibalkon, fahren rückwärts, atmen unserem Vordermann in den Nacken und gucken zurück ins Tal. 

 

Die Bahn ist eine der ältesten noch in Betrieb befindlichen Standseilbahnen Italiens (aus 1889). Die Strecke ist einen Kilometer lang, überwindet ca. 220 Meter Höhenunterschied und dauert knapp zehn Minuten.

 

Gigio und Gigia - so werden die beiden Bahnen liebevoll genannt - begegnen sich jedes Mal auf halber Strecke.

 

Als wir aus unserem kleinen Ankunftsgebäude hinaus treten, sitzt dort in der Sonne auf dem Berg eine alte Frau auf einem Plastikstuhl am Rand des Abhanges hinter einer Ballustrade. Als wir näher kommen, hören wir, dass sie leise singt. Einfach so.

 

Sie wirkt dement, schaut beim Singen in die Ferne und lächelt irgendwie verschmitzt. Auch das ist Italien. Es gibt weniger Regeln. In Deutschland würde die lächelnde Frau nicht hier sitzen und singen. 

 

Schön ist das! Für sie und für uns. Wir Deutschen sollten auch mal ein bisschen lockerer werden! 

 


Wir folgen der Laufrichtung der anderen Fahrgäste, gehen durch eine kleine Gasse und stehen auch schon auf einem kleinen Platz - dem Piazza Giuseppe Giusti - mit Restaurants, Cafés und Weinstuben. Ein Großteil des Platzes wird als Außensitzbereich der Lokale genutzt.

 

Wie urig es sein muss, zum Abendessen hoch auf den Berg zu kommen während die Sonne hinter den Hügeln der nördlichen Toskana golden untergeht! Klingt kitschig? Egal, ich würde es auf jeden Fall sehr genießen! 

 

Später beim Schreiben dieses Absatzes werde ich das Restaurant Apogeo mit einer wunderschönen Terrassse und Blick ins Tal  entdecken und danach will ich unbedingt nochmal nach Montecatini Alto, um dort essen zu gehen! 

 

Der Piazza Giuseppe Giusti ist ein zentraler Platz mit Restaurants im kleinen Bergdorf Montecatini Alto. Zum Abendessen kommt man mit der kleinen roten Standseilbahn hoch.
Der Piazza Giuseppe Giusti ist ein zentraler Platz mit Restaurants im kleinen Bergdorf Montecatini Alto. Zum Abendessen kommt man mit der kleinen roten Standseilbahn hoch.

 

Wir überqueren den Platz und dahinter geht es schon wieder bergauf. 

 

Susi möchte sich lieber die Zeit hier unten vertreiben und verabschiedet sich vorerst. Sie wird sich irgendwo hinsetzen, Musik hören und den Ausblick genießen.

 

Unser Weg führt uns zu einer kleinen stimmungsvollen Kirche mit magischem Licht. Die Sonne verteilt blaue Lichtflecken auf den Boden und an die Säulen. Das ist sehr speziell und passt zu diesem besonderen Ort auf dem Berg.

 

Vorm Altar steht ein Schwede (sieht zumindest aus wie ein Schwede) und redet ununterbrochen. Ich warte, dass er fertig wird und endlich weggeht, weil ich ein Foto machen will. Aber er wird nicht fertig. Ich bin kurz davor, ihn zu unterbrechen und zu bitten, zur Seite zu treten. Seine kleine Reisegruppe hört eh schon nicht mehr zu. 

 

Aber dann wäre ich ja selber eine reglementierende Deutsche, wie sie im Buche steht. Also mache ich ein Foto mit ihm darauf und bin stolz, dass ich locker sein kann. Ich guck ihn dabei auch nur ein kleines bisschen genervt an.

 

Und stöhne auch nur ganz leise beim Weggehen.

 


Anschließend gehen Tatti und ich zurück zu dem kleinen Platz und dann zum anderen Ende des Ortes, wo es auch wieder bergauf geht. 

 


Dort steht ein Uhrenturm (Torre dell´Orologio), den wir suchen, der dann aber leider geschlossen ist. 

 

Montecatini Alto ist eher ein Abend- und Aussichtsort als ein Sightseeing-Ziel, hat aber außer einem netten Platz mit Restaurants, auch eine Kirche mit blauem Licht, enge Gassen mit Flair und einen mittelalterlichen Wehrturm.
Montecatini Alto ist eher ein Abend- und Aussichtsort als ein Sightseeing-Ziel, hat aber außer einem netten Platz mit Restaurants, auch eine Kirche mit blauem Licht, enge Gassen mit Flair und einen mittelalterlichen Wehrturm.

 

Wir finden Susi bei Gigia und Gigio. Sie sitzt mit ihren AirPods auf einem kleinen überdachten Balkon bei der Bahnstation, hat dort Panoramasicht und schaut auch verklärt in die Ferne. Wo sie wohl wieder ist mit ihren Gedanken? Oder besser: Bei wem?

 

Als sie uns sieht, zeigt sie mit großer Geste auf die Aussicht um sich und strahlt, weil sie sich so freut, dass sie diesen lauschigen Platz gefunden hat.

 

Dann fahren wir zu dritt wieder runter zu unseren Wohnmobilen. 

 

Dort essen wir unsere Mignons und Röllchen und Törtchen. Nein, falsch. Ich esse davon. Und zwar zu viel. 

 

Susi und Tatti können sich nicht dafür begeistern, wollen lieber etwas Herzhaftes. 

 

Also kochen wir, essen, hängen rum und lesen, telefonieren oder recherchieren was im Handy. 

 

Der Parkplatz ist zwar nicht so schön zum Abhängen, aber das macht nichts. Wir haben gerade keine Lust weiter zu fahren.

 

 

Als es dunkel ist, sehen wir ja ohnehin nichts mehr von der Umgebung, gucken einen Krimi und schlafen danach. 

Schlafen auf dem Besucherparkplatz in Montecatini Terme:

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