Der Bus nach Siena kostet 1,50 € und braucht fünfzehn Minuten bis zum Piazza Gramsci am Rande der Innenstadt.
Auf dem Weg zum Aussichtspunkt treffen wir auf die Basilika di Cateriniana di San Domenicos, eine große - aber schlichte - Kirche mit ein paar riesigen Zypressen.
Vom Vorplatz der Kirche haben wir schonmal einen tollen Blick auf Siena.
Der Kirchenraum ist hoch und hell und die Sonne kommt durch ein großes buntes Kirchenfenster hinter dem Altar. Ich steuere eine mit Heiligenbildchen vollgehängte Tür in einer Ecke an.
Dabei komme ich an einer geschmückten Nische mit einem kleinen Fensterchen vorbei.
Hinter dem Fenster wird der Kopf der heiligen Katharina ausgestellt. Ja! Ohne Witz! Der Kopf, Leute! Das weiß ich aber jetzt noch nicht, fotografiere das Fenster nur zufällig und gehe dann ohne genauer hinzusehen weiter.
Schon wieder verpasse ich den Moment, einem heiligen Menschen bewusst nah zu sein. Ähem - beziehungsweise einem Teil einer Heiligen.

In einem kleinen Nebenraum werden Kruzifixe, Rosenkränze und Heiligenbilder verkauft.
Zwischen all den Dingen entdecke ich einen Verkaufstresen und einen Mann mit braunen Augen und sanftem Blick.

Ich frage, ob ich Fotos machen darf. Er lächelt und nickt und zeigt mit großer Geste auf seine Waren.
Er schaut mir zu und sagt, dass die Leute normalerweise nicht fragen. Dann lächelt er mich noch mehr an.

Ich sehe mir alles in Ruhe man und mache meine Fotos.
Anschließend halte ich ihm mein Handy mit meinem Blog auf dem Display hin und frage, ob ich seinen kleinen Laden posten darf. Er nickt freundlich und sagt, dass ich ihm den Link bei Facebook schicken soll und er meinen Blog auf der Seite der Basilika teilen werde.
Wie bitte was? Ich werd´ verrückt! Ich werde bei Facebook auf der Seite von Sienas Riesenkirche erwähnt werden?? Oh mein Gott! Vor meinem inneren Auge sehe ich große Berühmtheit auf mich zukommen, ich sehe Bilder von Beifall applaudierenden Menschenmassen von überall auf der Welt ... so wie bei der Hornbach-Werbung.
Verlegen lächle ich zurück, bedanke mich und sage, dass ich ihm den Link schicken werde.
Während wir eine von Bäumen und Büschen gesäumte Straße - die Viale dei Mille - hochgehen, male ich mir weiter fröhlich aus, dass der freundliche Italiener mit den sanften Augen mich und meinen Blog berühmt macht.
Nach wenigen Minuten erreichen wir den Vista di Siena, einen Aussichtspunkt mit Terrasse, Pavillon und Panoramablick.
Im Schatten eines großen Sonnenschirm trinken wir Cappuchino, schauen auf Siena und ich esse ein Küchlein dazu. Was für ein schöner Auftakt!
Danach tauchen wir ein in die engen Gassen mit uralten Gebäuden und kleinen Läden.

In den verwinkelten Straßen gibt so viel zu gucken, dass wir schon allein mit dem Stöbern in den Läden Stunden verbringen könnten!
Mir fallen zuerst geschmackvolle Taschen, Kleidungsstücke und Schuhe auf. Italien und Mode - das gehört einfach zusammen.
Auch an den Kartenständern könnte ich Ewigkeiten kleben bleiben. Oder sollten wir einen Wein aussuchen? Oder zuerst Souvenirs angucken? Nein, nichts von alledem machen wir.
Denn heute stehen die historischen Gebäude ganz oben auf der Wunschliste! Deswegen schauen wir die Schaufenster und Ladeneingänge nur auf die Schnelle im Vorbeigehen an.
Jede Straße ist anders und schon bevor wir auf den großen Plätzen angekommen sind, spüren wir Vergangenheit.
Häuser, Türen, Pflastersteine - alles ist uralt.
Wieviel Glück und Leid und Angst und auch schöne Stunden hier wohl schon erlebt wurden in all den Jahrhunderten?

Wir sehen immer wieder kleine Podeste mit Tischen und Stühlen, die die Hangneigung ausgleichen. Das ist so urig! Es gibt auch Bänke und Barhocker, die an den Hang angepasst wurden.
In dieser besonderen Atmosphöre trifft man sich und isst frische Pasta, trinkt Rotwein und genießt gemeinsam den Abend.
Jetzt am Vormittag sind die Restaurants aber noch geschlossen, so dass wir entspannt durch recht leere Gassen schlendern können.
Wir kommen zum Geburtshaus der heiligen Caterina (die mit dem Kopf). Wir gehen in den Innenhof und zu einem Anbau mit Statue und Blick auf die Stadt. Catarinas Körper befindet sich übrigens in Rom. Total crazy!
Die arme Mutter, die hier mal die kleine Caterina zur Welt brachte! Da kann man nur hoffen, dass sie nicht mehr mitbekommen hat, was die mit dem Leichnam ihrer Tochter gemacht haben. Das ist so brutal. Da nützt es einer Mutter doch auch nicht, dass dein Kind heilig gesprochen wird, oder?
Bevor man ihren Kopf abtrennte, wurde sie zu einer der bedeutendsten Frauen der Kirchengeschichte. In ihrem Elternhaus befindet sich ein Andachtsraum mit dem Originalkreuz, von dem sie Visionen empfangen haben soll.
Man kann auch die Wohnbereiche besuchen, ihr also quasi nachspüren. Wir nutzen allerdings nur das Besucher-WC und sind auch schon wieder weg.
In der Via della Galluzza geht es ordentlich bergauf und wir kommen außer Atem. Über unseren Köpfen spannen sich gemauerte Bögen von Haus zu Haus.
Die Straße zählt durch ihre markante Steigung und die Bögen zu einer der charakteristischsten mittelalterlichen Straßen Sienas.
Die meisten der Bögen dienen der Stabilisierung der Häuser, die beim Erdbeben 1798 stark beschädigt wurden. Nur einer der Bögen war mal ein Torbogen.
An der Rückseite der riesigen Kathedrale von Siena wird es voller.
Wir steigen eine breite steile Treppe außerhalb der Seitenwand der Kathedrale hoch.
Der Hauptplatz Sienas - der Piazza del Duomo - liegt in strahlendem Sonnenschein vor uns.
Hier sind viele der wichtigsten Spots Sienas.
Es herrscht keinerlei Hektik, obwohl der Platz recht gut besucht ist. Die Leute unterhalten sich gelassen und sehen sich um. Einige sitzen auf steinernen Bänken mit dem Rücken an die alten Wände gelehnt. Entspanntes Stimmengewirr und Sonnenwärme lullt uns ein.
In der Mitte des Platzes steht die monumentale schwarz-weiß gestreifte Kathedrale von Siena. Sie sollte eigentlich die größte Kathedrale der Christenheit werden - größer als der Petersdom - aber die Pest ist dazwischengekommen.
Der schon begonnene Bau blieb unvollendet. Übrig geblieben ist eine frei stehende Giebelwand - der Facciatone - in einer Ecke des Platzes. Man kann dort hinaufgehen, was ich ziemlich genial finde und was selbstverständlich längst auf meiner To-do-in-Siena-Liste steht!
Die imposante Kathedrale beeindruckt mit einem reich verzierten Giebel mit zahlreichen Türmchen und Bögen.
Ich will unbedingt hineingehen und danach zum Facciatone! Susi und Tatti wollen nirgends rein, finden es aber ok, auf mich zu warten.

Der Ticketkauf befindet sich neben der Kathedrale und ist gut organisiert. Mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen neben den geöffneten Türen und lassen nacheinander einzelne Personen zu den Schaltern.
Ich bin trotz großem Andrang schnell an der Reihe und hole mir den OPA SI PASS, einen Pass für die wichtigsten Spots am Domplatz.
Glücklich und beschwingt tigere ich mit der kleinen Karte zwischen meinen schwitzigen Fingern los und schlüpfe durch die mächtigen Türen der Kathedrale ins Innere.
Okay, die vielen Steifen fallen mir zuerst auf. Gemurmel hallt von den Wänden wider.
Die Kathedrale gilt als steinernes Zeugnis von Glauben, Stolz und Schönheit.
Das mit der Schönheit finde ich - ehrlich gesagt - nicht so. Durch die immense Höhe mit den langen Säulen ist sie zwar beeindruckend, aber diese vielen schwarzen und weißen Streifen finde ich einfach nicht schön! Oh Gott, wenn ich damals was zu sagen gehabt hätte, hätte es gekracht!
Dafür ist der Blick nach oben zu den goldenen Sternen in einer Kuppel umwerfend.
Und auch der Blick nach unten, auf die Intarsien im Marmorboden unter meinen Füßen, ist faszinierend.
Einige sind so kostbar, dass man sie nicht betreten darf. An ihren Rändern stehen Besucherinnen und Besucher, beugen sich nach vorne, weisen auf Details und unterhalten sich über ihre Entdeckungen.
Ich will jetzt auch eine Bild verstehen und stelle mich dafür an den Rand der Intarsie Wölfin von Siena und die Wappen der verbündeten Städte. Okay, mal sehen ...
Pisa ist ein Hase. Ich guck weiter. Rom ist ein Wolf.
Lucca ist ein Dalmatiner mit Seepferdchenkopf. Ich muss ein Grinsen unterdrücken und schaue verstohlen ins Gesicht meiner Nachbarin. Sie findet den Dalmatiner scheinbar nicht so lustig wie ich.
...okay ... nächstes Tier...
Mir fehlt schon wieder die Geduld. Und mir fehlt Herr Jander, mein alter Kunstlehrer. Er würde mir erklären, dass da auch noch Romulus und Remus zu sehen sind. Sie hocken unter der Wölfin.
Und er würde mir dabei helfen, kluge Schlüsse zu ziehen. Dann würden ich verstehen , dass es um Gemeinschaft, Demut und Selbstbewusstsein geht.
Hier und heute bleibe ich allerdings nur im dämlichen Grinsen hängen. Die klugen Erkenntnisse muss ich mir später zuhause erlesen.
Ohne Herrn Jander bleibt meine Welt irgendwie an der Oberfläche. Hmm.

Und so streife ich wie ein neugieriges Kind weiter durch die schwarz-weiße Kirche und finde alles riesig und pompös.
Aber es ergreift mich nicht und es ist auch nicht ganz so protzig wie in Venedig.

Vom linken Seitenschiff aus gehe ich in einen Nebenraum, die Bibliothek Piccolomini.
Dort sind uralte Bücher ausgestellt und die Wände sind voller farbgewaltiger Fresken.
Sie zeigen den Lebenslauf von Enea Silvio, bakannt als Papst Pius II. Der Freskenzyklus liest sich wie ein Comic. In der Bibliothel Piccolomini komme ich mit der eindeutigen Bilderfolge dann doch ganz gut ohne Herrn Jander klar.
Enea reitet los in die Welt, mischt in der Politik mit, wird Kardinal und dann Papst.
Auf einem Bild liegt eine tote Frau zu seinen Füßen. Ich lese nach, dass das die Heiligsprechung der Caterina ist. Ah ja. So hübsch war sie also, die Frau, deren Leichnam sich Rom und Siena teilen.
Tatti und Susi finde ich im Schatten der gegenüberliegenden Wand auf einer steinernen Bank wieder. Ich sage, dass ich noch nicht fertig bin. Vier Augen flackern verzweifelt auf.
Der Facciatone ist mir echt wichtig, sage ich.
Ich zeige zur Ruinenwand in der gegenüberliegende Ecke des Platzes. Von da oben hat man einen super Blick!
Sie trauen sich nicht, nein zu sagen. Sie sagen anstatt dessen resigniert, dass sie was essen wollen und frühstücken gehen. Darauf hätte ich zwar auch Lust, aber ich muss Prioritäten setzen.
Ich gehe so zügig wie ich bei der Wärme kann quer über den Platz durch die Sonne zum Facciatone und komme ins Schwitzen.
Der Fassadenwand fehlt das Gebäude dahinter und durch die Öffnungen ist der Himmel zu sehen.
Ganz oben sehe ich die Köpfe der Besucher. Mein Herz macht einen Sprung. Leute, ich bin auch gleich da oben!
Ich bin mir nicht sicher, glaube aber, dass man durch das Museo dell´Opera dorthin gelangt. Im Eingang überschüttet ein Museumsmitarbeiter mich mit einem Schwall Englisch. Er hat die Ruhe weg. Ich höre gar nicht richtig zu. Als er den Eingang endlich für mich freigibt, eile ich ins Museum, will schnell hoch und gucken und wieder runter. Ich will versuchen, danach noch etwas vom Frühstück abzubekommen.
Schon im ersten Raum fällt mir ein rundes farbgewaltiges Bild an der gegenüberliegenden Wand auf. Ich hefte meinen Blick daran, bremse, biege links ab und gehe langsam darauf zu.
In neun leuchtenden Feldern sehe ich die Jungfrau Maria und verschiedene Schutzheilige in bunten Gewändern über, neben und vor mir. Es ist ein riesiges Originalfenster aus der Kathedrale und stammt von einem Künstler namens Buoninsegna. Und es ist die älteste noch erhaltene italienische Glasmalerei.
Und es ist wunderschön.
Dann entdecke ich einen kleinen weißen Gang und will kurz gucken, ob man da auch reingehen darf und lande in der Kirche San Niccoló.
Ich nehme mein Handy, will nachsehen, ob der Aufgang zum Facciatone wirklich in diesem Museum ist und ob ich wieder zurück gehen sollte, als plötzlich draußen lautes Trommeln zu hören ist.
Ich würde jetzt gerne sagen, dass auf dem Piazza del Duomo auch ohne mich getrommelt werden kann und dass ich nicht immer überall dabei sein muss, damit ich mich um den Facciatone kümmern kann. So ist es aber nicht.
Also stürme ich ohne zu denken raus und die steile Treppe zum Domplatz hoch.
Dort schwingen, werfen und fangen zwei junge Männer orangefarbene Übungsfahnen und ein dritter trommelt laut und durchdringend.
Fahnenschwinger und Trommler - sogenannte Sbandieratori und Tamburini - repräsentieren mit diesen kleinen Choreografien die Geschichte und den Stolz ihrer Stadtviertel (Contrada). Es gibt 17 Contradas in Siena mit unterschiedlichen Flaggen. Die originalen Flaggen sind sehr kostbar und werden nur zu offiziellen Anlässen geschwungen. Die Jungs hier üben nur mit irgendwelchen Fahnen.
Ich schaue gebannt zu und spüre die Trommelschläge im ganzen Körper. Wow, ich bekomme langsam eine Ahnung davon, was den Zauber Sienas ausmacht! Es sind nicht nur die imposanten Kirchen, Museen und alten Geschichten. Es sind auch die neuen Geschichten der stolzen Menschen, die hier heute leben.
Mein Frühstück zu dritt kann ich jetzt sowieso schon vergessen. Also kann ich auch gleich alle Spots besuchen, die mein OPA SI Pass hergibt.
Erstmal zur Krypta. Der Eingang befindet sich ein paar Schritte entfernt an der Seitenwand der Kathedrale auf halber Höhe der steilen Treppe.
Die Krypta war 700 Jahre lang unentdeckt und versiegelt, einfach zugeschüttet. Als ich reinkomme bin ich geflasht.
Denn die Malereien sind so gut erhalten als hätte sie Jemand frisch an die Wände gemalt. Und sie sind mit Licht zusätzlich in Szene gesetzt. Sehr mitreißend!
Ich streune still an den biblischen Szenen in kräftigem Blau, Rot und Gold entlang und kann es kaum glauben, wie präsent die Vergangenheit an diesem geheimen Ort ist. Erst 1999 wurden die Fresken per Zufall entdeckt.
Die Bilder sind leuchtend und lebensnah und erzählen in einer klaren Sprache vom Weg Jesu, vom Abendmahl, vom Kreuz und von der Auferstehung, von seinem Weg von der Dunkelheit ins Licht. Das berührt mich nicht nur. Es ergreift mich.
Ich habe die schönste Gänsehaut, die man sich vorstellen kann, und bin dankbar für diesen Moment.
Draußen begrüßen mich wieder Sonnenschein, Lachen, italienische Satzfetzen und laute Glockenschläge. Es ist zwölf Uhr.
Ich biege links ab und will noch schnell in das Battistero di San Giovanni. Und danach kümmere ich mich darum, wie ich doch noch auf den verflixten Facciatone komme.
Das Battistero di San Giovanni ist ein Kirchenraum an der Rückseite der Kathedrale. Es wurde in den Domhügel gebaut, weswegen der Eingang unten an der breiten Treppe ist. Ein Baptisterium ist ein eigener Kirchenraum, der speziell für Taufen vorgesehen war, die früher meist nur einmal im Jahr in größeren Gruppen stattfanden.
Auch hier prasselt es Weltklasse-Kunst von allen Seiten auf mich nieder. Der Kirchenraum ist ein Feuerwerk überbordender Elemente und Verzierungen und ein Meisterwerk gotischer Kunst. In der Mitte steht ein berühmtes Taufbecken aus Marmor und Bronze mit Reliefs von einigen der größten Künstler der damaligen Zeit.
Hier hat damals ein gewisser Donatello - ein junger Künstler der florentinischen Schule - versucht, einen Künstler der sienesischen Schule zu übertreffen. Spannende Geschichte! Aber mein Kopf ist so voller Bilder und Geschichten und mein Magen knurrt inzwischen so laut, dass ich gar nicht erst versuche, mich in Donatellos ehrgeizige Ideen hineinzuversetzen. Ich mache ein paar Fotos und gehe wieder hinaus in die Sonne.
Die Welt ist ein Bilderbuch. Schade-schade, dass meine Zeit endlich ist!
Ein Blick ins Handy bestätigt mir nochmal, dass ich tatsächlich durch das Museo dell´Opera gehen muss, wenn ich auf den Facciatone will. Ich muss da nochmal rein.
Ich sage dem Mann von vorhin, dass ich aus Versehen rausgegangen bin und nochmal rein muss. Er verdreht die Augen und bewacht den Eingang als gäb´s kein Morgen. Er hält mir nochmal einen langen Vortrag, in dem es darum geht, dass er mir doch extra einen Vortrag gehalten hat. Ja, Mann, ich weiß, jetzt lass mich endlich rein!
Ausnahmsweise und großmütig gewährt er mir schließlich doch nochmal Zutritt.
In einem rot-goldenen Saal im ersten Stock mit zahlreichen Wappen an der Decke muss ich in einer langen Schlange warten. Der arme hübsche Saal! Niemand nimmt Notiz von ihm, alle sind nur scharf darauf, endlich auf die Aussichtsterrasse zu kommen.
Es werden alle paar Minuten eine Handvoll Leute durchgelassen. Als ich vorne stehe, winkt eine Frau mich und eine paar weitere Personen zu sich und nimmt uns mit in einen kleinen Turm.
Wir müssen eine enge Wendeltreppe hochgehen und dürfen zunächst auf den unteren Balkon gehen. Die Aussicht auf den Platz und die Kathedrale ist schon von hier ziemlich gut!
Hier oben weht leichter angenehm kühler Wind. Ich bin so aufgeregt, dass ich gar nicht weiß, wohin ich mich zuerst wenden soll. Der Blick zu beiden Seiten ist fantastisch!
Und dann geht es nach ganz oben! Wow - was für ein Gefühl und was für ein Ausblick!
Über mir ist nur noch der Himmel. Ich stehe auf einem Bauteil, das mal eine riesige Kirche werden sollte.
Wie ein Adlerhorst befindet sich der Balkon hoch über den Dächern! Die eigentliche Kathedrale sollte später nur noch ein Seitenschiff sein.
Das mit dem Bau der riesigen Kathedrale hat es zwar nicht geklappt, aber hier oben zu stehen, ist dafür für mich ein Traum!
Ich bin mehr als happy hier oben!!!
Auf der einen Seite schaue ich auf die schwarz-weiße Kathedrale herab und auf der anderen Seite entdecke ich zwischen Dächern und Türmen den Piazza del Campo, diesen berühmten muschelförmigen Platz, der wie eine gepflasterte Mulde zwischen eleganten Gebäuden mit tiefroten Markisen liegt.
Am Rand des Piazza del Campo ragt der schlanke Torre del Mangia in die Höhe. Da werden wir gleich noch zu dritt hingehen! Der Tag ist so unendlich schön!
Rundherum hinter den Häusern sehe ich die toskanische Hügellandschaft, die ich bis zum Horizont überblicken kann. Das ist überwältigend!!
Meine Augen füllen sich mal wieder mit Tränen.
Als ich zurückkomme, sind Susi und Tatti längst fertig mit ihrem Frühstück. Sie sind froh, dass sie nun endlich weiterziehen können. Immer wieder locken uns Schaufenster oder Ständer mit Waren an.
In einem eleganten Laden kostet Susi Trüffel und freut sich und ich freue mich, dass sie sich freut.
Der erste Blick auf den Piazza del Campo durch einen Torbogen hindurch ist wie in einem Hollywoodfilm.
Der Platz ist viel größer als auf Fotos. Der hohe Turm wirft einen langen Schatten auf das Pflaster. In seinem Schatten haben die Leute sich auf den Boden gesetzt und rutschen auf dem Po mit dem Schatten mit, wenn die Sonne wandert. Das ist Siena!
Der Platz ist wie eine Krater. Er verleitet Radfahrer zu extra Runden hinunter und wieder hoch und lässt Besucher staunen. Mit großen Augen stehen die Menschen unten in der Senke und schauen hoch zu den Rändern. Und ich stehe mit großen Augen oben am Rand.
Da wir gutes Eis lieben und ich längst weiß, dass es hier am Platz das beste Eis Sienas gibt, sind wir uns schnell einig, was wir als nächstes machen.
Und so sitzen wir sehr lange im Schatten des Torre del Mangia und essen das beste Eis des Urlaubs mit Blick auf den Palazzo Pubbilco und die gegenüberliegenden eleganten Fassaden.
Durch die Neigung sitzt man superbequem und kann ganz viel sehen. Die aufgewärmten Pflastersteine fühlen sich richtig gemütlich und anheimelnd an. Der Sommer und Siena umschließen uns komplett, nehmen uns auf die schönste Art der Welt gefangen.
Wir schaffen uns in diesem Moment eine der schönsten Urlaubserinnerungen überhaupt. Später zuhause werden wir oft denken, dass wir wieder hier sitzen und Eis essen wollen, weil hier alle Sorgen weggehen.

Das Eis ist aber auch so lecker, dass wir uns bevor wir weitergehen noch ein zweites holen. Man muss die Feste feiern, wie sie kommen, heißt es doch, oder?
Und so gehen wir schleckend weiter durch die Straßen, die sich um den Platz herum befinden.
Bei der Loggia del Papa, einer offenen Loggia, die ein Papst zu Ehren seiner Familie gebaut hat, setzen wir uns nochmal auf eine erhöhte steinerne Bank an einer Häuserwand und lassen die Beine baumeln.
Beim Schlendern durch die Straßen zeigt Siena sich weiter von seiner italienischsten Seite.
Gelato, kleine Fiats, Espresso-Zubereiter in extravaganten Designs, Cantucci, toskanische Weine, italienische Taschen und italienische Schuhe ...
An den Wänden hängen die Flaggen des Stadtteils Contrada della Pantera, der sich rund um den Campo befindet.
Zweimal im Jahr findet auf dem Campo eines der härtesten Pferderennen der Welt - das Palio di Siena - statt. Dafür tragen die Reiter die Flaggen ihrer Stadtteile stolz auf den Platz. Aber weder die Pferde, noch die Jockeys gehören zu den jeweiligen Stadtteilen. Das ist absurd. Und es ist so brutal, dass es sehr umstritten ist. Können die nicht einfach ein stinknormales Camposfest machen? Meinetwegen mit sportlichem Wettkampf. Aber ohne Pferde.
In einer ruhigeren Straße wird Hannes von einem Fremden fotografiert. Das passiert öfters. Irgendwie lustig.
Am Spätnachmittag sitzen wir mit müden Beinen und voller neuer schöner Eindrücke im Schatten unseres Olivenbaumes.
Ich sortiere die Bilder in meinem Kopf. Glückselig sitze ich da in meiner bunten Gedankenwolke und schreibe und bastle meine Reisetagebuchseite. Ich drucke dafür meine Lieblingsfotos aus und klebe sie ein. So wie jeden Tag.
Das Leben ist so bunt! Man muss nur losgehen. Und wenn man unterwegs ist, muss man die Augen aufmachen. Und genießen. Mehr nicht.
Beim Einschlafen nehme ich mir ganz fest vor, dass wir irgendwann nochmal auf dem Piazza del Campo sitzen und Eis essen werden.
Zentraler Platz in Siena mit vielen Sehenswürdigkeiten:
