Morgens machen wir nicht viel Aufhebens, geben Assisi ins Navi ein - 65 km - und fahren im Uhrzeigersinn um den See herum Richtung Assisi.
Nach der Hälfte der Fahrt baut sich das dicht bebaute Perugia vor uns auf.
Wir biegen kurz vorher rechts ab und meine Vorfreude auf Assisi steigt.
Wie wird es sein, den heiligen Vibe einer der wichtigsten Pilgerstätten Italiens zu spüren?

Im Dunst taucht nach einer Weile Assisi am Hang des Monte Subasio auf. Assisi ist der Geburtsort von Frans von Assisi, einem der bekanntesten Heiligen der katholischen Kirche. Er lebte im 12. Jahrhundert und entschied sich bewusst gegen den Reichtum seines Elternhauses. Als junger Mann führte er zunächst ein sorgenfreies, eher luxuriöses Leben. Nach einer inneren Krise und religiöser Erfahrung entschied er sich für ein Leben in radikaler Armut und erneuerte durch die Gründung des Franziskaner-Ordens die Kirche im 13. Jahrhundert. Er stand für ein Leben in Armut, Frieden und tiefer Verbundenheit mit der Natur - als bewussten Gegenentwurf zu Macht und Reichtum seiner Zeit.
Nach seinem Tod wurde er heilig gesprochen und Assisi wurde ein bedeutsamer Wallfahrtsort und zählt inzwischen zum Weltkulturerbe.
Und ich bin sehr gespannt auf diesen besonderen Ort auf dem Berg da hinten!
Der Ort liegt malerisch im Grünen.
Wir parken an einem Flussbett unterhalb der mächtigen Mauern auf einem geräumigen Parkplatz für Busse und Wohnmobile.
Wir müssen uns erstmal eine steile Straße hochquälen. Es ist heiß und ich muss schniefen, weil es entsetzlich steil ist. Meine Oberschenkel brennen nach der Hälfte der Strecke.
Komisch, das sah von unten gar nicht so steil aus! Auf den letzten Metern fixiere ich eine alte steinerne Bank, die beim Stadttor steht. Bevor wir durch das Tor gehen, verschnaufen wir drei dort erstmal.
In den Gassen wimmelt es von Besuchern und die Läden sind gefüllt mit Souvenirs. Man findet Ikonen, kleinen Mönche, Engel, Marienabbildungen, Kreuze, Keramik und Stickereien in allen erdenklichen Variationen.
So etwas wie einen spiritiellen Geist kann ich auf den ersten Blick nicht erkenne. Ich sehe erstmal nur jede Menge Touristen.
Eine lange Straße führt auf das wichtigste Gebäude - die Basilika San Franceso - zu. Ich gebe zu, dass auch ich gerne etwas von dieser unsichtbaren beschützenden Macht diese Ortes spüren würde.
Im Vorhof der Basilika angekommen, entscheiden Tatti und Susi sich für eine Bank im Schatten der Arkadengänge und ich stratze frohen Mutes hinein in die heilige Stätte.
In den Kirchen darf man nicht fotografieren. Der Gebäudekomplex besteht aus zwei Kirchen, einer Ober- und einer Unterkirche und im hinteren Bereich gibt es einen zweiten kleineren Hof.
Ich lande in der Unterkirche, sehe mich um und folge der Masse und steige weitere Treppen hinunter. Unten ist es dunkel, die Decke ist niedrig und die Wände sind einfache Steinwände.
Menschen stehen mit langen dünnen Kerze in der Hand Schlange vor einer Art Altar, der sich in der Mitte des Raumes befindet.
Ich bin in der Krypta, in der der heilige Francesco (Franz von Assisi) begraben liegt, gelandet. Das Ding ist nur, dass ich das vorher nicht gelesen habe und keine Ahnung habe, dass der tote Franz von Assisi hier vor mir liegt.
Ich merke nur, dass es irgendeine wichtige Stelle ist und man Kerzen anzünden kann.
Kerzen anzünden mag ich schonmal. Also zahle ich und nehme mir eine Kerze und reihe mich ein. Neben der Schlange kniet ein Ehepaar vor einem Franziskanerbruder, der ihnen die Hände auflegt und leise spricht.
Das muss eine Segnung sein. Ich überlege fieberhaft, ob ich einfach auf ihn zugehen und auch nach einer Segnung fragen sollte. Ich stelle mir vor, dass ich dort so etwas wie spirituellen Schutz spüren könnte.
Die Stimmung ist aber so feierlich und es ist so still, dass ich kaum atmen mag und ich weiß auch gar nicht, ob man einen Franziskanerbruder hier in der Krypta einfach so ansprechen darf.
Ich bleibe lieber in der Schlange stehen und bewege mich langsam auf den vermeintlichen Altar - in Wirklichkeit das Grab - zu.
Die Leute vor mir bleiben dort kurz stehen und beten. Dann gehen sie um das Grab herum und wieder Richtung Ausgang.
Und ich trippele mit meiner langen weißen Kerze in der Hand im Strom mit und wohne einer Zeremonie bei, dessen Sinn ich nicht erfasse. Ich warte die ganze Zeit darauf, dass wir bei den brennenden Kerzen ankommen und ich meine auch anzünden kann.
Aber dann gehen wir auch schon wieder Richtung Ausgang.
Hä? Wieso habe ich meine Kerze noch immer in der Hand und die anderen Leute nicht?
Ich schaue an der Schlange hinter mir entlang und finde die Stelle, an der die Kerzen abgelegt wurden.
Dort - auf Kniehöhe - steht ein kleiner Korb mit Kerzen.
Ich bücke mich und schleiche zurück zum Korb, lege meine Kerze hinein und husche wieder an meinen Platz in der Schlange. Es ist mir peinlich, aber ich kann es nicht mehr ändern.
Später werde ich zu dem Schluss kommen, dass Franz von Assisi das bestimmt extrem locker gesehen hätte. Er war dafür bekannt, äußere Formen nicht so sehr zu gewichten. Wenn Jemand falsch handelte, aber ehrlich und respektvoll, fand er das sogar besser als leeres Mitlaufen. Für ihn zählte das Herz, die Absicht, die innere Haltung stark. Sehr beruhigend!
Vielleicht hätte er ja sogar mit mir gelacht über meinen Tanz aus der Reihe.
Bewegt gehe ich wieder nach oben und verlasse die Basilika. Ich muss mich ein wenig sammeln, bin aufgewühlt und gehe deshalb den Berg ein Stück hoch und schaue hinunter auf den Gebäudekomplex und mache Fotos von der Oberkirche.
Dummerweise gehe ich nicht wieder zurück und hinein in die Oberkirche, weil ich der Meinung bin, dass ich schon alles von innen gesehen habe.
Ich gehe zurück zu den Arkaden, wo Tatti und Susi im Schatten auf mich warten. Tatti kommt nochmal kurz mit in den Souvenirladen.
Ich suche mir einige schöne Karten, ein Santino (Andachtsbild) mit Franziskus und einem Segensspruch und ein Armband mit einem kleinen Holz-Tau aus. Ein Tau-Kreuz ist ein Symbol für franziskanische Spiritualität und für Gottes Schutz.
Dann gehen wir durch die Stadt zum östlichen Ende, entdecken weitere Kirchen und lassen das Treiben in den Straßen auf uns wirken.
Wir bekommen in den Schaufenstern ein Meer von Heiligenfiguren und -bildern und andere Dinge zu Gesicht.
Inzwischen begegnen uns auch Nonnen und Franziskaner-Brüder. Pilgerinnen oder Pilger sehe ich nicht, aber woran würde man sie auch erkennen? An Rucksack und Wanderschuhen? Ob mit Kamera oder mit Rucksack, letztendlich kommen ja alle als Suchende.
Ich frage mich als was ich hier bin, als was ich auf Reisen bin und stelle fest, dass auch ich etwas suche, etwas Halt, etwas Sicherheit, etwas, das mich in diesen unruhigen Zeiten beruhigt. Ich merke deutlich, wie schwer es in den letzten Jahren war, wieder den Krankheiten besiegen zu müssen. Und dass das, was momentan in der Welt los ist, teilweise auch so entsetzlich schlimm ist. Italien hat mir in den letzten Tagen gezeigt, wie schön es auch sein kann im Leben und dass neben dem Schlechten auch immer etwas Gutes, etwas Schönes existiert.
Und ich sehe all die Menschen hier, die das Gleiche wollen wie ich, nämlich dass wir vernünftig und wertschätzend miteinander umgehen, dass Nächstenliebe nicht nur ein Wort sein soll, sondern gelebt werden soll. Und das gibt mir Zuversicht!
Susi verabschiedet sich nach einiger Zeit und geht zurück zu den Vans.
Tatti und ich gehen weiter bis zur Basilica die Santa Chiara am gegenüber liegenden Ende der Altstadt.
Es geht auch hier wieder bergauf.
Wir lassen uns von einem Straßenmusiker mit einer Geige verzaubern, gehen in Kirchen, staunen über 2200 Jahre alte römische Säulen mitten n der Stadt und bringen mit einer Münze eine elektrische Kerze vor einer Madonnenstatue zum Leuchten.
Wir genießen die Sonne, die Musik und die besondere Stimmung in den Straßen.
Jemand hat ein berühmtes Bild von Maria mit dem Jesuskind mit bunter Kreide auf das Pflaster gemalt. Heilige sind in Assisi selbstverständlicher Teil des Alltags.
Und wir bekommen langsam Lust auf Kaffee und was Süßes.
Wir gelangen zur Kathedrale di San Rufino. Dort wurde Franziskus getauft und die ebenfalls bekannte Klara hörte hier seinen Predigten zu. Klara wurde zu seiner engen Weggefährtin und gründete den Orden der Klarissen, den weiblichen Zweig der franziskanischen Bewegung.
In der Kathedrale di San Rufino fällt uns ein kleiner Altar mit dem Foto eines dunkelhaarigen Jugendlichen auf. Daneben steht in einem beleuchteten Fach eine Art Pokal. Davor stehen brennende Kerzen.
Wer ist das? Ich recherchiere.
Es ist Carlo Acutis, ein italienischer Jugendlicher, der mit 15 Jahren an Leukämie starb und nach seinem Tod erst heilig, dann selig gesprochen wurde. Und der Pokal ist ein goldenes Reliquiar. Darin befindet sich ein Stück seines Herzens!
Carlo Acutis war tiefgläubig. Er erstellte eine Website über eucharistische Wunder und wird als Vorbild für junge Christen weltweit verehrt. Auch werden ihm wundersame Heilungen zugesprochen.
Später zuhause werde ich noch lesen, dass man seinen Leichnam, exhumiert und hergerichtet hat nachdem er 2019 heilig gesprochen wurde. Nun kann man ihn in der Kirche Santa Maria Maggiore in Assisi besuchen, und den Leichnam sogar durch eine Glasscheibe sehen.
Wir schlendern weiter und lassen das Leben in den Straßen weiter auf uns wirken.
Mir fällt eine Kette mit Rosettenanhänger im Schaufenster der kleinen Schmuckmarke Humilis auf.
Ich gehe in den Laden, will nur kurz gucken und komme mit einer neuen Kette wieder raus. Ich konnte nicht widerstehen.
Wir finden einen freien Tisch beim Restaurant San Francesco, von dem aus wir auf die Basilika di Francesco schauen können. Perfekt!
Ich hole meine neue Kette raus und öffne das Schmuckkästchen.
Der Markenname Humilis bedeutet demütig. Und der Anhänger stellt die Rosette der Basilika, die wir vor uns sehen, dar. Sie steht für das göttliche Licht, das in die Welt strahlt. Humilis macht Geschäfte mit der Sehnsucht der Leute nach etwas Göttlichem. Und bei mir funktioniert das offensichtlich prima. Ich weiß das zwar, fühle mich aber trotzdem richtig gut mit meiner neuen Kette und dem göttlichen Licht!
Entrückt schaue ich von meiner Kette zur Basilika und zu Tatti und wieder zurück zu meiner Kette. Dabei nehme ich einen Happen von meinem köstlich-cremigen Eis - einem Biscotto Gelato der Gelateria del Corso - und grinse Tati mit vollem Mund an.
Das Biscotto Gelato ist ein handgemachtes Eis mit zwei kakaobraunen samtweichen Keksen. Es schmeckt himmlisch! Vorsichtig berühre ich den Anhänger meiner Kette. - Hach, Franziskus, nun hat mich dein Zauber erfasst. Mit Glitzersteinen und Gelato. Schlimm?
Ich genieße den schönen und intensiven Moment an diesem tollen Tisch mit Blick auf die Basilika sehr! Und darauf kommt es an!
Auf unserem Rückweg kommt uns in einer schmalen Gasse ein weißer Wagen entgegen. Rechts und links an der Gasse ist kaum Platz und der Wagen fährt direkt auf uns zu.
Wir huschen schnell in eine Mauernische und der Wagen rauscht auch schon an uns vorbei. Hoppala!
Darin sitzen und lachen eine Handvoll Ordensfrauen.
Erfüllt gehen wir wieder durch das große Stadttor raus aus der Stadt und hinunter zu Susi.
Abends ist Assisi mit Lichtern in Szene gesetzt, was man von Stellplatz aus gut sehen könnte. Aber Tatti und Susi wollen lieber weiter.
Und auch ich habe Lust auf die hügelige umbrische Landschaft, die uns als Nächstes erwartet. Ciao Franz von Assisi! Ciao Carlo Acutis! Ciao Nonnen!
Wir fahren gut siebzig Kilometer weiter gen Osten und aus sanften Hügeln werden die hohe bewaldete Berge des Gebirgszuges Monti Sibillini in der Region Marken.
Unser Ziel ist der Lago di Fiastra. Es ist ein Stausee, den Susi bei ihren Recherchen entdeckt hat.
Der Lago di Fiastro liegt auf 650 m Höhe und ist eingebettet in eine Bergwelt mit bis zu 2300 m hohen Gipfeln.
Die Anfahrt ist ein bisschen mühsam. Die Straße ist kurvig und schmal und die Wegdecke an einigen Stellen kaputt.
Immer wieder müssen wir langsam fahren oder an einer Baustellen-Ampel warten, weil die Straße ausgebessert wird. Die ganze Region wirkt wild und vom Tourismus nahezu unentdeckt. Ich fühle mich wie im Urwald.
Hinter einer Bergkuppe können wir den Stausee in der Ferne weit unter uns liegen sehen. Wir wollen für einen Stop mit schöner Aussicht zu einer Panoramaterrasse am Nordufer.
Dafür müssen wir zunächst ein Stück um den See herumfahren und durch ein kleines Bergdorf. Das Dorf hat höchstens zwanzig Einwohner und in der Dorfmitte ist eine Kurve, in der die Häuser so eng beieinander stehen, dass wir mit unserem recht breiten Fahrzeug kaum durchkommen.
Es ist mal wieder Millimeterarbeit. Erleichtert atme ich auf als wir durch sind.
Wir fahren durch Bergwiesen, an einer kleinen Kirche vorbei und dann direkt auf den Aussichtspunkt zu.
Er liegt in einer Haarnadelkurve, die links wieder nach oben führen würde. Das Wasser sehen wir zunächst nicht. Wir parken erstmal auf dem Schotterplatz an einer Wiese mit Picknicktischen und einer Terrasse über dem See. Dann sehen wir es, das Wasser!
Beim Herausspringen aus den Autos schauen Susi und ich uns kurz an und wissen mal wieder beide ohne Worte, dass hier alles stimmt.
Der Ausblick. Das Gefühl. Das Türkis des Wassers. Und das Grün der Wälder und Wiesen. Dazu die Gipfel, der leichte Wind und die Einsamkeit.
Wir gehen zur Terrasse und lehnen uns gegen die Ballustrade. Wir können an beiden Seiten weit hinaus auf den See schauen.
Und wir sind so happy!
Lass uns hier schlafen, sage ich und Susi ruft Jaaaa!
Findet ihr das hier so gut? fragt Tatti so nüchtern wie sie eben immer sein kann.
Tatti stört, dass der Parkplatz in einer Kurve liegt. Aber wir können sie überzeugen, dass von den geschätzten zwanzig Dorfbewohnern wahrscheinlich heute Nacht Niemand mit dem Auto unterwegs sein wird.
Und Besucher kommen ja auch nur tagsüber hier hoch auf die Bergwiesen.
Sie stimmt zu und wir haben einen wundervollen Nachmittag mit ganz viel Ruhe, Genuss, Weitblick und Happiness hier am Lago di Fiastra in den sibillinischen Bergen.
Weder von den Bergen noch von dem See hatte ich vorher je etwas gehört.
Als die Lichter angehen, sehen wir, dass schräg unter uns ein Campingplatz ist. Aber es bleib die ganze Zeit absolut ruhig.
Wir sitzen auch abends noch lange draußen und essen und rauchen (ich nicht) und trinken (ich schon) und träumen und gucken auf den See bis wir müde werden und schlafen gehen.

Unser Schlafplatz am Lago di Fiastra heute:
