Morgens genieße ich das Wachwerden am See und in den Bergen.
Im Bergdorf hinter uns ist es noch still.
Vor mir liegt der See.
Die Sonne geht golden über den Bergen auf. Ich wende meinen Blick zum anderen Ende des Sees.
Dort hat er spiegelglatte Stellen, in denen sich die Berge spiegeln. Und an einigen Stellen kräuselt leichter Wind die Wasseroberfläche.
Wir stehen ganz gemütlich auf, trinken ganz gemütlich unseren Kaffee in der Stille des Morgens und brechen irgendwann ganz gemütlich auf.
Die Ruhe der majestätischen Berge hat sich längst auf uns übertragen. So muss sich Urlaub anfühlen. Kein Stress. Keine Hektik. Alles ist gut. Es ist schön, hier zu sein. Und es ist schön, keine Reservierungen mehr zu haben und keine Ahnung, wo wir schlafen und wo wir bleiben oder wie der Tag aussehen wird.
Und so fahren wir unbeschwert weiter durch diese wundervolle Landschaft im Herzen Italiens.
Bei der engen Ortsdurchfahrt in Fiegni schießt der Stresspegel gleich wieder hoch. Ich gucke rechts auf den Abstand zwischen Hauswand und Wohnmobil und Tatti guckt links.
Millimeterweise schieben wir uns um die Hausecke. Mein Herz schlägt gleich schneller. Jetzt bin ich wach. Tatti auch.
Unser Wohnmobil bleibt zum Glück auch dieses Mal unzerkratzt.
Wir befinden uns in der Region Abruzzen und wollen nun zur Hochebene von Castellucio, einem Teil des Apennin. Sie liegt ca. fünfzig Kilometer südlich vom Lago die Fiastra.
Die Straße verläuft zunächst in erhöhter Lage an bewaldeten Berghängen entlang.
Wir kommen durch einige kleine Orte, die ausgestorben wirken. Viele Häuser stehen leer, junge Menschen ziehen in die Städte, dort gibt es mehr Arbeit und Freizeitangebote. Und die Bergstraßen sind so kurvig, dass das Pendeln besonders im Winter schwierig ist.
Es ist so schade, dass diese hübschen alten Orte nicht mehr mit Leben gefüllt sind! Inzwischen gibt es einige Förderprogramme in Marken, um betroffene Bergdörfer und ländliche Orte zu stärken, etwa Zuschüsse im Tourismus- und Dienstleistungsbereich, z.B. für Trekking-Angebote.
Wir fahren durch eine melancholisch schöne Gebirgslandschaft, sehen weite Wiesen und tiefe Täler. Die Bergkuppen werden langsam wieder runder und die Bäume weichen weiten Ebenen und Grasflächen.
Auf der Passhöhe des Passo di Gualdo treffen wir auf einen schön angelegten sehr gepflegten Rastplatz mit hellen Plattenwegen, Brunnen, Bänken und einer Informationstafel.
Wir befinden uns auf c.a 1500 Metern Höhe und sind auf diesem schönen Platz ganz allein. Am Rand des Platzes steht eine kleine schneeweiße Kapelle, die Chiesetta Madonne della Cona.
Die Kapelle wurde 2016 bei einem Erbeben komplett zerstört und wurde neu aufgebaut. Bei der Gelegenheit hat die Gemeinde den Platz gleich so schön neu gestaltet.
Ich sehe mir die Hochebene und den Ort Castelluccio auf einer Schautafel an.
Der Parco Nazionale dei Monte Sibillini wurde 1993 gegründet und liegt zum Teil in Umbrien und zum Teil in Marken und ist ein Teil des Zentral-Appennins. Das Appennin ist die Gebirgskette, die sich durch ganz Italien zieht.
Die kahlen Hänge des Nationalparks sind ein Zeugnis jahrelanger Weidewirtschaft. Die Ebene ist von einem dichten Netz aus Schafwegen und Zollstraßen, die an Wasserstellen entlangführen, durchzogen.
Obwohl es hier so wunderschön ist, wird die Gegend relativ wenig besucht.
Hm. Vielleicht, weil Italien so viele andere heiße Spots zu bieten hat ... Toskana. Amalfiküste. Die Dolomiten. Die Adria. Cinque Terre. Sizilien. Rom. Südtirol. Gardasee. Und so weiter!
Wer steuert schon die Mitte Italiens an, wo es nichtmal einen Strand gibt?
Nur wir scheinbar.

Tatti schaut sich durch ein Fernrohr die höchsten Gipfel der Monti Sibillini an, den Monte Vettore (mit 2.476 m der höchste Berg im Park), den Cima del Redentore, den Cima del Lago und den Monte Priora. Sie sind alle über 2.300 m hoch.
Die Gegend ist bei Kennern, die die Natur lieben und gerne wandern, sehr beliebt. Man hat von den Bergen herunter atemberaubende Aussichten und es gibt in der Region Steinböcke, Wölfe, Adler und andere Arten, die erfolgreich wieder angesiedelt wurden.
Wer herkommen will, sollte während der sogenannten Fioritura - der Linsenblüte - von Mai bis Juli kommen. Dann ist es hier am schönsten! Dann leuchten riesige Flächen lila, rot und blau. Das sieht auf den Fotos aus wie mit Tusche angemalt. Vielleicht sind wir ja auch mal zur richtigen Zeit in Italien. Das merke ich mir auf jeden Fall.
Besonders fasziniert sind wir davon, dass es auf unserem hübschen Rastplatz sogar eine solarbetriebene Ladestation für E-Bikes mit einer kleinen Schutzhütte gibt.
Bevor wir weiterfahren, gehe ich noch schnell barfuß im Brunnen hin und her und danach über die warmen Steine und durch das weiche Gras der Bergwiese. So spüre ich den Ort und das kalte Bergwasser tut mir gut.
Ich habe mal von einem Reisenden gelesen, dass er sich, wenn er aus einem Flugzeug steigt, immer erstmal hinkniet und die Erde anfasst.
Meine Ambitionen sind so ähnlich. Mit allen Sinnen reisen eben, nicht nur mit den Augen. Das gilt am meisten für Gelato. Haha.
Als wir das Dorf Castelluccio auf 1.452 m Höhe erreichen, wundern wir uns, dass es eigentlich gar kein richtiges Dorf ist. Es ist nur eine Ansammlung von irgendwie aufgebauten Gebäuden an der Straße mit provisorischen Bars und Restaurants.
Es gibt wegen des Erdbebens vor acht Jahren keine historischen Gebäude mehr.
Wir durchfahren den Ort und schauen uns einen Wohnmobilstellplatz am östlichen Dorfrand an.
Leider versperrt ein Erdwall den schönen Blick. Tatti und Susi wollen trotzdem bleiben und finden es albern von mir, dass mich der Erdwall stört. Ich setze mich trotzdem durch und wir fahren weiter.
Unser Ziel ist ein weiterer Wohnmobilstellplatz, von wo aus wir einen einfachen drei Kilometer langen barrierefreien Weg mit Holzstegen zu einer Aussichtsterrasse (Punte Panoramico sui Monti Sbillini) gehen oder vielleicht sogar radeln könnten.
Das Fahren durch die Wiesen der Hochebene macht ganz viel Spaß.
Man kann weit gucken und die Grasflächen liegen ruhig und freundlich da.
Der Blick ist bombastisch und wir bekommen langsam immer mehr Appetit, haben ja noch nicht gefrühstückt. Also stoppen wir an der schönsten Stelle der Straße und bereiten Frühstück zu.
Wir kochen Eier, schneiden Tomaten und Gurken und decken uns einen reichhaltigen Frühstückstisch inmitten dieser malerischen Traumwelt.
Wir genießen unser Frühstück ganz lange und entspannt, räumen alles in Ruhe wieder weg und fahren gemütlich weiter.
Der Wohnmobilstellplatz, den wir nach dem Frühstück ansteuern, überzeugt Tatti nicht.
Es ist eine kleine Kiesfläche zwischen zwei Erdwallen. Man sieht nichts von der Umgebung. Tatti will auf jeden Fall weiter.
Hach, verflixt, dabei wäre ich so gerne zum Aussichtspunkt gewandert oder geradelt. Schade! Bin gespannt, ob wir noch einen Platz finden, mit dem wir alle drei Frieden haben.
Bevor wir den Platz verlassen, trotten zwei weiße Kühe mit Glockengebimmel auf Susis Bulli zu. Es ist sehr lustig wie ängstlich sie guckt - unsere Berliner Deern - bis die Kühe wieder vorbei gezogen sind.
Auf der Weiterfahrt sehen wir Bäume, die die Umrisse Italiens bilden. Man kann die Stiefelform genau erkennen. Total cool!
Unser dritter Wohnmobilstellplatz liegt mitten in der Ebene bei einer Pferderanch. Es ist sehr spannend dort!
Es ist die Sibillini Ranch und der Platz ist gut besucht. Wir reihen uns ein und steigen aus.
Und schon gleich sind wir umgeben von Fliegen und Mücken, was mich total nervt! Der Platz an sich ist urig und es gibt viel zu sehen. Auf der Ranch sind Pferde und Esel und Paraglider haben sich ausgebreitet.
Und man kann auch das Bergpanorama drumherum genießen, aber Tatti und ich hassen aufdringliche Insekten.
Dieses Mal wäre Susi gerne geblieben, aber sie passt sich an und startet mit uns wieder.

Ein weiterer Platz gefällt uns auch nicht. Echt komisch, dass uns hier in dieser schönen Gegend nichts zum Bleiben animiert. Ich verstehe es selber nicht so ganz.
Irgendwie wirken die zwei gereizt auf mich. Oder bin ich gerade selber die Miesmuschel? Ich weiß nicht.
Susi hat einen Wasserfall im Netz entdeckt und möchte dorthin. Okay, dann könnten wir wenigstens Susi glücklich machen.
Und so bewegen wir uns zum Rand des Nationalparks und landen in einer wildromantischen bewaldeten Bergregion und zwar im Valnerina - dem Tal des Flusses Nera - einem der ursprünglichsten Teile Umbriens.
Wir sind auf dem Weg zum Cascata delle Marmore.
Hier gibt es steile Hänge und tiefe Schluchten und vor allem mittelalterliche Dörfer, die weit oben auf den Hängen thronen.
Durch die vielen Bäume wirken die Bergdörfer ganz anders als in der Toskana und das finde ich echt spannend!
Die Stellplätze unten im Tal an der Straße sind Tatti und mir zu dunkel und zu nah an der Straße und ich bereue, dass wir nicht einfach auf der Hochebene geblieben sind. Aber so ist das manchmal. Man findet keine Ruhe und glaubt, dass es noch besser geht. Und bei uns dreien hat jede ihre eigenen Vorstellungen vom Abend und der Nacht. Vor allem Tattis und meine Ansprüche ließen sich heute bisher so gar nicht vereinen.
Ich recherchiere während der Fahrt durch das Tal fieberhaft nach einer schönen Schlafmöglichkeit.
Vor uns liegt der Ort Cerreto die Spoleto auf einem Berg. Dort oben ist ein netter Schlafplatz. Ich stelle mir vor, dass Tatti und Susi enge Haarnadelkurven fahren müssen. Dann lese ich, dass sich dort abends die Jugend trifft und Krach macht und dass die Bäume für höhere Fahrzeuge zu tief hängen und dass die Dorfhunde bis tief in die Nacht kläffen. Na toll ... also lassen wir das lieber.
Fieberhaft suche ich weiter während wir am Fluss entlang durch das schmale Tal fahren.
Eine Viertelstunde weiter liegt ein ähnliches Dorf auf einem Berg.
Vallo di Nera.
Auch dort ist ein Parkplatz in der Dorfmitte mit Übernachtungsmöglichkeit. Die Zufahrtsstraße hat nur zwei Haarnadelkurven. Ich checke die Kurven vorsichtshalber bei Google-Sreetview. Ich denke, die Straße ist breit genug dafür, dass Tatti mich nicht killen würden.
Ich habe einen schönen Platz gefunden, sage ich ihr. Wir müssen nur ein bisschen bergauf fahren. Und am Platz ist ein cooles kleinen Restaurant und er ist terrassenförmig angelegt.
Bei bergauf hat sie gestöhnt.
Dann antwortet sie Ich fahr jetzt keine Serpentinen. Echt nicht!
Niemand kann nachempfinden, wie schwer die Planung für mich manchmal ist bei all den unterschiedlichen Vorlieben, Bedürfnissen, Wünschen und Empfindlichkeiten!
Musst du, sage ich mit scharfem Seitenblick, es gibt keine andere Möglichkeit.
Die Zufahrt ist zum Glück wirklich gut machbar.
Der Platz ist ok, schön geräumig und lauschig und neben dem Tor zu einem urigen historischen Dorfkern.
Aber bei Ankunft regnet es erstmal und das Restaurant am Platz hat geschlossen. Dabei ist es so niedlich mit einer kleinen Terrasse und Lichterketten und Blick auf das zugewucherte Flusstal.
An der Tür hängt ein Pappschild mit vier Uhren. Hä? Schnall ich nicht. Ich stelle ein Foto mit Help in meinen Status. Keine Reaktionen. Sieht so aus, als wenn das Restaurant heute geschlossen bleibt.
Wie - um alles auf der Welt - kriegen wir den positiven Wind zurück in den Tag? Tatti ist schon wieder nett und entspannt. Ich nicht. Wie macht sie das nur?
Als der Regen aufgehört hat, halte ich einen jungen Mann, der mit seinem Fahrrad vorbeikommt und freundlich und interessiert zu uns rüberschaut, an. Ich frage ihn, ob das kleine Restaurant heute noch öffnet. Er weiß es nicht.
Was bedeutet denn das Schild, frage ich.
Das hängt da immer. Das ist alt, antwortet er.
Er ist sehr nett und ambitioniert und scheint sich als eine Art Manager des Dorfes zu sehen. Er erzählt auf Englisch, dass er unsere Nummernschilder gesehen hat und auch mal in Deutschland - in Berlin - gewohnt habe, und er erzählt weiter von einem Coworking-Place für digitale Nomaden und zeigt auf eine Mauer der Altstadt.
Das Dorf liege im Erdbebengebiet, redet er weiter, und die Leute fliehen, aber sein Coworking-Projekt helfe dabei, dass es wiederbelebt werde. What, Erdbebengebiet? denke ich die ganze Zeit und kann ihm jetzt kaum noch zuhören.
Dann sagt er, dass hinter dem Parkplatz ein anderes sehr gutes Restaurant sei und ob er es mir zeigen soll. Ich nicke und wir verschwinden zu zweit in die Büsche. Er mit Fahrrad und ich in Crocs. Was mache ich hier? Ist eine Abkürzung, sagt er.
Tatti und Susi haben wenigstens gesehen, in welche Richtung ich verschwunden bin. Er erzähl weiter und wir stehen auch schon vor einer sehr idyllischen großen Restaurantterrasse inmitten des Dickichts. Drei Leute in Kochjacken sitzen an einem Tisch und besprechen etwas.
Mein Begleiter sagt zu einer Frau, dass wir heute Abend einen Tisch brauchen. What time, fragt sie mich. Hä? Na gut, egal, denke ich, was essen müssen wir ja.
Und so kehre ich mit einer Tischreservierung zurück. Tatti und Susi nicken das erstmal ab, sind aber nicht begeistert.
Ein Blick ins Handy zeigt, dass es Locanda Cacio Re heißt, sehr gut bewertet ist und die Speisekarte voller Verlockungen steckt.
Weil es inzwischen aufgehört hat zu regnen, erkunden Tatti und ich jetzt erstmal zu Fuß das Dorf.
Das Dorf ist uralt und verschachtelt, besteht fast nur aus Treppen und niedlichen kleinen Höfen mit urigen Sitzecken. 1979 und 1997 wurde das Dorf besonders stark von Erdbeben betroffen. Es wurde danach sorgfältig restauriert und erdbebensicher wieder aufgebaut.
Eine kleine Menschengruppe schlendert auch gerade durch die alten Gassen.
Sie sehen nicht sehr vertraut miteinander aus. Wie eine Seminargruppe.
Vielleicht gehören sie zum Projekt. Mein ambitionierter Fahrradfahrer hatte auch noch gesagt, dass die digitalen Nomaden gemeinsam mit Dorfbewohnern leben und Yoga im Kloster machen. Neugierig betrachte ich die Leute. Sie sehen zufrieden aus. Könnte passen mit dem Yoga.
Vallo di Nera gehört zur Vereinigung der schönsten Dörfern Italiens und thront über dem Fluss Nera, den wir aber wegen der vielen Bäume nicht sehen können.
Es ist es extrem ruhig, ab und zu hören wir Stimmen durch die offenen Fenster.

Als wir auf einer Terrasse an der höchsten Stelle des Dorfes stehen, ziehen wieder dunkle Wolken auf und wir schaffen es gerade noch rechtzeitig zurück zu den Wohnmobilen, bevor es wieder regnet.
Als ein kleiner fahrbarer Supermarkt auf die Parkplatzebene über uns kommt, beschließen wir, den reservierten Restauranttisch abzusagen und Pizza im Wohnmobil zu backen.
Also husche ich nochmal durch das Gebüsch zum Restaurant, melde uns wieder ab, und kaufe dann Eis und Tomaten am Lastwagen.
Ich staune, wieviele Dinge der alte Mann dort untergebracht hat. Für das Eis muss er Kartonstapel und allerlei andere Waren umschichten, bevor er den Deckel seiner Tiefkühltruhe öffnen kann. Es ist scheinbar gerade keine Eis-Zeit mehr.
Tatti und Susi belegen und rollen vierhändig eine Pizza, rollen sie auf und legen die Rolle vorsichtig in den Omnia-Topf.
Beim Einschlafen denke ich über die Geschichte des Dorfes nach, wie es gewesen sein muss, als die Erde bebte und alles zerbrach.
Und wie sehr die Leute, die hier geblieben sind, sich öffnen für neue Konzepte, Fremde ins Dorf holen, aufgeschlossen sind, weitermachen, an ihr Dorf glauben und es mit innovativen Projekten am Leben erhalten.
Unser Schlafplatz mitten im Bergdorf:
