Der Morgen in Lucca ist sonnig und der Himmel ist blau.
Gut gelaunt gehen wir die Straße hinunter zum historischen Stadtkern. Ihn umgibt eine breite Stadtmauer mit Wall, auf dem ein breiter Kiesweg um die Stadt herum führt. Man kann dort oben spazieren gehen und auch Fahrradfahren.
Wir wollen lieber unten ins Getümmel.
In der Stadt herrscht freundliche und entspannte Stimmung und wir fühlen uns gleich wohl.
Wir schauen Schaufenster und Fassaden an, alles ist unaufgeregt, ganz anders als in Pisa oder in Siena. Nichts drängt oder treibt uns. Susi und ich stöbern ab und an in einem Laden. Und so schlendern wir drei gemütlich durch Tattis Lucca.
Lucca wurde reich durch Seidenhandel und war jahrhundertelang unabhängig, hat sich möglichst rausgehalten, verhielt sich meist neutral und diplomatisch.
Mit seiner breiten Stadtmauer hat Lucca eine klare Grenze gezogen, denn es wollte sich nicht von Florenz schlucken lassen.
Weil keine Familie zu mächtig wirken und keine Kirche die Stadt dominieren sollte, wurden hohe Türme verboten. Auch riesige Plätze oder monumentale Achsen gibt es nicht. Und genau das mach Lucca nun aus.
Heute ist Lucca eine nette kleine Stadt mit lauter hübschen Ecken und Terrassen. Man fühlt sich gleich gut und willkommen, fühlt sich absolut wohl.
Lucca hat einen Komponisten - Giacomo Puccini - hervorgebracht, der in seinen Opern Geschichten von ganz normalen Menschen erzählte. Bis dahin handelten Opern eher von Göttern. Er aber erzählte beispielsweise von Frauen, die hofften, warteten und verzweifelten. Und er hat für La Bohème das Zittern des ersten Kennenlernens in Musik verwandelt. Hach, das gefällt mir! (Achtung Spoileralarm!) ... Die Liebesgeschichte nimmt kein gutes Ende.
Wir wollen mal wieder auf einen Turm - den Turm Guinigi - denn auf seinem Dach wächst ein Baum. Total schräg! Die Familie Guinigi kam sich damit superclever vor. Sie wollten nämlich trotz Bauverbot hoher Wehrtürme unbedingt mit einem hohen Turm angeben und beharrten dann darauf, dass es ja nur ein Garten sei.
Verrückte Welt ist das manchmal, in der wir leben!
Tatti und ich müssen 230 Stufen hoch, erst über eine normale breite Treppe, dann über eine schmale Eisenstiege mit offenen Stufen. Das ist ganz schön anstrengend.
Oben stehen wir zwischen Hochbeeten und unter dem Blätterdach alter Steineichen. Echt crazy!
Der Blick über Lucca und die umgebende Landschaft ist toll! Wir genießen diese verrückte kleine Dachterrasse ein Weilchen und gehen dann wieder runter zu Susi und Hannes.
Die kleinen Gallerien haben es mir ganz besonders angetan.

In Lucca wird zeitgenössische Kunst gefördert und lokale Künstlerinnen und Künstler verkaufen farbenfrohe Werke. Ich will auch ein kleines Bild mitnehmen und suche mir eine Postkarte mit dem Piazza dell´Anfiteatro aus.
Es ist ein runder Platz, der es mir schon beim letzten Besuch angetan hat. Und da gehen wir jetzt auch hin. Dafür müssen wir durch eines der Tore in den umliegenden Gebäuden gehen.
Der Platz wurde auf den Überresten eines römischen Amphitheaters gebaut und ist sehr süß!
Er ist - wie gesagt - rund und das macht ihn aus. Und er ist ein beliebter Treffpunkt mit vielen Restaurants und Cafés und ein paar kleinen Läden.
Wir suchen uns einen Schattenplatz an einem langen Tisch und bestellen uns Cappuccino und suchen uns dazu einen geflochtenen Hefegebäck mit Schokolade aus.
Die Stimmung auf dem Platz ist sehr italienisch und es macht Spaß mittendrin zu sitzen. Flimmernde Luft, Fensterläden, lebhafte Gespräche, Cappuccino und blauer Himmel, genau die richtige Mischung aus Freiheit, Wärme und Leichtigkeit. Die Italiener trinken übrigens nur morgens Cappuccino und ab elf Espresso. Es ist fünf vor elf. Wir dürfen uns also gerade noch so offiziell italienisch fühlen.
Ich bin schon wieder gerührt vor Glück und ahne, dass das hier mein Roadtrip der großen Emotionen wird. Dieses Mal ist alles dabei. Wütend und traurig war ich zwischendurch übrigens auch schon. Jetzt bin ich aber wieder glücklich.
Beim Weiterschlendern entdecken wir eine Frau, die Gnoccis mit der Hand macht. Selbstverloren stehen wir minutenlang da und schauen fasziniert zu, wie geschickt sie erst eine lange Schlange und dann die Gnoccis formt.
Hinter den Häusern des Piaza dell´Amfiteatro liegt auch schon der nächste lebensfrohe Platz, der Piazza San Frediano mit einer Basilika. Platz und Basilika haben ihren Namen vom irischen Missionar Frediano, der hier auch begraben ist.
Ach Gottchen, Irland. Da will ich auch unbedingt noch hin!
Straßenmusik ist zu hören und über dem Eingang zur Basilika fällt ein Mosaik auf.
Golden funkelt es in der Sonne und mittendrin wird Jesus von zwei Engeln in den Himmel emporgehoben. Das Gold soll das Licht sein, das ihn umgibt während er den Tod überwindet. Auch die Männer und Frauen, die nicht lesen konnten, sollten durch das Bild verstehen, worum es geht.
Zum Abschluss unseres Lucca-Besuchs wollen wir uns einen Barockpalast einer Adelsfamilie mit einem der schönsten italienischen Barockgärten ansehen, den Palazzo Pfanner. Er wurde 1660 von der Adelsfamilie Moriconi, die mit Seide handelte, gebaut.
Susi und ich gehen neugierig rein und Tatti muss mit Hannes draußen warten, findet es aber nicht schlimm.

Die Geschäfte der Familie Moriconi liefen eines Tages nicht mehr so gut, weil die Franzosen als gute Kunden wegfielen, denn sie kauften plötzlich ihre Seide in Lyon. Auch hat der polnische König seine Schulden bei den Moriconis nicht bezahlt.
Und schon wurde das Geld knapp. Wie das dann immer so ist, man hofft, man investiert trotzdem nochmal und man baut sich einen Palazzo, nämlich diesen. Zwanzig Jahre später wanderte der Palazzo in die Hände der Konkurrenz, der Familie Controni.
Der Garten ist leider wegen Bauarbeiten gesperrt, aber im Gebäude dürfen wir überall herumgehen.
In den Räumen des Piano Nobile (Hauptetage) stehen Glasvitrinen mit kuriosen chirurgischen Instrumenten. Sie gehörtem dem Bürgermeister und Arzt Dr.Pietro Pfanner.
Die Geräte finde ich eklig, aber die historischen Wohnräume sind spannend.
Im sonnengelben Schlafzimmer stehen ein Baldachinbett und ein Waschtisch.
Die Küche hat eine offene Feuerstelle und es stehen Kupfergeschirr und alte Keramikflaschen der Brauerei Pfanner herum.
Der österreichische Baumeister Felix Pfanner war der nächste Eigentümer. Ab 1846 mietete er zunächst nur die Keller und Gärten zur Bierproduktion, kaufte später aber den ganzen Palast. Und der Arzt Pietro mit den ekligen Instrumenten war sein Enkel.
1995 hat Familie Pfanner den Palast als Museum freigegeben. Auch als Filmkulisse diente er mal und für kulturelle Events und Hochzeiten auch.
Ich finde den Teeraum mit den abgewetzten Stühlen am Besten. Ich kenne das nämlich auch. Meine Eltern waren auch Unternehmer und wir hatten auch einen runden Tisch und auch so teures Geschirr. Und abgewetzte Stühle. Und am Ende war auch alles weg. Ich kann mir also richtig gut vorstellen, wie sie in guten und in schweren Zeiten da alle saßen und redeten und lachten und klagten.
Aufstieg und Fall liegen so nah beieinander. Schon immer. Und überall auf der Welt.
Zurück in den Gassen sehen wir doch glatt auch noch einen Laden, der Cannabis heißt.
Ernsthaft! Dort werden Hanf-Tees, Kosmetik auf Hanfbasis, Öle, Hanf-Snacks und Hanfcremes und -shampoos verkauft. Quasi als Wellness- und Lifestyle-Produkte.
Und auch getrocknete Hanfblüten mit sehr niedrigem THC-Gehalt, so niedrig, dass es nicht high macht. Es soll nur ein wenig zur Entspannung und Stressreduktion beitragen. Ob das auch immer alles so stimmt. Ich weiß ja nicht,
Wir kaufen nichts, weil wir - erstens - zu den Kandidatinnen gehören, die sich schon beim Light-Kiffen übergeben müssten und weil wir - zweitens - viel zu viel Schiss hätten, an der Grenze Probleme zu bekommen, weil der Rucksack nach Gras riecht.
Auf dem Rückweg zum Stellplatz erzähle ich den Beiden, dass heute Abend ein ganz spezieller Umzug durch Lucca stattfindet, und dass dafür überall Kerzen aufgestellt sein werden, auf jedem Mauervorsprung, in jeder Ritze. Ich habe das auf Luccas Tourismus-Website gelesen.
Es ist das Luminara di Santa Croce, eine Kerzenprozession, die jedes Jahr am Abend des 13.September durch Lucca zieht. Tausende von Kerzen werden angezündet sein. Ich stelle es mir so wahnsinnig magisch vor! Und was für ein Glück, dass wir ausgerechnet heute hier sind!
Aber Tatti und Susi sehen das anders. Sie wollen nicht noch eine Nacht in Lucca schlafen.
Ich bettele.
Sie haben keine Lust auf Chöre, Gebete und historische Kostüme.
Ich flehe.
Und auch keine Lust auf Menschenmengen in engen Straßen. Sie wollen zurück in die Ruhe der Natur.
Ich mache dicke Backen und stoße die Luft aus. Muss ich wohl akzeptieren. Zwei gegen eine.
Ich verstehe das ja auch irgendwie. Wir sind gerade so schön in unserer Mitte angekommen, da können wir ja eigentlich gar keine Menschenmassen gebrauchen.
Um dreizehn Uhr sind wir zurück beim Wohnmobilstellplatz und machen uns gleich auf den Weg ins nördlich von Lucca gelegene Gebirge, die Apuanischen Alpen. Sie sind der nördliche Teil des Apennin.
Der Apennin ist jener Rücken Italiens, der bis hinunter nach Umbrien geht, wo wir seine sanften grün bewachsenen Hügel ja an Tag dreizehn schon kennengelernt haben. Ist das wirklich erst acht Tage her? Die Tage dazwischen waren so bunt und intensiv, dass sie mir schon wieder wie eine Ewigkeit vorkommen.
Wir wollen zum Stellplatz La Cantina del Vino in Barga. Barga ist einer der drei schönsten Bergorte der Garfagna.
Auf dem Weg dorthin kommen wir an einer spektakulären Brücke vorbei, der Ponte della Maddalena. Sie wird auch Teufelsbrücke genannt, denn der Teufel höchstpersönlich soll dem Erbauer erschienen sein, als dieser nicht rechtzeitig fertig geworden sei.
Der Teufel soll dem Erbauer angeboten haben zu helfen, den Bogen mit seiner Gabel anzuheben. Als Gegenleistung habe er die Seele der ersten Person, die über die Brücke gehen würde, haben wollen.
Der Erbauer habe zugestimmt, sich helfen lassen und dann aber zuerst ein Schwein über die Brücke gehen lassen. Das habe den Teufel wütend gemacht, woraufhin er sich von der Brücke gestürzt habe und verschwunden sei. Ende der Geschichte. Und ich dachte immer, böse Teufel machen schlimme Sachen.
Leider entdecken wir keine Parkmöglichkeit für unsere beiden Vans, also mache ich nur schnell ein Foto von dem angehobenen Bogen und wir sind auch wieder verschwunden.
Unser Wohnmobilstellplatz La Cantina del Vino befindet sich auf einem Anwesen inmitten wunderschöner Berglandschaft und kostet 25 Euro (Wohnmobil und 2 Erwachsene).
Als wir die lange Auffahrt hochkommen, freuen wir uns über diesen schönen Platz und seine tolle Lage und haben uns schnell für zwei schöne Plätze am Rand entschieden.
In der Mitte des Grundstücks ist ein Hügel mit einem Wohnhaus und einem Verkaufsraum.
Wir gehen hoch zum Weingeschäft und wollen uns anmelden. Die Tür ist jedoch verschlossen.
Vor dem kleinen Ladenraum kann man auf einer Terrasse sitzen. Einen Menschen treffen wir dort zunächst nicht, nur eine Katze, die sich auf einem der Tische gerade das Fell leckt. Aus Hygieneregeln macht eine südeuropäische Landkatze sich nichts.
Auf einem Schild steht, dass man hinter dem Haus hinunter zum Fluss gehen kann, sich aber feste Schuhe anziehen soll. Und dass es auf eigene Gefahr ist. Oha! Das muss ich mir nachher unbedingt ansehen!
Dann kommt eine Frau um die Ecke. Sie lächelt nett und heißt uns auf Englisch mit niederländischem Akzent willkommen.
Wir würden gerne hier übernachten und eine Flasche Wein kaufen, sage ich.
Ob wir Strom brauchen, fragt sie, denn dann müssten wir nochmal umparken.
Ne, brauchen wir nicht.
Wir sollen später wiederkommen, wenn Francesca wieder da ist, sagt sie.
Wir vertreiben uns die Zeit mit einem Spaziergang über das Anwesen.
Es gibt sehr saubere Duschen und Toiletten, eine Frischwasserstelle für die Wohnmobile und einen Geschirrspülplatz an der frischen Luft. An mehreren Stellen auf dem parkähnlichen Grundstück können Wohnmobile stehen. Strom würde fünf Euro kosten.
Tatti und ich gehen hinter das Haus und suchen den private path to river. Es ist ein steiler schmaler Trampelpfad durch den dunklen Wald. Wir gehen ein paar Meter, aber der Weg ist uns zu steil und zu rutschig und wir kehren um.
Wir wollen nachher lieber hoch ins Dorf Braga gehen.
Als eine dunkelhaarige Frau in den Laden geht, gehen wir hinterher. Es scheint die Betreiberin zu sein. Sie ist ausgebildete Sommelier und betreibt den Stellplatz und den Weinverkauf laut Rezensionen mit italienischer Inbrunst. Das merkt man gleich.
Die Ladenregale und der Verkaufstisch sind vollgestellt mit Weinen, auch typisch toskanischen, mit Olivenölen und mit weiteren regionalen Produkten wie Honig, Marmeladen und Keksen, und die kleine dunkelhaarige Frau redet und erklärt und sprüht Energie in alle Nischen.
Wir zahlen erstmal den Platz und erkundigen uns dann nach einer Flasche Wein von ihrem Weingut.
Welchen? fragen die beiden Frauen wie aus einem Mund.
Äh, einen weißen, antworte ich.
Die zwei Frauen gehen vor den silbernen Tanks in die Hocke und zapfen Wein ab. Mal aus dem einen Tank, dann aus dem nächsten. Ich nippe, befinde vorsichtshalber den nächstbesten Weißwein für perfekt, um nicht betrunken zu werden, und kaufe eine Flasche davon.
Der Wein sei von ihrem Bruder und werde in der Nähe von Florenz angebaut. Die verschiedenen Weine im Laden kommen von kleinen Weingütern aus der Toskana und den angrenzenden Regionen. Man kann auch ein Wine Tasting buchen, das laut Rezensionen im Netz gesellig und beliebt zu sein scheint. Und man muss nichtmal fahren, hat ja gleich sein Wohnmobil dabei.
Anschließend machen Tatti und ich uns zu Fuß auf den Weg nach Barga. Wir nehmen eine Abkürzung durch den Wald. Ein kurvenreicher Fußweg durch den Wald geht ordentlich bergauf.
Im Wald entdecken wir haarige grüne Kastanien und finden mit Google Lens heraus, dass es Esskastanien (Maronen) sind. Man dürfte sie für den Eigenbedarf sammeln und selber backen oder kochen, wenn sie auf öffentlichem Gelände rumliegen. Wir lassen die kleinen Zottelkugeln aber liegen und ich freue mich lieber auf die Maronen auf dem nächsten Weihnachtsmarkt.
Nach einer Viertelstunde sind wir in Barga. Erst sind nur ein paar Wohnhäuser an der Straße und dann gehen wir durch eine kleine Geschäftsstraße bis zu einer Brücke, die zum Altstadthügel führt.
Am Stadtrand begrüßt uns eine rote Telefonzelle mit Büchern darin, denn Barga ist die schottischste Stadt Italiens. Im 19.Jahrhundert wanderten viele Einwohner nach Schottland aus und kehrten später wieder zurück..
Barga hat ein eigenes Barga-Tartan (schottisches Webmuster für Stoffe) mit Grün, Weiß und Rot für die italienische Flagge, Blau für die Nationalmannschaft und gelb für die italienische Sonne. Und einmal im Jahr findet ein Fish-and-Chips-Festival statt und auch in den Restaurants merkt man teilweise den schottischen Einfluss.
Wir gelangen über steile schmale Gassen zum Piazza Angelio. Es ist ein friedlicher kleiner Platz auf halber Höhe mit alten Stadthäusern und ein paar Bars, Cafés und Restaurants.
Und es ist eine der wenigen Stellen in der Altstadt, die einigermaßen gerade sind. Vor den Cafés sitzen ein paar Leute, Espressotassen vor sich auf den Tischen. Nichts regt sich. Es könnte auch ein Standbild sein.
Kaum ist man von einem größeren Ort ein wenig weg auf einem Berg, glaubt man sich in einer anderen Welt.
Wir gehen weiter hoch über glatt getretene Pflastersteine, schauen in eine kleine Kirche und gehen dann ganz nach oben.
Wir erreichen den schönsten Platz des Ortes, den Vorplatz der bedeutendsten Kirche Bargas, dem Duomo di San Cristoforo.
Von hier haben wir einen beeindruckenden Panoramablick auf das wildromantische Flusstal des Sercchio bis hin zu den Apuanischen Alpen. Lange genießen wir den Moment, lauschen der Stille und auch mal den Glockenklängen der Kirche.
Hier haben Kirchenglocken eine ganz andere Bedeutung als in den großen Städten. Man hört sie glasklar in jedem Haus, sie unterbrechen die Stille und bestimmen den Rhythmus des Tages. Sie sind Heimat für die Menschen, die hier aufgewachsen sind.
Die Kirche ist in schlicht und der Platz davor schön groß und weitläufig mit weitem Blick in alle Richtungen.
Auf einer Rasenfläche neben der Kirche sind weiße Skulpturen ausgestellt.
Sie sind von internationalen Künstlern, die für das Digital Stone Projekt in die Region kamen, um Skulpturen aus dem - sehr berühmten - weißen Carrara-Marmor der Gegend zu erschaffen. Bei dem Kunstprojekt ging es um den Einsatz digitaler und robotergestützter Technologien.
Ich weiß erst nicht so recht, wie ich das finden soll, sehe mir die Skulpturen aber trotzdem mal an.
Eine sitzende Frau mit einem leblosen Körper auf dem Schoß - beide überdeckt mit einem Tuch - berührt mich. Das Werk heißt La Piedad Velada und ist vom kubanischen Künstler und Wissenschaftler Gabriel Vinas. Ich werde darüber zuhause noch was lesen, um seine Absichten besser zu verstehen.
Weil wir ganz alleine sind, es so schön ruhig ist und uns nichts drängt, bleiben wir viel länger als sonst oben.
In der Kirche ist es duster.
Zweimal im Jahr scheint die untergehende Sonne ganz genau so in den Kirchenraum, dass ihre Strahlen bis hinten zum Altar auf die Statue des heiligen Christophoros treffen. Es soll ein Spektakel sein, denn es soll so aussehen, als würde er von innen glühen. Aha, nette Geschichte.
Ich habe auch so eine Ecke im Wohnzimmer, wo die Sonne nur zweimal im Jahr hinkommt, und könnte dort den heiligen Christopherus hinstellen.
Draußen auf der Mauer entdecke ich ein Schild, auf dem noch eine Besonderheit der untergehenden Sonne beschrieben wird, ein doppelter Sonnenuntergang (Doppio Tramonto). Zweimal im Jahr gehe die Sonne zuerst hinter einem Bogen unter, tauche dann aber im Bogen wieder auf um ein zweites Mal unterzugehen. Na ja. Das ist schon auch ein bisschen an den Haaren herbeigezogen, oder?
Mir ist aufgefallen, dass es in Italien öfters mal so Geschichten gibt, die dem ersten Anschein nach total wild klingen und es bei genauerem Nachdenken gar nicht sind.
Andererseits geht man durch Kirchen, die man für normal hält, und die sich plötzlich als Gruselkabinett entpuppen mit Köpfen von toten Frauen hinter kleinen Fenstern. (Sorry, Katharina von Siena, sorry, Facebook-Mann mit braunen Augen, wir sind das mit den ausgestellten Leichenteilen in Deutschland einfach nicht so gewohnt.)
Die tief stehende Septembersonne intensiviert die Farben in den Gassen auf unserem Weg nach unten.
Der Heimweg ist leichter als der Herweg. Es geht nur noch bergab und ganz von selbst.
Rote Blumen, gelbe und rosa Fassaden, hellblaue Türen und hellgrüne Fensterläden leuchten um die Wette als gäb´s kein Morgen.
Und dann schaut da auch noch ein orange leuchtender kleiner Fiat um die Ecke. Sonne und Bella Italia flirten mal wieder mit uns. Wenn ich es nicht schon wäre, hätte ich mich spätestens jetzt in Italien verliebt.

Nach dem Abendessen gehen Susi und Tatti mit dem Geschirr zum Spülplatz. In der Ferne höre ich ihre Stimmen und das Klappern des Geschirrs in der Wasserschüssel.
In ein paar Tagen bleiben uns nur noch die Erinnerungen an diese Reise. Wehmütig schaue ich nach oben ins Sternenzelt über den Bergen der nördlichen Toskana.
Ich will, dass das hier nie aufhört!
Heutiger Schlafplatz mit Bergblick:
