Tag 5    Zwischen Dünengras & hohen Wellen zur Nordspitze radeln.

Insel Sylt mit Sylt-Radweg, Ellenbogen, List & Teestube.

 

 

Auf dem Bahnsteig und im Personenzug ist es ruhig und leer. Die meisten Urlauber reisen momentan scheinbar mit Auto und sitzen jetzt in ihren Autos draußen.

 

Der Zug fährt erst eine Weile durch das Vorland und dann über den Hindenburgdeich. Nun ist um uns herum nichts  als Wasser. Große Fenster an beiden Seiten ermöglichen uns eine gute Sicht. Es ist, als durchschneide unser Zug die Nordsee auf dem Weg nach Sylt.  

 


Tatti fährt das erste Mal in ihrem Leben nach Sylt. Sie hat lauter Vorurteile und wollte da nie hin. 

 

Ich bin gespannt, ob sie vielleicht doch noch Gefallen finden kann an der Schönheit der Insel und an den tollen Friesenhäusern und Einkehrmöglichkeiten. 

 

 

Auf Sylt angekommen, schieben wir die Fahrräder vom Bahnhof Richtung Meer und kommen durch Westerlands Fußgängerzone. Die meisten Geschäfte sind geschlossen. Der Wind kommt vom Strand die Straße herunter und pfeift uns entgegen.  Sylt, du begrüßt uns ganz schön stürmisch. So sind Nordseeinseln eben oft. Die Geschäfte sehen schonmal ganz normal aus, nicht exklusiv. 

 

Ich beobachte Tatti aus den Augenwinkeln und es amüsiert mich, dass sie etwas verwirrt aus der Wäsche schaut. Ich weiß, dass sie mit Glamour und reichen Leuten, die ihre Sachen zur Schau stellen, gerechnet hat - mit einem Klischee-Sylt eben. Und nun kommen uns hier in der ganz unauffälligen Fußgängerzone einfach nur Leute wie sie und ich entgegen. Endlich sieht sie es. Jahrelang habe ich versucht, sie davon zu überzeugen, dass Sylt einfach schön ist, und nicht vorrangig die Insel der Reichen. 

 

 

Strand und Strandpromenade mit Strandkörben im April in Westerland auf Sylt
Strand und Strandpromenade mit Strandkörben im April in Westerland auf Sylt

 

Wir fahren am Wasser entlang Richtung Norden. Ich musste mich für unsere Radtour auf Sylt ja entscheiden und finde, dass der Ellenbogen ein Muss für Tatti ist - deswegen machen wir eine Radrunde durch die nördliche Hälfte Sylts. Die Südhälfte mit Hörnum ist nächstes Mal dran. 

 

In Wenningstedt am Strand ist eines der bekannten Fischrestaurants von Gosch an der Strandpromende.

 

Der Strand ist sehr breit und wir befinden uns in der Inselmitte, in der mehrere Orte dicht beieinander liegen. Dadurch ist hier immer ein bisschen mehr los. Die Leute flanieren auf den Holzplanken oder lassen sich unten am Strand vom Wind ordentlich durchpusten und genießen die hohen Nordseewellen.

 

 

Überall stehen lebensgroßen sogenannten Alltagsfiguren.  Sie sollen dem Schönheitswahn entgegenwirken. Ich fand sie mal ganz witzig, habe sie aber schon zu oft gesehen und bin der Meinung, dass der Strand und das Dünengras die Figuren nicht braucht, aber ist schon ok, denn den Kindern machen sie den Spaziergang ein bisschen spannender. 

 

Die Strandpromenade hat einladende Bänke und Strandkörbe, so dass man zum Ausruhen dem Wind ein wenig entkommen kann.

 

Sylt ist gastfreundschaftlich. Man fühlt sich willkommen und in jeder Ecke auch ein bisschen verwöhnt. Sylt ist eben eine richtige Ferieninsel mit allem, was Urlauber sich so gönnen wollen in der kostbarsten Zeit die sie im Jahr haben. Essen, trinken, schwimmen, surfen, Nordseeluft und Meeresrauschen, Strand und Dünen, Reetdachhäuser und Wellness-Ressorts - nichts fehlt. 

 

 

Tatti guckt auf jeden Fall schon mal interessiert durch die Panoramscheiben ins Fischrestaurant. Ich beobachte sie weiter. Der Duft von gebackenem Fisch erhellt ihren Blick - das sehe ich genau!  Gleich haben Sylt und ich sie eingefangen - wetten? 

 

Uns ist es noch zu früh für Fisch und wir holen uns bei einem Bäcker im Wohngebiet Rosinenbrötchen. Es ist ein normaler Bäcker -  ganz ohne Glamour. Es läuft gut für Sylt und mich. 

