Wir sind auf dem Weg durch die Crete Senesi Richtung Siena. Die Crete Senesi ist eine mondartige Landschaft südlich von Siena. Der Boden hier ist tonhaltig und wir fahren auf einer kurvigen Straße über kahle braune Hügel.
Es tauchen immer wieder Zypressenalleen auf, die zu den verstreut liegenden Anwesen führen.
Vor uns liegt Asciano und dort will ich so gerne von unserer Route Richtung Küste abweichen und sechs Kilometer südöstlich fahren.
Dort ist das berühmte Agriturismo Baccoleno mit einer ikonischen kurvenreichen Zypressenzufahrt der Toskana.
Tatti will zum Meer. Es scheint aussichtslos.
Hier sind genug Zypressenalleen, sagt sie. Sie versteht es einfach nicht!
Ich drehe meinen Kopf zum Seitenfenster, damit sie meinen genervten Gesichtsausdruck nicht sehen kann.
Sich aufregen bringt nichts. Sie will ankommen und abhängen. Denk dran, wir müssen auch noch Wäsche waschen, ergänzt sie.
Ja, aber das sieht echt richtig richtig richtig cool aus da! versuche ich es nochmal in neutral nettem Ton. Die Wäsche ist mir egal.
Sie will trotzdem nicht. Mist!
Sie fährt einfach an der Abfahrt vorbei Richtung Ortsausgang.
Am Ortsausgang von Asciano liegt ein gut zugänglicher Versorgungsplatz für Wohnmobile am Rande eines recht leeren Besucherparkplatzes. Und wir brauchen Wasser. Das ist meine Chance!
Guck mal, da kann man Wasser auftanken, sage ich. Tatti liebt es, sich zu kümmern.
Da wir ja nach Siena wollen und City-Campingplätze meist eng und voll sind, macht es Sinn, alles hier schon zu erledigen.
Das weiß auch Tatti. Und darauf baue ich.
Und es funktioniert. Sie blinkt und biegt ab. Yes, ich habe Aufschub, kann es nochmal versuchen!
Während das Frischwasser in den Tank läuft, scrolle ich durch mein Handy und halte ihr dann eines der Fotos von der ikonischen Baccoleno-Zypressenallee unter die Nase. Es ist einer der beliebtesten Fotospots der Toskana!
Sie stöhnt, guckt mich an, wägt wahrscheinlich jetzt ab, ob der Schlenker für unseren Beziehungsfrieden erforderlich ist.
Wie weit ist das? fragt sie.
Ich entscheide blitzschnell, dass 10 Minuten besser klingt als sechs Kilometer.
Nicht mal zehn Minuten, antworte ich.
Kann man da gut parken?
Ja! sage ich. Das ist eine Notlüge, denn da sind nur zwei Parkbuchten an der Landstraße. Ich bete, dass wir die einzigen Fahrzeuge sind.
Schon nach 6 Minuten sind wir bei der ersten zum Glück leeren Parkbucht mit schonmal sehr nettem Blick von unten auf die Zypressenallee und machen ein paar typische Toskana-Fotos mit und ohne Vans.
Aber es gibt einen noch viel besseren Blick ein Stück weiter.
Der Parkstreifen beim beliebten Aussichtspunkt ist bis auf eine kleine Lücke vollgeparkt.
Mist! Mist! Mist!
Tatti parkt halb auf der Straße und Susi recht eng an der Zufahrt zum Agritourismo.
Ich springe raus und winke Susi heran. Sie schüttelt mit dem Kopf. Hä? Warum will sie nicht mitkommen?

Dann gehe ich eben alleine über den staubigen Trampelpfad auf den Hügel.
Hach! Wow! Von oben habe ich den perfekten Blick auf meine Zypressen!
Ein junges asiatisches Paar macht gerade Fotos und ich muss ein bisschen warten, bis sie weg sind, mache dann auch ein paar sehr coole Bilder.
Das Licht ist zwar nicht perfekt, bei Sonnenaufgang oder -untergang soll es noch viel schöner sein, aber ich bin trotzdem sehr happy!
Susi sagt später, dass sie dachte, es wäre verboten. Dabei meinte das Schild, das sie gesehen hat, nur die Einfahrt mit dem Auto, nicht die Fußgänger, die auf den Hügel gehen.
Dann fahren wir wieder zurück nach Asciano und weiter Richtung Siena.
Die Landstraße führt nun durch eine eigenwillige braune Hügellandschaft mit tiefen Furchen. Die Gegend wirkt rauher und abweisender und so gar nicht wie die liebliche Ansichtskarten-Toskana.
Es ist die Crete Senesi.
Wir sehen uns erstaunt um in dieser warmen braunen Mondandschaft aus Lehm. Es gibt wenig Weinberge, viel mehr Felder und Weideland auf den sanften Hügeln. Dafür gibt es isolierte Bauernhäuser auf Hügelspitzen mit langen Zypressenalleen.
Die Region ist die dritte wieder ganz andere Region der Toskana. Zuerst wäre wir in der kultivierten Genussregion Chianti mit Wäldern und Weinbergen, dann im hübschen, komponiert wirkenden Val d´Orcia mit den mittelalterlichen Bergdörfern und jetzt fahren wir durch diese karge Mondlandschaft - die Crete Senesi - mit ihren langen Zypressenalleen.
Bei Mucigliano machen wir einen kleinen Fotostopp. Hier außerhalb von Siena ist es noch still und weit und ruhig. Das wird sich bestimmt gleich ändern. Siena ist sehr beliebt.
Als wir wenige Kilometer vor Siena eine Hügelkuppe erreichen, liegt die Stadt plötzlich vor uns. Größere bekannte Städte sind häufig von Autobahnen umgeben und man sieht zuerst Hochhäuser und der Verkehr wird dichter. Das ist in Siena ganz anders, viel schöner.
Friedlich liegt die Stadt da, mitten in dieser ursprünglichen ruhigen toskanischen Landschaft.
Unser Campingplatz Siena Colleverde liegt auf einem Hügel am Stadtrand von Siena.
Die Rezeption ist direkt bei der Einfahrt, daneben eine Pizzeria und dahinter ein kleiner Laden. Alles ist dicht beieinander gebaut wie meistens auf City-Campingplätzen. Zum Parken und Einchecken ist auch gerade Sio genug Platz. Wenn jetzt noch ein drittes Wohnmobil kommt, geht nichts mehr.
Die Plätze liegen alle an einem stufenförmig angelegten Hang unterhalb der Rezeption und vor dem Zaun fährt der Stadtbus in die Innenstadt Sienas.
Ich frage nach einem schön gelegenen Platz und sage wieder, dass ich Fotos für meinen Reiseblog machen will.
Ist ja nicht gelogen.
Wir werden zu einer grünen Ecke ganz nach unten geschickt, vorbei an einfachen parkplatzähnlichen Sammelplätzen für Wohnmobile. Dort unten können wir uns einen Platz zwischen Zypressen und Olivenbäumen aussuchen.
Es dauert ein bisschen bis wir uns entschieden haben. Auf der ersten Wiese sind alle Plätze sehr schief oder zu eng.
Auf der nächsten Wiese finden wir zwei schöne Plätze. Wir stehen etwas höher, Susi unter uns.
Wenn ich das hier schreibe klingt so eine Parzellenwahl ganz nett und unkompliziert. Ist es aber nicht. In Wirklichkeit machen wir uns total gereizt an. Die eine will hier, die andere dort stehen. Ich denke, wie kann Tatti es gut finden bei diesem hässlichen Stromkasten zu stehen und Tatti denkt, wie nervig es ist, mit dem Wohnmobil lange zu rangieren. Und Susi kurvt derweil mit ihrem Bulli um uns herum und sucht - bergauf und bergab und nochmal bergauf und bergab - und guckt auch nicht gerade entspannt dein.
Als wir endlich stehen, sehen alle wieder friedlich aus. Heute müssen wir waschen, darum muss Siena bis morgen warten.
Mit unseren Marken für die Waschmaschine und unseren Wäschesäcken müssen wir erstmal wieder ein ganzes Stück bergauf gehen. Ganz schön anstregend!
Der Schotterplatz mit den Wohnmobilen, auf dem die meisten Wohnmobile dicht an dicht stehen, wäre neben den Häusern mit den Waschmaschinen gewesen. Ich ernte einen vorwurfsvollen Blick von Tatti. Man kann nicht alles haben. Und ich kann ja auch nicht hellsehen. Dann muss sie eben nächstes Mal selber den Check-In an der Rezeption machen.
Dafür stehen wir viel schöner!
Im Schatten eines alten Olivenbaumes machen wir es uns mit Büchern, Kaffee und Snacks gemütlich während die Wäsche in der toskanischen Sonne trocknet.
Ich gehe auch noch zum kleinen Campingladen, entdecke dort aber nichts Besonderes. Er hat nur eine sehr kleine Auswahl.
Tatti und ich gehen mit Hannes über den Platz. Wir lieben es, andere Wohnmobile anzugucken. Es gibt so viele verschiedene Arten Campingurlaub zu machen. Das ist jedes Mal wieder spannend!
Dabei bekommen wir auch manchmal neue Ideen, zum Beispiel verschiedene Variationen wie man seine Wäsche aufhängen kann.
Im Wald ist ein umzäunter Bereich für Hunde und Hannes freut sich, dass er ohne Leine rennen darf. Wir müssen aber trotzdem ganz schön aufpassen. Er findet nämlich immer jede noch so kleine Schwachstelle im Zaun.
Nicht, dass er ständig weglaufen will, aber wenn er ein Loch im Zaun findet, siegt die Neugier und er vergisst, dass er zur Familie gehört. Aber hier ist der Zaun in Ordnung und alles geht gut.
Abends essen wir leckere italienische Steinofenpizza auf der Außenterrasse hinter der Pizzeria.
Auf dem Weg zurück hinunter zu unseren Vans können wir in der Ferne einen beleuchteten Turm sehen.
Das muss die Innenstadt von Siena sein, wie aufregend! Ich freue mich schon so sehr auf morgen!
Vorm Einschlafen schaue ich mir nochmal den Busplan und den Stadtplan an.
Ich denke, wir werden mit einem Aussichtspunkt etwas außerhalb beginnen. Mal schauen. Siena ist so ein aufregender Spot! Fast so aufregend wie Venedig!
Glückselig schlafe ich unter unserem alten Olivenbaum in dieser verheißungsvollen alten Stadt ein!
Übernachtungsplatz heute:
