Wir sind zu dritt mit Hund mit unserer 9-Uhr-Fähre unterwegs nach Venedig und wollen heute von dort weiter zur Insel Burano mit ihren bunten Häusern.
In Venedig gehen wir den uns inzwischen vertrauten Weg an den kleineren Kanälen entlang zum Canal Grande, steigen dort in ein Vaporetto und schippern hoch bis zur Rialtobrücke.

Bei der Rialtobrücke ist auch heute Morgen schon wieder Gedränge, aber wenige Schritte von der Rialtobrücke entfernt wird es auch schon wieder ruhiger.
Wir gehen durch enge Gassen und über kleine Brücken und Plätze zum nordöstlichen Ufer Venedigs.
Der Morgen in Venedigs Nordosten ist so ganz anders als der Nachmittag gestern.
Still und leer liegt alles da. Das kann Venedig also auch, zur Ruhe kommen und noch schlafen, wenn die Sonne längst am Himmel steht. Ich muss lächeln.
Wir treffen kaum Leute, nur eine Frau, die sich etwas vom Obstladen an der Ecke kauft, eine andere Frau, die auf Jemanden zu warten scheint und einen älteren Herrn, der seine Zeitung nach Hause trägt.
Wir kommen an einer sehr großen Kirche - der Santa Maria Assunta i Gesuiti - vorbei.
Ihr Dach haben wir gestern schon von der gegenüber liegenden Isola San Giorgio - vom Turm der Kirche - gesehen.
An der Haltestelle Fondamente Nove steigen wir in die Vaporetto Linie zwölf.
Sie fährt alle dreißig Minuten. Ein Einzelticket kostet 9,90, aber wir haben ja unsere 2-Tages-Tickets und können damit unbegrenzt fahren.
Der Steuermann gibt ordentlich Gas, so dass uns der Wind kräftig ins Gesicht bläst und durch die Haare fährt.
Wir halten kurz an der Friedhofsinsel Isola San Michele.
Es ist eine viereckige Insel mit einer hohen Mauer, auf der nur der Friedhof ist. Man hat die Toten damals aus Angst vor Ansteckung ausgelagert. Die Insel ist erhöht, damit die Gräber bei Hochwasser nicht überflutet werden.
Als wir wieder Fahrt aufnehmen, atme ich durch und freue mich, dass wir von einem schillernden Eindruck zum nächsten kommen. Venedig hat so viel Leben und Tempo auf eine so angenehme und unaufdringliche Weise! Langeweile ist ein Fremdwort.
Nächster Halt ist die links von uns liegende Insel Murano. Wegen der Brandgefahr wurden im Jahr 1291 alle Glasbläsereien aus Venedig hierher verlegt und inzwischen ist Murano-Glas in der ganzen Welt bekannt.
Auf Murano könnten wir der Glasbläserkunst in den Werkstätten hautnah zusehen und uns besondere Stücke aus Murano-Glas kaufen. Ein Glasmuseum gibt es auch. Das reizt uns auch, aber wir wollen erstmal zur Insel Burano und fahren weiter.
Vom Wasser aus können wir einen kleinen Leuchtturm und einige der Werkhallen sehen.
Die Fahrt nach Burano dauert insgesamt vierzig Minuten.
Schon auf dem kurzen Fußweg vom Anleger zur Ortsmitte entdecke ich Spitzentaschentücher.
Auf der Insel spielt Spitze eine große Rolle. Das werde ich mir nachher im Spitzenmuseum noch genauer ansehen.
Nach wenigen Schritten stehen wir im Zentrum und am Haupt-Kanal.
Wow!
Der Anblick lässt Susis und mein Fotografinnen-Herz höher schlagen! Die Häuserreihen sind so bunt, dass jedes Foto ganz von selbst ein Knaller wird!
Es heißt, die Fischer hätten ihre Häuser an den Farben erkennen wollen, wenn sie stundenlang im Nebel in der Lagune fischten und voller Heimweh zur Insel hinübersahen. Und man erzählt sich auch, dass ihnen die bunten Häuser geholfen hätten, wenn sie angetrunken aus der Bar gekommen seien.
Einer weiteren Legende zufolge trugen viele Familien auf Burano ähnliche Namen und wollten sich wenigstens durch unterschiedlichfarbige Häuser voneinander abheben.
Oha, drei verschiedene Versionen. Stimmt bestimmt alles ein bisschen.
Wir sind seit dem Aufstehen inzwischen knapp zwei Stunden unterwegs und haben noch nicht gefrühstückt.
Deswegen besuchen wir erstmal die Osteria Al Fureghin, holen uns Kaffee und Croissants raus und setzen uns unter einen großen Sonnenschirm an den Kanal.
Mich hält es nicht lange auf meinem Stuhl, denn gehäkelte Taschen des Nachbarladens locken mich rüber zu sich.
Ich stöbere im Laden und freue mich über viele bunte Farben und lauter kleine süße Dinge.