 

Inselhopping Nordfriesland

 

Wir fahren auf einer alten Inselbahntrasse, die durch die Dünen bis zum Ellenbogen geht. Seit 1975 kann man darauf durch die Dünen- und Weideflächen - weit ab vom Straßenverkehr - radeln oder wandern.

 

Hinter Wenningstedt sind wir auch schon raus aus dem Trubel. Die meisten Urlauber halten sich in den Ortschaften auf, und zwar den Orten an der Westseite der Insel.  

 

Es ist aber auch auf den Radwegen ganz schön viel los. Die Leute haben sich so lange danach gesehnt, nach Sylt zurückkehren zu können und nun darf man endlich wieder herreisen und es ist auch noch langes Pfingstwochenende. 

 

Inselhopping Nordfriesland

 

Wir fahren die ganze Zeit durch die Dünen und immer wieder an schönen reedgedeckten Friesenhäuser mit Sprossenfenstern vorbei.

 

Die Dünenlandschaft lässt mich an Sommerurlaube als Kind und an lange Strandtage an der Nordsee denken, und es ist schön, wieder mittendrin zu sein. Wir sehen kaum Autos und Tatti sagt, dass sie die Radstrecke durch die Dünen schön findet. 

 

An der höchsten Erhebung der Insel, der Uwe-Düne in Kampen, stellen wir die Räder wieder ab und auf dem Fußweg zur Düne rennt uns eine junge asiatisch aussehende Influencerin (wirkt so) mit grellrotem Lippenstift, die sich gerade filmt, beinahe um. 

 

 

Wir gehen die einhundertneun Stufen der Holztrepppe hoch auf die Düne und haben einen tollen Rundumblick über die Kampener Dünen, die Nordsee und bis an die Grenzen Sylts. 

 

In der Ferne können wir auch unser nächstes Ziel, den Ellenbogen, erkennen.

  

Den Namen hat die hohe Düne von Uwe, einem Sylter Landvoigt, der sich vor zweihundert Jahren für freiheitliches Denken eingesetzt hat - von einem Uwe Lornsen. Und ich dachte, Uwe war ein Partylöwe aus den Siebzigern! Hahaha. Wie schlicht meine Denkstrukturen manchmal sind! Schlimm! 

 

Hier oben sind auch Ferngläser und bei klarer Sicht kann man über Sylt hinweg bis zum deutschen und dänischen Festland und bis zur dänischen Insel Rømø gucken.

 

 

Unten an der freiheitlich denkenden Uwe-Düne biegen wir links Richtung Meer ab und gehen über einen Holzbohlenweg zur Kante des roten Kliffs. 

 

 

Dreißig Meter hoch ragt das Kliff über den Strand hinaus. Der Lehmkies sieht rötlich aus und ist ein markantes Markenzeichen von Sylt. 

 

Wir können von oberhalb des Kliffs hinunterschauen auf tosende Wellen, die laut rauschend auf den Strand zukommen. Ich hatte vergessen, wie kraftvoll die Nordsee ist.

 

Der Holzbohlenweg oberhalb des roten Kliffs ist Teil eines vier Kilometer langen Wanderwegs, der zwischen Kampen und Wenningstedt direkt am Wasser entlang führt. 

 

 

Ein Stück weiter führt eine lange Holztreppe mit mehreren Absätzen weit hinunter zum Kampener Strand. 

 

Von hier oben sind die Pfingst-Spaziergänger unten am Strand kleine Figuren, die dem starken Wind, der über die Nordsee kommt,  gnadenlos ausgesetzt sind.

 

 

Auch das rote Kliff ist der kraftvollen und dynamischen Nordsee Tag und Nacht ausgesetzt. Wind, Wellen und vor allem Sturmfluten nagen ständig am Fuß des Kliffs. Es wird Stück für Stück nach hinten weggefressen. Das können mehrere Meter pro Jahr sein. Man macht regelmäßig den Strand mit Sand aus dem Meer breiter, um dem Kliff einen Puffer zu verschaffen. Aber das rote Kliff bröckelt trotzdem ab, wenn auch nicht mehr so rasant. 

 

Die Natur - ganz besonders die Nordsee - kann so unvorstellbar kraftvoll sein! Und auch unvorstellbar schön - so wie hier. Bei wolkenlosen Himmel ist der Zauber des Kliffs abends am Schönsten. Dann lässt die Sonne die Felsen rot leuchten. 

 

Inselhopping Nordfriesland

 

Anschließend radeln wir weiter auf dem schönen breiten Radweg durch die Dünen Richtung Ellenbogen. Es geht wellenartig durch die Dünen, immer wieder hoch und runter - das macht gute Laune! 

 

Inselhopping Nordfriesland

 

Bei den Lister Wanderdünen stoppen wir wieder. Die Dünen wandern bis zu zehn Meter im Jahr und haben schon Ackerflächen unter sich begraben und dafür gesorgt, dass Straßen versetzt werden mussten. 

 

Man versucht nun, sie durch das Pflanzen von Strandhafer aufzuhalten. 

 

Wir sind an der nördlichsten Spitze Sylts - am Ellenbogen - angekommen. Es ist zwar ein Naturschutzgebiet, aber Autos dürfen hier trotzdem fahren. Ferienhäuser gibt es zwar nicht, aber von Einsamkeit ist keine Rede!

 

Die Straße ist voller Autos und Fahrradfahrer. Es ist ein total verrückter Syltbesuch an diesem Coronajahr-Pfingsten! 

 

 

Das Wattenmeer vor dem Ellenbogen ist übersät mit Kitesurfern. Von den Dünen aus flitzen die bunten Segel über das glitzernde Wasser. Man sagt hier, dass die Kitesurfer den Nordseestrom anmalen. 

 

 

Der Kontrast zwischen den Kitern und der Ruhe des Naturschutzgebietes mit brütenden Vögeln und Wattwanderern ist an Tagen mit dem richtigen Wind nichts Neues für Sylt. Besonders im Knick des Ellenbogens ist das Wasser an vielen Stellen schön flach bis knie- oder brusthoch - besonders bei Ebbe. Und wenn dann der Wind auch noch stimmt ist es gerade für Anfänger oder Leute, die Tricks üben wollen, ideal. 

 

 

Nach gut fünf Kilometern ist die Straße zu Ende und wir gehen auf den nördlichsten und einen der bekanntesten und meistgefilmten Strände Deutschlands, die Spitze des Ellenbogens.

 

Und Hannes hat nichts Besseres zu tun als einen Haufen in den Durchgang zum Strand zu setzen. Ellenbogen hin under her.  Hannes ist das egal.

 

 

Ich finde das lustig und Tatti sammelt den Haufen ein. Ich ziehe meine Schuhe aus und gehe barfuß im Wasser neben Tatti und Hannes um den Ellenbogen herum.  

 

 

Wenn man hier so kurz vor Dänemark um den Ellenbogen geht und den Wind, den nassen Sand und das kalte Wasser spürt, kann einen Corona nicht mehr kratzen. Dann kann einen nichts mehr kratzen. Ich verstehe sehr gut, warum Sylt diesen Zauber hat und warum Leute unbedingt immer wieder hierher wollen. Und auf keine andere Nordseeinsel.

 

Aber für uns ist es bei diesem Nordfriesland-Inselhopping ja erst die dritte Insel und Föhr und Amrum warten noch. Föhr kenne ich ja schon und ich freue mich extrem auf meine deutsche Lieblingsinsel. 

 

 

Der Strand ist recht leer und ganz schön windig. Ich schaue rüber nach Römö und denke, dass hinter Dänemark Norwegen liegt und wann wir endlich auch wieder überall hinfahren können. 

 

Wie gerne hätte ich mal ein paar Monate am Stück Zeit zum Reisen durch Europa. Aber das wird wohl noch einige Jahre dauern. Für Dänemark hätten wir allerdings noch Zeit.

 

Das aber scheitert daran, dass mein Perso weg ist, und Tati diesbezüglich recht unlocker ist. Ich würde auch ohne Personalausweis nach Dänemark fahren. Da wird ja kaum kontrolliert. Aber momentan scheitert es ja sowieso noch daran, dass die Grenzen nach Dänemark coronabedingt noch geschlossen sind. Das werden meine Enkelkinder mir später auch nicht glauben, dass wir im eigenen Land gefangen waren!

 

Wir spazieren einmal um Sylts Spitze und kommen gut durchweht von der anderen Seite durch die Dünen zurück zu den Rädern. Hach ja, herrlich war das! 

 

Inselhopping Nordfriesland

 

Wir radeln gemütlich wir durch das Naturschutzgebiet zurück und biegen links ab auf den Radweg, der auf dem Deich entlang nach List führt. 

 

In List ist es brechend voll. Auf gar keinen Fall wollen wir in das Restaurant von Gosch gehen und finden es auch unvernünftig, dass so viele Leute dort zusammenkommen! Ich hole uns anstatt dessen draußen an einem Stand ganz schön teure frittierte Fischhappen in einer dreieckigen Tüte.

 

Wir essen sie auf einer Bank in großem Abstand zu den Leuten. Und das ist auch gut so, denn später werden tausend (!) Gäste vom Gesundheitsamt angeschrieben und einige davon müssen in Quarantäne! Es wird sich herausstellen, dass sieben Mitarbeiter in zwei Restaurants positive Testergebnisse haben! Und weil man sich in Restaurants derzeit registrieren muss, liegen den Ämtern alle Namen und Adressen vor. 

 

Das wird Schlagzeilen machen. Die Leute müssen den Urlaub abbrechen und die Daheimgebliebenen sind schadenfroh. Einige Menschen urteilen derzeit hart über die, die trotz Corona Urlaub machen. Und dann so ein Supergau auf Sylt - ein gefundenes Fressen für alle Gehässigen, Neider und Meckerheinis! 

 

Wir sitzen also ahnungslos auf der Bank und das sichert uns, dass wir weiter Urlaub machen dürfen. Wir haben so ein Glück! Würden wir jetzt im Restaurant sitzen, hätten wir quasi schon die Klinke vom sofortigen Urlaubsabbruch in der Hand. Ich weiß übrigens, dass diese Sorgen lächerlich sind im Gegensatz zum Leid der Menschen, die Corona hart trifft. Ich habe mitbekommen, dass Kinder ihre Mutter, ihren Vater, ihre Großeltern verloren haben oder auch das Leute nach der Ansteckung so stark eingeschränkt sind, dass sie kaum noch Kraft für ihren Alltag haben. Darum sitzen wir ja auch auf unserer Solo-Bank im Abseits und nicht im Restaurant. Mit Glück meine ich auch nur, was unseren Urlaub anbelangt. 

 

Von List aus fahren wir achtzehn Kilometer über Fahrradwege auf der Ostseite der Insel zurück zur Inselmitte und kommen durch die verschlafenen kleinen Orte Braderup und Munkmarsch.

 

Wer Natur liebt und entschleunigen will, kommt hierher zur Wattseite. Schöne kleine Strände gibt es auch. Links von uns taucht erst eine Vogelkoje und dann die Braderuper Heide auf.

 

Wir schließen unsere Radrunde um den Nordteil der Insel mit einem Besuch im hübschen Garten der Kleinen Teestube in Keitum mit Marzipan- und Käsekuchen ab. Es gibt dort sämtliche handverlesene Teesorten, auch zum Kauf, und täglich frische Kuchen und Torten von der eigenen Konditorin.

 

Inselhopping Nordfriesland

 

Wir sitzen mit unseren Kuchengabeln zufrieden und mit müden Beinmuskeln zwischen blühenden Blumen und Büschen und ich nehme mir ganz fest vor, wirklich irgendwann auch mal mit dem Wohnmobil nach Sylt zu kommen.

 

Ich muss mir nur noch überlegen, wie ich Tatti dazu überredet bekomme, dass einer von uns (wahrscheinlich sie) auf den Syltshuttle fahren müsste. Aber zur Not könnten wir ja auch per Fähre über Rømø kommen.

 

Nach dem schönen Teestubenbesuch radeln wir nach Morsum und steigen dort mit unseren Rädern in den Zug zurück nach Niebüll. 

 

 

Wir sind heute eine Sechzig-Kilometer-Runde um Sylts Nordhälfte gefahren. Und die zwanzig Kilometer Gegenwind zählen doppelt. Trotz Ebikes.  

 

 

"Und?", frage ich Tatti im Zug zurück auf dem Hindenburgdamm "Wie findest du Sylt?" Sie schaut aufs Wasser und sagt "Ja" ohne mich anzusehen. Das ist typisch Tatti. Bloß nicht mit mehr als einem Wort zugeben, dass sie sich geirrt hatte. 

 

Ich grinse und freue mich darauf, irgendwann einmal die Südhälfte Sylts bis Hörnum mit ihr auf den Rädern zu erkunden.

 

 

Am Abend machen wir es uns in unserer Butze gemütlich und gehen früh schlafen, sind gut ausgepowert und voller schöner Eindrücke unserer dritten Insel, die wir mit in unsere Träume nehmen.

Kleine Fußweg vom Radweg zur Uwe-Düne und zum roten Kliff:

Inhalte von Google Maps werden aufgrund deiner aktuellen Cookie-Einstellungen nicht angezeigt. Klicke auf die Cookie-Richtlinie (Funktionell), um den Cookie-Richtlinien von Google Maps zuzustimmen und den Inhalt anzusehen. Mehr dazu erfährst du in der Google Maps Datenschutzerklärung.