Die Insel Burano besteht eigentlich aus vier einzelnen Inseln, die nah beieinander liegen und nur durch Kanäle getrennt sind. Kleine Fußgängerbrücken überspannen die Kanäle und verbinden die Inselteile miteinander.
Eine weitere Brücke führt zur etwas grüneren Nachbarinsel Isola Mazorbo, die so nah dran ist, dass wir bei Ankunft dachten, es wäre nur eine Landzunge von Burano.

Mit jeder Fähre kommt ein Schwall Besucher zum schönen Kanal und es wird schnell voll. Die Menschen schlendern und gucken und machen Selfies auf der höchsten Brücke.
Ich komme mir vor wie im Legoland.
Wir gehen weiter bis zum Rand der Insel und stehen eine Weile an der Lagune. Burano ist nur 350 Meter breit und 650 Meter lang. Witzig! Echt mini!
Wir schlendern zurück und raus aus dem Zentrum und kommen an netten Cafés und hübschen Läden vorbei. An den Fassaden hängt Wäsche zum Trocknen und im Kanal liegen kleine Boote. In den Eingangstüren der Wohnhäuser hängen Vorhänge, die sich im Wind, der von der Lagune kommt, aufblähen. Was für eine niedliche bunte Idylle!
Auf Burano spielte die Fischerei eine große Rolle. Oben an einer Häuserfassade entdeckt Susi eine Marienfigur. Marienfiguren wurden dort, wo ein ertrunkener Fischer zum letzten Mal gesehen wurde, platziert.
Oh je, wie traurig.
In den Läden werden bunte Glaswaren und farbenfrohe Kleidungsstücke angeboten, aber auch weiße Spitzenwaren, Spitzenblusen, Kleider mit weißer Spitze, auch Kinderkleidchen aus Spitze, Tischdecken und Spitzentaschentücher.
Ich habe gelesen, dass Vieles aus Asien importiert ist. Frechheit! Da muss man echt aufpassen, denn die für Burano bekannte hochwertige Spitze gibt es nur in bestimmten Geschäften! Und sie ist sehr teuer!
Es gibt nur drei Kanäle auf Burano und die schreiten wir auch alle ab.
Unsere Handykameras sind beim Schlendern permanent im Anschlag. Wir sind quasi im Knipsrausch.
In den Läden bin ich geflasht von lauter Hebbetjes. Das Wort Hebbetjes kommt aus Holland. Hebbetjes sind kleine Dinge ohne praktischen Wert, die man einfach nur haben will, weil sie süß, schön oder besonders sind. So ein Wort fehlt in Deutschland leider.
Na ja, hier gibt es auf jeden Fall sehr viele dieser süßen Hebbetjes.
Ich sehe gehäkelte Kleidungsstücke und bin - oh Gott - sehr gerührt. Solche Muster hat meine Oma mir schon als Kind gehäkelt! Oma hätte hier bestimmt auch gerne gewohnt! Ich stelle mir vor, wie sie häkelnd mit den Nachbarinnen vorm Haus in der Abendsonne sitzt. Mit Likörchen.
Hach ja.
Meine Oma Elli.
Sie lebt schon lange nicht mehr.
Nun gehen wir Richtung Marktplatz - dem Piazza Baldassare Galuppi - und Richtung Museo del Merletto, einem Museum zur Kunst und Geschichte der Spitze.
An einem engen Durchgang in der Calle della Providenza stoßen wir auf einen Tisch mit Pinseln und kleinen bemalten Fläschchen.
Warte mal, sage ich zu Tatti. Ist das nicht dieser Balsamico-Typ aus der Doku?
Tatti und ich haben eine Doku mit Johannes Lafer und der sympathischen Schauspielerin, die zuletzt Frau Brunetti gespielt hat, gesehen.
Ja, er ist es.
Da spricht uns der Mann, den wir aus dem Fernsehen kennen, auch schon in gutem Deutsch an. Er lockt uns mit kleinen Probierlöffelchen eines dickflüssigen Balsamico und mit seinen Geschichten zu sich an den Künstlertisch.
Er heißt Alessandro Biagini und hat eine Zeitlang in Deutschland gelebt. Seine Familie produziert in Modena den Balsamico, der aus Traubenmost hergestellt wird und bis zu 25 Jahre in Fässern aus Holz reift. Und er und sein Sohn malen die bunten Häuser auf die Flaschen.
Ich habe noch nie einen so samtigen Balsamico auf meiner Zunge gehabt!
Die Flaschen haben mit sechsundzwanzig Euro zwar ihren stolzen Preis, sind aber so lecker, dass wir nicht anders können als uns welche zu kaufen.
Der Preis ist allerdings ein Klacks gegen das, was wir auf der Glasinsel Murano an Geld hätten lassen können.
Dort könnte man nämlich locker ein paar hundert oder mehrere tausend Euro hinlegen, wenn man sich erstmal in ein Werk aus Glas verguckt hat. Dagegen ist der Preis für unseren Balsamico ein Pups.
Als wir gehen wollen, sagt Alessandro, dass wir uns im Eisladen gegenüber ein Vanille-Eis holen sollen.
Machen wir.
...
Und ihm den Becher hinhalten sollen.
Machen wir auch.
Nun lässt er dicke Bahnen Balsamico über unser Eis laufen.
Mmmmh!! Und wieder dürfen wir einen perfekten Moment erleben, dürfen den samtigen Balsamico zusammen mit cremig-kühler Eiscreme auf der Zunge haben, während der charmante Allessandro mit Strohhut bei seinen Pinseln steht und uns freundlich beim Genießen zusieht .
Soooo leckerrrr!
Nach dieser unerwarteten Geschmacksexplosion gehen wir ein Stück Fußgängerzone und sind dann auf dem einzigen etwas größeren Platz der Insel, dem Piazza Baldassarre Galuppi.
Dort steht eine Kirche mit einem schiefen Turm und gegenüber ist das Museo del Merletto.
Ich gehe nur ins Spitzenmusem, weil es sowieso in meinem Museumspass enthalten ist. Spitze gehört nicht gerade zu meinen Leidenschaften.
Die Kunst der Burano-Spitze reicht bis ins 16.Jahrhundert zurück. Eine Herzogin gründete 1872 eine Schule, die sich in diesem Palazzo befand. Sie wollte die Tradition bewahren.
Mit den Maschinen kam das Ende der Handarbeit. Die Schule musste 1970 schließen.
1981 wurde sie als Museum wiedereröffnet. Später wurde das Museum nochmal umfangreich restauriert.
Ich schlendere durch die Räume und die filigranen Arbeiten faszinieren mich jetzt doch! Wieviel Geduld und Zeit man dafür haben muss! Und wie sorgfältig man arbeiten muss, damit es am Ende schön aussieht!
Es werden über 200 Spitzenexponate aus dem 16. bis 20. Jahrhundert in chronologischer Reihenfolge ausgestellt. Vormittags kann man sogar Spitzenklöpplerinnen bei der Arbeit zusehen.
Ach, schade. Das habe ich verpasst. Es ist schon 12.

Bevor der Tourismus auf die Insel kam, war Burano die Insel der Spitzenmacherinnen und Fischer.
Ich stelle mir die Frauen mit zarten Nadeln und Stoffen und dazu die deftigen Fischer vor. Verrückte Mischung. Da wundern einen die bunten Häuser auch nicht mehr.
Es gibt eine schöne Geschichte zum Beginn der Spitzenklöppelei auf Burano.
Man erzählt sich, dass ein Fischer kurz vor seiner Hochzeit raus zum Fischen musste und ihm dort eine Gruppe Meerjungfrauen erschienen sei. Er habe jedoch ihren Verlockungen widerstanden und sei seiner Braut treu geblieben.
Zur Belohnung habe eine Meerjungfrau mit ihrem Schwanz auf das Wasser geschlagen, woraus ein wunderbar zarter, schneeweißer Hochzeitsschleier entstanden sei. Der Schleier sei so schön gewesen, dass andere Frauen ihn haben nachmachen wollen und ... ihr erratet es nicht ... daraus soll die berühmte Buraner Spitze entstanden sein.
Ein Stück weiter entdecke ich perforierte Landkarten in Ausstellungskästen. Die Landkarten sind Teil einer temporären Ausstellung mit dem Titel Fragile Stories, bei der Spitzenmuster in einem modernen Kontext neu interpretiert werden.
Eine der Künstlerinnen, Déirdre Kelly, nutzt geografische Karten als Leinwand und lässt durch präzise Ausschnitte Muster entstehen, die an klassische Spitzenmotive erinnern.
Sie will zeigen, wie schön und auch fragil unsere Welt und unsere Geschichte sind. Sie verbindet Tradition, Kultur und Handwerk (Spitzenmuster) mit Wegen und Orten (Landkarten) und schafft dadurch eine Verbindung zwischen dem Bewahren der Vergangenheit und dem Entdecken der Welt.
Wow, Déirdre, richtig gut! Ich bin beeindruckt!
Beim Ausgang hängt eine Landkarte, auf der die unterschiedlichen Spitzenarten verschiedener Regionen gezeigt werden. Das ist auch sehr cool! Das Dichteste an unserer Heimat scheint belgische Spitze zu sein.
Oma Elli hätte so viel Freude an diesem Museum gehabt! Und hätte mir bestimmt ganz viel zu den einzelnen Spitzen erzählt. Gott hab sie selig (Sagt man doch so, oder?).
Jetzt aber wieder raus in die Sonne und noch ein bisschen bunte Klamotten gucken!
Ich frage mich, ob die Leute diese Spitzentischdecken heute noch kaufen.
Die kleinen Kleidchen schon, denke ich, aber die Tischdecken?
Hm. Wird wohl so sein, sonst würden sie ja nicht angeboten werden.
Burano ist wirklich niedlich und fröhlich und hübsch anzusehen. Ich bin froh, dass wir hergekommen sind.
Wir sehen uns in Ruhe alle Ecken an, auch die verlassenen.
Inselbewohner bekommen wir kaum zu Gesicht. Alle Leute sehen aus wie Touristinnen und Touristen. Außer natürlich die Leute, die im Verkauf oder den Cafés arbeiten.
Für einen Plausch auf der Straße mit Einwohnern muss man vermutlich im Winter herkommen. Oder abends.
Aber ist ja auch egal, wer hier wie wohnt und wie oft und wann wer vor die Tür geht oder nicht. Jetzt sind wir hier. Und es ist schön mit all den netten Plätzchen am Wasser, den bunten Waren und den tausenden von Fotomotiven, die sich aber - ehrlich gesagt - alle sehr ähneln.
Gegen 13 Uhr gehen wir zum Anleger zurück und schippern wieder nach Venedig.
Am frühen Nachmittag marschieren wir wieder durch das Cannaregio-Viertel im Nordosten der Insel zurück zur Innenstadt.
Es ist noch immer angenehm ruhig hier. Wir treffen kaum Menschen.
Auch hier überspannen zahlreiche teils verzierte Brücken die malerischen Kanäle.

Bei der Rialtobrücke tobt wieder das altbekannte Leben. Vom Schiff aus können wir sehen, dass am Canal Grande gerade eine riesige rote Bühne aufgebaut wird. Wir haben keine Ahnung, was da genau passieren wird oder wer dort auftritt. Ich vermute, dass es mit den derzeit stattfindenden Filmfestspielen zu tun hat.
Heute Morgen hat mich meine Freundin Kati aus Hamburg angeschrieben, dass ich nach Prominenten Ausschau halten soll. Wann soll ich das denn bitte noch machen?
Monate später werde ich herausfinden, dass die Bühne für Angelina Jolie ist. Und das heute hier in Venedig die Premiere des Filmes Maria, in dem sie Maria Callas spielt, ist. (Für alle, die den Film jetzt gleich suchen wollen ... - Achtung Spoileralarm! - ...er ist ganz schön langweilig.)

An der Ponte dell´Academia steigen Tatti und Susi mit Hannes aus, weil sie zurück zum Campingplatz wollen. Ich fahre weiter, denn ich bin noch so voller Adrenalin und habe große Lust, meinen Venezia Unica City Pass weiter zu nutzen und überall rumzuschnüffeln.
Und ich will unbedingt noch den Palazzo Contarini del Bòvolo mit seiner eindrucksvolle Wendeltreppe sehen!
Mein Vaporetto fährt aus dem Canal Grande hinaus auf das das weite Becken von San Marco und biegt links ab.

Am Markusplatz steige ich aus.
Die Uferpromenade hier scheint ein Nadelöhr zu sein. Ich schiebe mich durch die Massen und Souvenirstände und gehe dann in den Giardini Reali, einen kleinen rechteckigen Park, der zwischen der Promenade und den großen Gebäuden des Markusplatzes liegt.
Hier unter den Fenstern ihres Appartements soll Kaiserin Sissi gewandelt sein.
Auf einer Tafel stehen eine ganze Reihe von Verboten. Nicht essen. Nicht schlafen. Keine Gruppen, keine Koffer, kein Alkohol und keine Hunde. Ich muss erstmal überlegen, ob ich überhaupt weitergehen darf.
Ja, ich dürfte mich im Schatten eines lauschigen Laubenganges ausruhen, wenn da Platz wäre. Ist aber nicht. Ist aber auch egal. Ich will eh weiter.
Ich gehe wieder zurück zur Uferpromenade und biege links ab.
Dort ist dichtes Gedränge.
Ich frage mich, weshalb alle Leute sich hier versammeln. Wieso verteilen sie sich denn nicht ein wenig und setzen sich ein Stück weiter hin? Ich verstehe das wirklich nicht!

Es ist so schade, wenn man nur das hier und den überfüllten Weg vom Markusplatz zur Rialtobrücke als Eindruck von Venedig wieder mit nach Hause nimmt!
Ich befürchte aber, dass viele Leute sich nur an genau diese beiden Stellen erinnern.
Auf dem Markusplatz sehe mir nochmal alles in Ruhe an. Es ist anders, wenn man alleine in einer Stadt ist.
Dann sind die Geräusche intensiver. Und man geht automatisch mehr in Beziehung zu Dingen und Menschen. Man ist offener.
Geht mir zumindest so.

Ich gehe zuerst in die Bibliothek Nazionale Marciana. Dort gehe ich an Schließfächern entlang zu einer Glasscheibe. Dahinter sehe ich einen antiken Lesesaal.
Entzückt hebe ich mein Handy für Fotos. Im gleichen Moment kommt eine Mitarbeiterin hinter einem Tresen hervor und schiebt sich zwischen mich und die Scheibe. Sie will, dass ich gehe. Mist, um ein Haar hätte ich mein Foto gehabt.
Kann ich nicht wenigstens kurz..., versuche ich es nett. No, unterbricht sie mich streng.
Wenn ich eine Führung will, soll ich zum Museum Correr am anderen Ende des Platzes gehen. Ich will aber keine Führung. Ich hasse Führungen. Das sage ich natürlich nicht, bedanke mich nett und gehe.
Ich stehe unentschlossen im Arkadengang, als ich Musik höre.

Ich gehe um die Ecke und der Musik entgegen. Es ist Geigen- und Klaviermusik. Sie kommt vom Café Florian. Vor der Tür spielt gerade ein kleines Orchester. Männer in weißen Hemden und eine Frau im Kleid unterhalten die Cafégäste auf dem Platz mit ihrer Musik. Das ist wie in einem alten Film.
Beschwingt von der Musik gehe ich weiter Richtung Museum Correr. Ich will jetzt Sisis Appartement besuchen.
Dafür muss ich in das Museum Correr gehen.

Erstmal bekomme ich Gemälde, Skulpturen und andere Dinge aus der Geschichte Venedigs zu sehen.
Ich habe gar keine Muße für all die Dinge, will unbedingt zu Sissis Räumen.
Dann bleibe ich aber doch vor dem Modell eines beeindruckenden goldenen Schiffes, dem sogenannten Bucintoro, stehen und lese nach, was es damit auf sich hat.
Ein Doge habe die dalmatinische Küste von Piraten befreit, woraus der Beginn der Herrschaft Venedigs über die gesamte Adria entstanden sein soll. Aus Dankbarkeit feierte man eine spirituelle Vermählung des Dogen mit dem Meer! Total crazy! Der Doge warf bei dieser Vermählung einen goldenen Ring ins Meer. What? ... Echt jetzt? Haha, herrlich!
Dieser Städtetrip ist voller wunderschöner Geschichten!
Jetzt noch was Fieses: Napoleon ließ die letzte echte Bucintoro zerstören, weil er Venedig demütigen wollte. Der Typ wird mir immer unsympathischer.
Dann trete ich endlich ein in Sissis kaiserliche Räume! Tadaa! - Sie sind groß und prunkvoll und mir wird feierlich zumute.
Ich atme die gleiche Luft wie Sissi und gehe durch die gleichen Türen wie sie, denke ich mir und strahle. Ja, es beschwingt mich, ich gebe es zu! Und ich blicke auf die gleichen Tapeten wie sie und finde das alles ziemlich toll. Auch wenn es albern ist.
Nicht, dass ich Kaiserin Sissi-Fan bin, aber die Sissi-Filme haben bei mir als Kind einen großen Eindruck hinterlassen. Danach dachte ich lange, Kaiserin zu werden sei das einzige Ziel, das man im Leben verfolgen sollte.
Hier in Venedig hatte Sissi es allerdings gar nicht so leicht. Die Leute wollten keinen österreichischen Kaiser und haben Sissi dementsprechend kühl behandelt. Manchmal schlich sie sich durch einen Seiteneingang hinaus ins Freie und trug dabei einfache dunkle Kleidung, um nicht erkannt zu werden. Sie wollte frei sein.
Verstehe ich total! Ich hätte das auch so gemacht.
Sissi mochte es zu reisen, mochte das Meer und mochte Venedig. Die Wohnung ist so schön und hell und großzügig. Wie schade, dass sie es nicht einfach genießen konnte!
Warum ist es im Leben nur immer so kompliziert? Sie hätte sich wahrscheinlich locker eine Gondel mit Sänger in der Abendsonne leisten könnten, hat sich aber nachts davongeschlichen und im Dunkeln durch abgelegene Gegenden schippern lassen.
Und sie schrieb Gedichte, und zwar ganz schön sehnsuchtsvolle. Und deswegen glaube ich, dass sie nicht sehr glücklich war.
Hier ist ein Ausschnitt aus dem Nordsee-Gedichte-Zyklus, den sie unter dem Pseudonym Titania schrieb...
Ich barg in meinem Herzen ein süßes Bild,
so rein und so strahlend wie Himmelslicht,
das durfte nicht blühen, das durfte nicht leben -
denn Erdenschwere erstickt die Pflicht.
So trug ich es still durch die dunklen Zeiten,
verschloss es mit Liedern und schweigendem Weh,
und nur wenn die Wellen im Sturme streiten,
dann weint es auf nächtlicher See.
Soso. Ich gebe zu, dass ich nach diesem Gedicht eine heimliche Liebe nicht für ausgeschlossen halte. Und ich gebe auch zu, dass ich eine Beziehung zu ihrer Hofdame für möglich halte. Mich würde das - ehrlich gesagt- nicht wundern, aber ich bekomme darüber nichts Brauchbares raus.
Feierlich verabschiede ich mich von Sissis ausgeatmeter Luft und von Sissis Tapeten und Sissis Türen und gehe durch ein pompöses Treppenhaus hinunter zum Ausgang und dann quer über den Piazza San Marco zur Basilika di San Marco.
Dort ist die Schlange zwar nicht gerade kurz, aber ich finde plötzlich, dass ich die Basilika unbedingt auch von innen sehen muss, wenn ich Venedig wirklich gesehen haben will!
Also stelle ich mich in erbarmungslos schattenloser Hitze ans Ende der Schlange und warte.
Aber ich komme nicht mal einen Meter weit. Denn meine nackten Schultern fallen dem prüfenden Blick eines Mitarbeiters auf. Ich soll sie bedecken, sagt er. What? Ich habe nichts zum Bedecken sage ich und flehe ihn an. Dieses Gejammer hat er vermutlich den ganzen Tag. Er bleibt hart und ich muss abzischen.
Ich kaufe mir an einem der Stände auf dem Platz ein dunkelblaues Tuch für zehn Euro, das höchstens Zweifünfzig wert ist, und hänge es mir um die Schultern. Damit sehe ich aus wie die Krippenspiel-Maria an Heiligabend.
Ich stelle mich nochmal an. Das Tuch ist dick und synthetisch und darunter ist es unerträglich heiß. Schweißperlen laufen mir über Gesicht und Rücken. Das verflixte dicke Ding lässt nicht einen Lufthauch durch.
Der Schulternprüfer guckt kurz und lässt mich dieses Mal in Ruhe. Nach einer Ewigkeit bin ich beim Ticketschalter angelangt.
Und dann stehe ich auch schon im Seitenschiff der Basilika und sehe erstmal fast nichts.
Nur Leute. Und Dunkelheit und große Ornamente auf dem Boden.

Ich stehe da, hebe den Kopf und warte.
Nach einer Weile haben meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt. Über mir sind gold schimmernde Bögen und Kuppeln.
Das Sonnenlicht fällt durch kleine Fensteröffnungen und bringt tausende kleiner Mosaiksteine zum Leuchten. An Decken, Wänden und in den Bögen sind biblische Geschichten dargestellt. Beeindruckend!

Ich gehe eine große Runde durch den Kirchenraum. Riesige Marmorsäulen stützen das Dach. Sie wurden mit dem Schiff aus verschiedenen Teilen Europas hergebracht! Irre Vorstellung!
In der Mitte der Basilika stehen einfache Klappstühle. Hä? Wie merkwürdig. Passt gar nicht her.
Ich bin nicht die einzige Krippenspiel-Maria. Ein Tücher-Kiosk auf dem Markusplatz ist eine sichere Bank.
Man kann ein bekanntes Altarbild - das Pala d´Or - mit ca. 2000 Edelsteinen ansehen, müsste dafür aber nochmal sechs Euro zahlen. Und man kann auch auf eine Aussichtsterrasse über dem Piazza mit bronzenen Pferden, müsste dafür aber nochmal sieben Euro zahlen.
Ich verzichte auf Beides. Ich muss ja auch nicht immer alles sehen. Und mein Basilika-Budget ist ja schon für mein Mariatuch draufgegangen.
Ich staune über den Prunk, werde aber nicht so berührt wie sonst manchmal in Kirchen.
Ich mag lieber einfache und ruhige Kirchen. Dieser ganze Machtausdruck ist zwar beeindruckend, aber mich erdrückt er eher.
Auch im Vorraum der Kirche, dem sogenannten Narthex, ist jede Menge Gold zu sehen.
Über der Tür ist das Bild eines Heiligen, der die Kommenden und Gehenden segnet.
Also auch mich beim Gehen, was mich mit einem guten Gefühl gehen lässt.

Kaum draußen ziehe ich mir das Tuch von den Schultern und mache mich auf den Weg zu meinem letzten heutigen Ziel - zum Palazzo Contarini del Bovolo. Es ist ein Palazzo mit einer eindrucksvollen Wendeltreppe vor der Fassade.
Dorthin muss ich durch enge und einsame Gassen gehen. Total gruselig!
Meine Beine sind lahm und die Füße tun mir weh, aber ich will dort unbedingt hin! Ich habe ein mulmiges Gefühl und frage mich die ganze Zeit, ob hier manchmal Leute ausgeraubt werden.
Aber in Kurze-Wege-Venedig brauche ich zum Glück nur fünf Minuten vom Piazza San Marco zum Palazzo Bovolo ...
... und da sehe ich auch schon das versteckt liegende Gebäude mit der Wendeltreppe. Die Treppe ist durch ihre spezielle Bauweise als Scala del Bòvolo in die Kunstgeschichte eingegangen. Bòvolo bedeutet Schneckenhaus.
Der wohlhabende Adlige Pietro Contarini ließ sie um 1499 herum in den Innenhof seines Hauses bauen und wollte sich damit von anderen Patrizierfamilien abheben.
Nach dem Niedergang der Republik Venedig (1797) verarmte die Familie Contarini jedoch und der Palast diente dann mal einer religiösen Bruderschaft als Wohnheim, mal als Armenheim und auch mal als Wohn- und Schaffensort eines bekannten Komponisten - Giovanni Legrenzi - und anderer Musiker und Künstler.
Niemand kümmerte sich ernsthaft um den Erhalt des Gebäudes. Das Aqua Alta - das Hochwasser - stand in den engen Gassen besonders hoch und das Salz und der Zahn der Zeit ließen den schönen Palazzo und die Treppe immer mehr verfallen. Wie tragisch!

Ich komme mit meinem Museumspass gratis rein und steige auch gleich die Wendeltreppe hoch.
Als der schöne Turm mit den vielen Rundbögen in Orson Welles´ Film Othello auf der Kinoleinwand erschien, erlangte er Berühmtheit. Daraufhin fanden sich Spenden von Filmfreunden und Naturliebhabern zusammen, um ihn zu restaurieren.
Seit 2012 sieht alles wieder schön aus und man kann ihn besichtigen.
Ich bin in der Kuppel auf einer Aussichtsplattformm, dem Belvedere, angekommen.
Von hier oben kann ich über die Dächer hinweg den Campanile von San Marco und die Dächer der Basilika San Marco sehen. Den Campanile sieht man auch echt von überall her.
Auf der Plattform halten sich gerade drei Leute auf, fotografieren sich gegenseitig und lassen sich ewig Zeit. Ich warte echt lange mit meinen schmerzenden Füßen auf mein Foto ohne Leute. Die drei haben keinerlei Ambitionen zu gehen.
Irgendwann frage ich die drei, ob sie vielleicht kurz mal zur Seite gehen können, woraufhin sie mir drei Sekunden für meine Fotos einräumen. So ist das manchmal. Dann müssen sie eben mit in meinen Reiseblog.

Hier stand 1859 schonmal Jemand sehr lange und musste Geduld haben. Es war der Schweriner Lithograf Wilhelm Tempel, der von hier oben die Sterne am Himmel beobachtete.
Er hat sich im damals noch heruntergekommenen Turm ein Podest aus Holz gebaut und ein einfaches Fernrohr darauf gestellt. Immer, wenn eine Gondel im Kanal vorbei kam, soll es vibriert haben und seine Einstellungen sollen sich verstellt haben.
Dennoch blieb er beharrlich und entdeckte einen Kometen, der heute C/1859 G1 heißt (toller Name) und dessen Entdeckung ihn weltberühmt gemacht hat! Und dann entdeckte er auch noch den sogenannten Merope-Nebel in den Plejaden (Klingt interessant).
Was für ein Erlebnis muss das damals für den Wilhelm aus Schwerin gewesen sein! Da forschen die Studierten in der Sternwarte mit teurem Equipment. Und du stehst als Hobby-Astronom stumpf mit deinem billigen Fernrohr auf einer alten Wendeltreppe zwischen Taubenkot und glaubst an dich.
Und dann entdeckst du ein kleines Ding am Himmel, das die Sonne umkreist und einen Schweif aus Eis und Staub hinter sich herzieht!
Und als wenn das nicht schon grandios wäre, entdeckst du auch noch eine Staubwolke, die im Weltall leuchtet!
Wie glücklich er gewesen sein muss! Und wie wichtig es ist, fest an sich zu glauben. Auch wenn man in Taubenkacke steht.
Ich bleibe noch eine Weile oben und male mir aus, wie ich die Dachterrassen, die ich von hier aus sehen kann, dekorieren würde.
Per Zufall entdecke ich beim Runtergehen eine Ausstellung der Biennale im Palazzo. Es sind großformatige Bilder von einem Shane Guffog. Die Bilder sind bunt und wirr und ich sehe einen QR-Code zum Herunterladen einer App. Die App heißt Artvive. Hä? Wofür ist die? Nie gehört.
Es ist eine App für digitale Effekte. Aha. Damit soll ich die Farben und Formen auf Guffogs Gemälde zum Leben erwecken und könnte dann die passende Klaviermusik dazu hören. Klingt superspannend!
Aber ich bin viel zu erschöpft dazu, auch nur irgendetwas jetzt noch zum Leben zu erwecken oder gar zum Klingen zu bringen.
Ich brauche meine restliche Energie dafür, meine Füße dazu zu bringen, mit mir zusammen die Wendeltreppe wieder runterzusteigen und den einen Kilometer zurück zum Anleger Zattere zu gehen.
Ich schaffe es irgendwie und hole mir unterwegs etwas zu trinken und ein Eis.
Am Ende meines Tages steige ich erfüllt und beseelt von diesem unbeschreiblichen Venedig und von überhaupt allem, für das es keine Worte gibt, auf die Fähre zurück zu Tatti und Susi.
Was für ein Tag wieder mal! Was für ein Erlebnis ist Venedig!
Während der Bootsfahrt halte ich meine Nase wieder in den Wind und mein Gesicht Richtung Abendsonne. Mit geschlossenen Augen denke ich nochmal an all die Menschen in Venedig, die ihr Glück suchten oder noch heute suchen.
Ich sehe sie alle nochmal vor mir.
Die Fischer, die Stickerinnen, Alessandro mit seinem Balsamico, den alte Mann, der sich heute Morgen die Zeitung geholt hat, die strenge Frau im Museum, an den Hobby-Sterngucker, den Komponisten und den Kunstmaler, die Musiker auf dem Markusplatz und die vielen Gondolieri. Und - ganz wichtig - den Dogen, der das Meer geheiratet und den Ring ins Wasser gepfeffert hat ... und natürlich an unsere liebe Sissi, die sich heimlich rausschleichen musste, um sich wenigstens ein bisschen frei zu fühlen! ... Wie kann ich bloß mehr rauskriegen über ihre Beziehung zu ihrer Hofdame?
Schwups - legt mein Boot auch schon beim Campingplatz Fusina an und ich muss aussteigen.
Zurück auf dem Campingplatz lege ich sofort meine Füße hoch und hänge erstmal richtig lange mit einer großen Wasserflasche und unserem kleinen mobilen Ventilator dicht vor meiner Nasenspitze ab.
Tatti hat schon Wäsche gewaschen und alles aufgehängt und gegen Abend grillt sie uns Bratwurst. Perfekter Abschluss eines perfekten Tages!
Während wir ahnungslos den Tisch ganz nah am Wasser decken, lauern allerdings schon rücksichtslose Mücken in den Ritzen.
Als wir die ersten Happen nehmen, schauen uns Männer einer Schiffscrew von oben herab zu.
Das ist so witzig, die große weite Welt beim Essen dabei zu haben... Hahaha!
Und dann kommen plötzlich Mückenschwärme und es wird schwarz um uns herum.
Wir fliehen samt Tisch und Stühlen vom Wasser weg und essen schnell auf.
Eigentlich hätten wir uns das mit den Mücken denken können hier am Wasser.

Heute Abend packen wir die Campingmöbel wieder weg und fahren die Markise ein, denn morgen geht unsere Reise weiter gen Süden. Sagte ich bereits, dass ich diesen Moment des Aufbruchs auch wieder so sehr liebe?
Das ist pure Freiheit!
Insel Burano:
